Archive for the ‘Literatur’ Tag

Lazarus über Tanz als Spiel

Vor fast fünf Jahren waren sowohl eine Interviewperson als auch ich uns im Augenblick des Gespräches nicht ganz sicher, ob Tanzen ein Spiel sei. Diese Frage geisterte mir, umgeben von weiteren Themen, seitdem durch den Kopf. Inzwischen habe ich im Text „Über die Reize des Spiels“ von Moritz Lazarus (1883; feinstes Sütterlin) eine vorläufige Antwort gefunden.

Lazarus klassifiziert Spiele in drei Kategorien: Zufalls- und Verstandesspiele als älteste Spielarten, Übungsspiele und Idealspiele. Die Übungsspiele unterteilt er in Tätigkeiten zur Entwicklung von kognitiven und motorischen Fertigkeiten, die dazu dienen sollen, geistige und körperliche Anstrengungen zu überwinden, um die jeweilige Arbeit spielerisch i. S. v. leicht ausführen zu können. Lazarus wählt als Erklärung folgenden Vergleich: Während stundenlanges Gehen langweilig und mühsam sein kann, erscheint mehrstündiges Tanzen oft angenehm und leicht. Gehen bezeichnet der Autor zudem als eine zielgerichtete Tätigkeit auf einer geraden Linie, Tanzen hingegen als eine kreisförmige Bewegung, die immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt und nur auf eben diese Bewegung gerichtet ist.

„Somit ist das Tanzen nicht bloß ein allegorisches Abbild des Spiels, daß auf keinen bestimmten Zweck hinzielt, vielmehr in der Thätigkeit selbst den Zweck, nämlich das Vergnügen enthält, sondern eine verkörperte Form des selben“ (S. 128f.).

Mit dieser Begründung ordnet Lazarus den Tanz in die Kategorie Übungsspiele ein und nennt zugleich zwei Merkmale von Spiel, die im Tanz enthalten sind: Selbstzweck und Freude. Es lassen sich aber noch weitere Kennzeichen von Spiel erkennen: Tänze zu Lazarus‘ Zeiten und aktuell Gesellschaftstänze unterliegen bestimmten Regeln, werden freiwillig ausgeführt, bilden einen Kontrast zum Alltag, führen zu Lerneffekten, sind wiederholbar sowie begrenzt in Zeit und Raum. Sogar das Merkmal Scheinhaftigkeit liegt beim Tanz nach der Erklärung von Lazarus vor. Offenkundig wird die Scheinhaftigkeit des Tanzes z. B. beim sogenannten Moonwalk, einem Tanzschritt, der in den 1980er Jahren durch Michael Jackson populär wurde und eine Vorwärtsbewegung durch Rückwärtslaufen vortäuscht. Der Schwan ist im Ballett kein Schwan und stirbt natürlich auch nicht usw. Leider habe ich all‘ das vor einigen Jahren noch nicht miteinander in Verbindung bringen können. Andererseits beeinflußt dieses Wissen die Analyse des Interviews nicht. Die Frage nach dem Tanz als Spiel spielt für das Thema Hörsaalspiele erst einmal keine große Rolle. Für mich war das Suchen und Finden einer Antwort einfach nur schön. Und wer bringt Schönheit mit Spiel in Verbindung? Friedrich Schiller. Aber, das ist schon wieder ein anderes, schönes Thema.

Literatur: Lazarus, M. (1883). Über die Reize des Spiels. Berlin: Dümmler.

Kein Zugriff: Konrad Jacobs (1976)

Update 23.04.2019: Artikel erhalten. Die Angaben zum Original sind im (Sekundär-)Beleg leider nur teilweise richtig.

In verschiedenen Foren wird von Studierenden regelmäßig nach dem richtigen Umgang mit Sekundärzitaten gefragt. Meistens heißt es als Begründung, die Originalquelle sei nicht zu beschaffen und jedesmal denke ich nur kurz: Hmm… Weiterlesen

Nur einmal Flechsig, bitte!

Update 07.11.2018 – Sesam, öffne dich!: Der Raum mit dem Handapparat ist tatsächlich frei zugänglich. Die Bücher befinden sich jedoch in einem riesigen Schrank mit abgeschlossenen Glastüren. Ich stehe vor einem Schatz und komme nicht ran! In meiner Verzweiflung spreche ich ungeniert fremde Männer an, die mir prompt helfen: Sie öffnen die Türen zum Bücherschrank und stellen PC und Scanner für den Gastzugang ein. Ich hab‘ den Flechsig. Ein Hoch auf die Physik-Didaktik der Universität Regensburg! Weiterlesen

Sauer: Geschichte unterrichten

Guten Freunden gibt man ein … Buch. In diesem Sommer beschenkte mich Gabriele Magull mit der Lektüre „Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik“ von Michael Sauer (2001). Ich war mal wieder auf der Suche nach dem Ursprung. Diesmal ging es mir um die Didaktischen Funktionen der vier Phasen von Unterrichtsgestaltung: 1) Einführung, 2) Arbeit am neuen Stoff, 3) Festigung sowie 4) Kontrolle und Bewertung. Während ich so quer vor mich hin las, sprang mich der Abschnitt 4.3.9 (S. 125 – 133) an. Spiele werden dort unter Prinzipien und Methoden des Lehrens und Lernens verortet! Monika Maria Möhring hatte also recht mit ihrem Hinweis, mich mal in eine andere Disziplin zu wagen, denn allein die Literaturliste ist der Hammer schlechthin! Weiterlesen

Strauss/Corbin: Grounded Theory

Dieses Wochenende war ursprünglich für die Teilnahme an einem Seminar zur Grounded Theory reserviert. Weil ich jedoch bei diesem Treffen nicht anwesend sein konnte, schreibe ich hier ein paar Gedanken auf zu dem Buch „Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung“ von Anselm Strauss und Juliet Corbin (1996). Es wird keine übliche Inhaltsangabe, nur das, was mir mit und durch den Text passiert ist. Weiterlesen

Hallmann: Spielst du noch oder lernst du schon? Spielend lernen in der Vorlesung

Irgendwann würde ES passieren, das ahnte ich von Anfang an. „Du brauchst keine Angst davor zu haben“, beruhigte mich dann Christian Spannagel. Wie recht er damit hatte, erkannte ich allerdings erst heute. Die Nachricht von @timovt erreichte mich genau in dem Augenblick, als die Auswertungen der ersten Daten vorlagen: Da arbeitet noch jemand an „meinem“ Thema! Nach der ersten Schrecksekunde (ehrlich gesagt ging das schon eher in die Richtung einer kleinen Schockstarre) habe ich den Artikel von Corinna Hallmann (2014): „Spielst du noch oder lernst du schon? – Spielend lernend in der Vorlesung“  gelesen und festgestellt, dass der Beitrag ein Glücksfall für mich ist. Weiterlesen

Apel: Die Vorlesung

Für die Entwicklung von Spielen im Hörsaal ist es meiner Ansicht nach notwendig, neben den Merkmalen von Spielen auch die Ziele von Lehrvorträgen im Blick zu haben. Nachdem ich seit einiger Zeit darüber nachdenke, welche Ziele die Vorlesung hat (z. B. hier), fand ich nun das, schon etwas ältere, Buch „Die Vorlesung. Einführung in eine akademische Lehrform“ von Hans Jürgen Apel (1999). Es scheint, als wäre ich mit den bisherigen Hörsaalspielen schon in die richtige Richtung gegangen. Weiterlesen

Portmann: Die 50 besten Spiele für mehr Sozialkompetenz

Wie es der Teufel haben will, legt die Bibliothekarin den Bestellschein für dieses Buch mitten in das Spiel Nr. 13 (S. 30f.). Es hat einen ungewöhnlichen Namen („Spießrutenlaufen“) und während ich noch darüber nachdenke, was an dieser Bezeichnung lustig sein soll, entgleisen mir komplett die Gesichtszüge: „Alle, die die Gasse bilden, machen jedes Kind, das durch die Gasse geht, verbal an, sie schimpfen, sie spotten, sie beleidigen, sie schaukeln sich gegenseitig hoch. […] Es darf mit Händen und Fäusten gedroht werden…“. In einem Gespräch soll anschließend über die Gefühle während des Spiels gesprochen werden. „Damit keine Kränkungen zurück bleiben, sollte das Spiel zum Abschluss noch einmal gespielt werden, diesmal aber mit positiven Bemerkungen“. Dazu gibt es folgenden Hinweis: „Auch hier muss wieder sehr darauf geachtet werden, dass das Spiel nicht ‚ausgenutzt‘ wird, um Außenseiter oder schüchterne/schwächere Kinder niederzumachen“ (a. a. O.).

Die Autorin ist nach Auskunft des Verlages Dipl.-Psychologin, arbeitet(e) bei einem Schulpsychologischen Dienst und bildet(e) u. a. Lehrkräfte fort. Das klingt für mich nach einer Menge Erfahrung bei der Lösung von Problemen im schulischen Umfeld. Vielleicht könnte man das Spiel noch in die Nähe der Konfrontationstherapie rücken, die bei kranken Menschen einen Nutzen haben soll. Dennoch halte ich diese Übung in der beschriebenen Form für ungeeignet. Das ist allerdings eine subjektive Meinung und deshalb ziehe ich die charakteristischen Merkmale des Spielbegriffs heran. Viele Autoren (z. B. Huizinga, Fritz, Thiesen, Oerter) nennen (1) Freiwilligkeit als Kennzeichen von Spiel. Während die Teilnahme an dieser Übung noch als freiwillig gelten kann, so ist mir bis auf den Sonderfall „Schauspieler“ kein Mensch bekannt, der sich freiwillig beschimpfen lassen möchte. Das Spiel ist (2) zeitlich und räumlich begrenzt. Es werden (3) Spielregeln vorgegeben und es lässt sich (4) wiederholen. Die Sache mit dem (5) Selbstzweck ist schon etwas schwieriger. Da die Übung im Buch in die Kategorie „Spiele zur Integration“ eingeordnet wurde, trifft dieser Punkt wohl eher nicht zu. Ebenso wenig dürfte (6) ein Gefühl von Spannung und Spaß oder (7) ein Kontrast zum Alltag auftreten. Lerneffekte (8) hingegen könnten mit gutem Willen zu beobachten sein. Grundsätzlich sind also nur die Kriterien 6 und 7 nicht erfüllt. Aus psychologischer Sicht ist es möglicherweise sinnvoll, dieses Spiel in Gruppen einzusetzen. Als Lehrer würde ich jedoch, wenn überhaupt, mit der positiven Variante beginnen. Letztlich stört mich in diesem Fall wohl am meisten, dass für mich eben kein Kontrast zum Alltag (z. B. in den Pausen auf dem Schulhof) erkennbar ist. Von Spaß rede ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst. Etwas gefällt mir trotzdem an diesem Beispiel: Es zeigt mir, worauf ich bei der Auswahl und Bewertung von Spielen immer wieder achten muss. In diesem Sinne will ich die restlichen 49 „besten Spiele“ unter die Lupe nehmen. Vielleicht finde ich dabei auch ein teuflisch gutes Spiel.

Dresing/Pehl: Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse

In der Präsenzveranstaltung „Experteninterview und Qualitative Inhaltsanalyse“ wurde als Beispiel für die technische Umsetzung u. a. das Programm „f4“ (audiotranskript) von Thorsten Dresing und Thorsten Pehl genannt. Die beiden Gründer von „audiotranskript“ stellen ihr Praxisbuch mit dem Untertitel „Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende“ kostenlos im Netz zur Verfügung mit der Begründung, dass dadurch die Inhalte immer auf dem aktuellen Stand gehalten werden können. Im Gegenzug würden sie sich bei Gefallen über eine Verbreitung z. B. in Blogs freuen. Da ich sowieso darüber schreiben wollte, passt also erst ‚mal alles bis auf den Wunsch nach einer bestimmten Zitation. Ich beziehe mich im folgenden Text auf die Version vom 10. 09. 2013.

Nach einer kurzen Einführung über den Sinn und Zweck Qualitativer Interviews werden in einer Tabelle gute und schlechte Fragen gegenübergestellt (S. 9). Einigen Tipps zur Interviewvorbereitung und -führung folgen sieben Handlungsanweisungen. So sollen z. B. suggestive Fragen und die Bewertung der Aussagen vermieden werden. Hilfreich finde ich, dass man nicht am Leitfaden kleben muss und situationsabhängig Änderungen vornehmen kann (S. 12). Es werden Probleme beschrieben, die beim Interview auftreten können und dazu Lösungsvorschläge angegeben (S. 14). Der Abschnitt zur Aufnahmetechnik löst ein wenig Unbehagen aus, aber auch hier gibt es einen Notfallplan (S. 13ff.). Nach der Erläuterung, was Transkription bedeutet, folgen Beispiele und Regeln für ein einfaches Feintranskript (S. 20). Beim Kapitel „Einheitliche Schreibweise“ stoße ich allerdings auf ein Problem: In der PV habe ich mich noch über die Schreibweise von Zahlen gewundert. Jetzt komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus: Zahlen werden nach diesem Buch „bis zwölf“ ausgeschrieben (S. 23). Das lässt mir keine Ruhe, also suche ich und finde im online-Duden, dass diese Vorgabe eine „früher gültige „Buchdruckerregel“ war, sich die „Gepflogenheiten“ aber bei „zwölf“ eingependelt haben. Ich empfinde die verschiedenen Regelungen innerhalb der Wissenschaftsgemeinde ‚mal wieder als sehr verwirrend, zumal die Autoren ihre Empfehlung manchmal selber ignorieren (z. B. S. 28, S. 45). Bei den Angaben zur Dauer einer Transkription muss man etwas rechnen können (S. 27) und über die Pauschalpeilung (einhundert mal Interviewdauer) denke ich lieber erst nach, wenn es so weit ist (S. 34). Gleiches soll für die Beschreibung der technischen Details gelten (z. B. S. 37 bis S. 65), denn dazu brauche ich zunächst das Programm.

Tja, da schlägt man ein Buch auf, um Antworten zu finden und schon hat man zig neue Fragen. Trotzdem ist der Text eine gute Hilfe, teilweise witzig geschrieben und mit anschaulichen Beispielen versehen, die aus der langjährigen Praxis der Autoren stammen. Wie ich das Angebot „Transkriptionsdienst“ finden soll, weiß ich noch nicht. Fällt das denn nicht unter „fremde Hilfe“?

Burow: Positive Pädagogik

Heute mal ein kleiner Kracher aus dem Bücherregal für Freunde der gepflegten Forschung, Lehrende und Eltern. Mit „Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück“ klang der Buchtitel für mich zunächst etwas …hmm…naja…, aber das Thema des ersten Teils „Wie das Glück aus der Schule verschwand“ machte mich neugierig.

In der Einführung erinnert der Autor an Ernst Christian Trapp, der bereits im 18. Jahrhundert die „Bildung zur Glückseligkeit“ als Erziehungsziel im Visier hatte (S. 9). Burow wird sehr deutlich, wenn er von den Schulleistungsvergleichen der Gegenwart schreibt, in der uns die „Diktatur der Zahlen die Gehirne vernebelt“ (S. 10). Ebenso frustrierend klingt seine Feststellung, dass Lehrer/innen und Schüler/innen in der Schule immer neuem Druck unterliegen. Doch Burow bleibt nicht bei der Beschreibung der Misere, er bietet Lösungsmöglichkeiten. Der Autor meint, dass wir Experten „überschätzen“ und das eigene Wissen „unterschätzen“ würden (ebd.). Er will deshalb zeigen, wie Schüler/innen und Lehrer/innen ihren Arbeitsalltag glücklicher gestalten können (S. 12).

Teil 1 „Wie das Glück aus der Schule verschwand“

Nach der Definition des Begriffes „Glück“ von Basedow aus dem Jahr 1880 (S. 15) verschlug es mir erst mal die Sprache, als Hoyer von Burow zitiert wird: „Wilhelm von Humboldt vertrieb das Glück endgültig aus der Pädagogik“, denn Glück zählte für Humboldt offenbar nicht zu den Bildungszielen (S. 17). Das wiederum beißt sich mit Kant, der nach Overhoff (2009) „das mit einem ‚Gefühl der Lust‘ verbundene Lernen als unverzichtbares Mittel zur Bildung […] beschreibt“ (S. 19). Bevor mir der Spaß am Lesen vergeht, beantwortet Burow die Frage, warum sich Erkenntnisse nicht durchsetzen. Als Beispiel führt er den „Klassiker ‚Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung‘ (1974)“ von Karlheinz Ingenkamp an, dessen Studienergebnisse 2006 von Hans Brügelmann bekräftigt wurden. (S. 24). Burows Ansicht nach wird zu viel „Bestätigungsforschung“ betrieben. „Sie bestätigt in vielen Fällen immer wieder nur das, was bereits bekannt ist und was der durchschnittlich informierte Laie auch durch Beobachtung und Nachdenken herausfinden kann“ (S. 24f.). Zack, das hat gesessen! Als einen der Gründe nennt er materielle Anreize, was ich nicht gut finden muss, aber durchaus nachvollziehen kann.

Von der Forschung geht es weiter zur Benotung in der Schule. Ein Satz klingt bitterböse nach und lässt mich nicht mehr los: „Das permanente Messen und Kontrollieren nehme den Menschen die Würde, zwinge sie zu permanenter Rechtfertigung und liefere sie zudem zu oft der Erfahrung des Scheiterns aus“ (S. 27). Burow ergeht sich jedoch nicht nur in Kritik am Nutzen von Forschungsergebnissen, sondern macht einen Vorschlag, wie Lehramtsstudierende damit umgehen könnten. Außerdem hält es der Autor für notwendig, praxisorientierter zu forschen, um den Unterricht zu verbessern (S. 28). Mich beschleicht grade das Gefühl, dass mein Statistikschein für den Eimer ist, was das Thema „Hörsaalspiele“ betrifft. Eine Befragung von Lehrer/innen durch Czerwenka und Terhart aus dem Jahr 1994 bestätigt Burows Beobachtung, dass aus diesem Grund Studierende und Lehrende nicht viel Wert auf Forschungsergebnisse legen, wenn es um ihren schulischen Alltag geht. Eine Studie von Tino Bargel (2010) mit 15 000 befragten Studierenden ist für mich das Stichwort zum Thema „Spiele in der Vorlesung“. „Demnach ist aus dem Studium eine kühle, stressige, spaßfreie Veranstaltung geworden“ (S. 34). Wenn sich diese Einschätzung durch den Einsatz von Spielen nur ein mü ändern ließe das würde mir für den Anfang schon reichen. Der erste Teil des Buches schließt mit einem recht merkwürdigen Satz, der sich auf den Lernprozess bezieht. Burow meint, dass Eltern, Lehrer und Schüler mehr damit vertraut sind, als einige Forschende (S. 35). Eigentlich logisch, oder? Bevor ich aber meinen Glauben an Schule und Forschung verlieren kann, bin ich schon beim zweiten Teil des Buches.

Teil 2 „Wie das Glück wieder in die Schule hineinkommt“

Für Burow stehen Freude am Lernen und das Glück der Schüler und Lehrer im Zentrum der Schule (S. 38f.). Er meint, besserer Unterricht sei mit der Methode „Zukunftswerkstatt“ von Robert Jungk und vor allem der Erinnerung von Lehrenden an die eigene Schulzeit zu erreichen (S. 42f.). Als wichtigste Aufgabe der Schule gibt er übrigens den Aufbau von Beziehungen im Sinne sozialer Netze an. Hmm, irgendwie klingt das schon wieder… ach, ich weiß ja auch nicht! Sofort zustimmen kann ich aber seiner Meinung, dass der Zusammenarbeit eine maßgebliche Bedeutung zukommt (S. 51). Der Autor nennt als Beispiele für sein „Modell synergetischer Kreativität“: Goethe und Schiller, Gates und Allen, Lennon und McCartner, Jobs und Wozniak sowie Hewlett und Packard (S. 50 – 58). Deren Gemeinsamkeit beschreibt er so: „Am Anfang steht ein ‚positives Gefühl’“ (S. 58). Jedes Kind in der ersten Klasse dürfte sich noch an die Freude auf die Schule erinnern.

Burow lobt das Internet als ausgleichendes Moment für ungleiche (regionale) Voraussetzungen und Motor neuer Ideen zum Nutzen aller, die Bildung und Vernetzung vorantreiben wollen (S. 62f.). Als aktuelles Beispiel fällt mir dazu der #EdChatDe auf Twitter ein. Dieser Treffpunkt für „Bildungsmenschen“ wurde erst vor wenigen Wochen von den Lehrern Torsten Larbig und André J. Spang ins Leben gerufen.

Und dann kommt, was im Zusammenhang mit Glück einfach kommen muss: Csikszentmihalyi und Lernen im Flow (S. 63f.). Freude teilt man am besten mit anderen Menschen und warum es so wichtig ist, soziale Netzwerke in der Bildungslandschaft zu schaffen, beschreibt Burow sehr bildhaft mit dem Ausbruch einer Epidemie („Glücksgefühle stecken an“, S. 68ff.)!

Interessant ist für mich die Erklärung, wie sich neue Ideen durchsetzen. Dafür benötigt man nämlich nur wenige, aber sehr aktive Menschen, die ihre Einfälle gut verkaufen können. Burow nennt es das „Phänomen des Tipping Point“ bzw. das „Gesetz der Wenigen“ (S. 72ff.). Innerhalb dieser Gruppe bräuchte es demnach „Kenner, Vernetzer und Verkäufer“ für eine gute Idee (S. 74).

Burow führt den Bogen nun zum Zusammenhang von Leistung und Spaß. Nach Manfred Lautenschläger ist Spaß die Voraussetzung für Meisterwerke (S. 88). Solche Ergebnisse dürfte sich jeder Dozent wünschen.

Noch einmal erteilt Burow der Benotung von Leistung eine Abfuhr: Zensurengebung als „äußeres Belohnungssystem“ verhindert Glück in der Schule und setzt sich in der Hochschule fort bei der Jagd nach Credit Points (S. 89). Es tritt der „Crowding-out-Effekt“ ein, der sich dadurch äußert, dass die intrinsische Motivation durch extrinsische Belohnung vernichtet wird (S. 93). Burow stuft diese sog. „Eselspädagogik“ als nicht funktionierend ein (S. 95). Allerdings erwähnt er mit dem Hinweis auf Untersuchungen von Frey, dass Menschen verschiedenster Einkommensstufen auf Belohnungen, wie sie bei Wettbewerben üblich sind, positiv reagieren:

„Wer eine Auszeichnung erhält, der arbeitet hinterher besser. Wer leer ausgeht, der arbeitet nicht schlechter. […] Der wichtigste Faktor, um Höchstleistungen zu fördern, ist Wertschätzung […], denn wer Anerkennung für seine Leistung durch die Gemeinschaft erhält, ist zufrieden und motiviert. Mehr noch, auch wir, die wir nur Zuschauer sind, profitieren davon…“ (S. 97f.).

Der Bezug zum Spiel wird hier sehr deutlich, aber fehlende Anerkennung ist für Burow ein schwerwiegendes Problem in der Schule (S. 98). Ein weiterer Mangel liegt seiner Ansicht nach in der Form der Wissensvermittlung, genauer gesagt: Klassische Vorträge verfehlen ihr Ziel (S. 116).

Wenn der Autor von erfolgreichen Lehrern schreibt, klingt das stark nach Liebe („von Herz zu Herz“, S. 122). Er verweist außerdem auf eine Form des Lernens, die ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Es soll demnach besonders effektiv sein, wenn Lehrer von Lehrern bzw. Schüler von Schülern lernen (S. 125).

Ein weiteres Mal wird der Bezug zum Spiel deutlich, wenn es um den Wandel der Schule geht. Die Teilnahme an Fortbildungen in seinem Beispiel war freiwillig, wurde jedoch gewürdigt (S. 126).

So richtig schlecht wird mir nun aber bei der Feststellung des Autors, dass sich Experten oft enorm täuschen (S. 127). Wer will da schon Forscher sein oder werden?

Teil 3 „Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück“

Gegen den Einwand, sein Konzept sei „eine typische Professorenidee“ stellt der Autor eigene Erfahrungen aus der Schul- und Arbeitszeit (S. 140). Wandel erfordert demnach solche Personen, wie sie nach dem o. g. „Gesetz der Wenigen“ beschrieben wurden (S. 141). Burow schlägt kleine Schritte zur Veränderung vor wie z. B. die Gestaltung eines Pädagogischen Tages. Anstatt einer Schulung einfach mal gucken, welche verborgenen Schätze, Fähigkeiten und Gemeinsamkeiten im Kollegium vorhanden sind (S. 142).

Witzig finde ich, dass Burow für Ganztagesschulen „Spielotheken“ empfiehlt (S. 149). Das passt einfach genau so gut zum Thema wie die Idee vom „Denk- und Spielplatz“ für den erwähnten Pädagogischen Tag (S. 154).

Dass Burow die Mitarbeit der Eltern als wesentlich ansieht, ist schon wieder ein anderes wichtiges Kapitel (S. 155). Auch dabei bildet gegenseitige Wertschätzung die Grundlage der Zusammenarbeit. Nicht vergessen werden sollte seiner Ansicht nach, dass positive Beispiele aus der Praxis maximaler Verbreitung bedürfen (S. 159). Spannend liest sich, was Burow über Kontrolle, Druck und Überforderung durch „verdeckte Systemlogiken“ in der Schule schreibt (S. 160) und wie er sich die Entlastung der Beteiligten vorstellt (S. 173). Das Lernen und Lehren zu erleichtern, ist mir seit dem Text von Winteler ein weiterer Motor für die Spielidee. Am Beispiel der Einbahnstraße veranschaulicht Burow z. B. das „Mehr-desselben-Prinzip“ – einschließlich Fehleranalyse und Ausweg (S. 177f.). Die Liste der Hauptbelastungspunkte in der Schule sieht allerdings gar nicht gut aus (S. 183).

Die „Anleitung“, wie man Mitarbeiter dazu motiviert, leidenschaftlich bei der Arbeit zu bleiben, ist schon wieder ein Hit für mich. Ich sage nur: Freiwilligkeit! „Dahinter steht die Einsicht, dass es wenig bringt, Umsetzungsziele zu verordnen. Personen setzen nur das um, was für sie persönlich bedeutsam, verstehbar und handhabbar ist“ (S. 191).

Einen weiteren Grund für den langsamen Wandel der Schule sieht Burow darin, dass zwar viel Wissen, jedoch zu wenig Handlungskompetenz vermittelt wird. Als Lösung schlägt er einen Perspektivwechsel vor: Raus aus der „Mehr-desselben-Falle“ (S. 198).

Sein Bericht über einen Versuch an einem Gymnasium in Zürich („Schule ohne Unterricht“) führt zur Hochschullehre („Mottenkiste der Pädagogik“, S. 200f.) und in das 19. Jahrhundert zurück (S. 200f.). Burows Argumentation gegen die Wiederholung von Schuljahren und für „längeres gemeinsames Lernen“ muss ich mir mal merken (S. 206f.). Es folgt ein Gebiet, in dem ich mich so gar nicht mehr auskenne. Der Autor erklärt den Unterschied zwischen Integrations- und Inklusionspädagogik, bei der alle Kinder gefördert werden (S. 208f.).

Der nächste Abschnitt erinnert mich unweigerlich an viele Beiträge im Blog von Jean-Pol Martin. „Wertschätzung, Wohlfühlen und bedingungslose Zugehörigkeit zu einer unterstützenden Gemeinschaft sind […] Grundbedürfnisse“ (S. 212). Ein aktueller Beitrag aus dem Halbtagsblog von Jan-Martin Klinge und Nils Steinbrück zeigt mir, dass dieser Gedanke in deren Schule längst gegenwärtig ist. Letztlich finden sich in diesem Kapitel viele Anregungen zur Gestaltung des Alltags in der (Hoch-)Schule durch „Art-Coaching“ bzw. die bereits erwähnten Peercoaching-Verfahren (Buddy-Programm, S. 227). Burow bereichert die Hinweise mit der Beschreibung von eigenen Erfahrungen mit Lehrkräften und Studierenden. Genau das macht dieses Buch für mich lesenswert und verständlich. Immer wieder werde ich an meine Schulzeit erinnert, wenn der Autor Beispiele nennt oder es um die Prinzipien Positiver Pädagogik geht (S. 234f.). Das Buch schließt mit drei Fragen für den „Zugang zu Ihrem ‚pädagogischen Tiefenwissen’“ (S. 236) und natürlich einem Literaturverzeichnis für alle, die sich noch mehr mit diesem Thema auseinandersetzen wollen.

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