Zweifel ohne Ende

Vor einiger Zeit sehe ich sie zum ersten Mal vor meinem Flötenraum: Eine junge Frau, die auf ein Kind aus der Klasse wartet und in der Pause mit der Lehrkraft redet. Elterngespräch, denke ich, und kümmere mich um meinen Unterricht. Nach ein paar Wochen frage ich mich, warum die Mutter ständig in die Schule bestellt wird, weil sie Stunde für Stunde dort wartet. Ich spreche die Frau an und sie erklärt mir, dass sie als Studentin im ersten Semester eine Lesepatenschaft für das Kind übernommen hat. Im weiteren Gespräch erfahre ich, dass die Studentin gern Grundschullehrerin geworden wäre, ihre Abiturnote jedoch nur für das gymnasiale Lehramtsstudium gereicht hat. Offensichtlich gucke ich ziemlich blöd, denn sie erklärt mir, dass es für das Grundschullehramtsstudium einen NC wegen der Fächer Pädagogik und Psychologie gibt. Meine Augen werden nun vollends zu Fragezeichen und ich erfahre, dass Pädagogik und Psychologie in der bayerischen Gymnasiallehrerausbildung im Vergleich zur fachwissenschaftlichen Fächern eher eine untergeordnete Rolle spielen sollen. Mein Kopf kann das nicht glauben, aber eine kurze Recherche zur vergleichenden Gewichtung der Leistungspunkte in den jeweiligen Studiengängen schafft etwas Klarheit. Es schließen sich damit verschiedene Kreise. Einer davon betrifft meine ständigen Zweifel an meiner Forschungsarbeit. Vor etwa vier Jahren konnte und wollte ich z. B. nicht glauben, dass Lehrende an Hochschulen keine pädagogische oder didaktische Ausbildung für ihre Lehre nachweisen mussten (s. z. B. Blogbeitrag von Oliver Tacke). Inzwischen finde ich dieses Drama in verschiedenen Texten zum Thema Hochschuldidaktik schwarz auf weiß. Gleichzeitig erfahre ich, dass auch die in der Hochschuldidaktik Tätigen selten eine (hochschul-)didaktische Ausbildung haben. Solche Erkenntnisse kosten mich unglaublich viel Energie. Für wen soll ich schreiben? Auf welcher Ebene kann ich mich bewegen, um verstanden zu werden? Wer will das lesen, wenn es für die Hochschullehre offiziell gar nicht erforderlich ist, sich solches Wissen anzueignen? Wann soll diese Aneignung durch die (oft befristet angestellten) Lehrenden als Lernende in Zeiten von #unbezahlt überhaupt stattfinden?

Seit „Ewigkeiten“ frage ich mich, warum Seiten- und Quereinsteiger ohne pädagogische, psychologische und didaktische Qualifikationen an Schulen im ganzen Land zugelassen werden. Während ich pädagogischen Laien aus der Politik diese Idee noch irgendwie zugestehen könnte, hatte ich mir z. B. von Pädagogikvertretern an Hochschulen einen riesigen Tumult gegen solche Entscheidung erwartet. Doch, das Problem scheint von fachwissenschaftlicher Expertise vernebelt zu sein. Wenn man ohne didaktische Ausbildung an Hochschulen lehren darf, warum sollten sich dann Lehrende an Schulen mit Didaktik befassen?

Fragen und Erkenntnisse dieser Art schlauchen mich ungemein. Die Trostlosigkeit kann ich nur aushalten, weil das Denken und Schreiben ein Lichtblick im Alltag zwischen all‘ den beruflichen und privaten Mühlsteinen ist. Außerdem gibt es diese kleinen Leuchttürme, die Hoffnung auf Veränderungen aufkeimen lassen. Der Qualitätspakt Lehre könnte beispielsweise die Professionalisierung der Hochschuldidaktik zumindest anschubsen, genau wie der derzeit deutschlandweit einzige Masterstudiengang Higher Education an der TU Hamburg oder die dghd – Deutsche Gesellschaft für Hochschuldidaktik mit ihren Publikationen und Arbeitsgruppen. Ein Glück, dass nicht alle Forschenden von ihren Zweifeln gefressen werden.

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