19_IP16_Doz10 (3): Das Spiel als Störung

Das Interview ist nicht nur für das Audit zum Leitfaden (hier) wertvoll. Es bietet auch zahlreiche Informationen zur Durchführung von Spielen in der Vorlesung und den dazugehörigen Erfahrungen der Interviewperson (IP). Die Datenerhebung fand bereits im vergangenen Jahr, am 30.07. und 10. 08. 2016, statt. Aus verschiedenen Gründen wurde das Gespräch nicht mündlich geführt, sondern in der Art eines Fragebogens schriftlich aufgezeichnet. Vertiefende Fragen zu den gegebenen Antworten durften in einer zweiten Runde gestellt werden.

Die IP ist der Ansicht, dass Spiele im kompetenzbasierten Unterricht zum Methodenrepertoire gehören (§56) und führt regelmäßig einmal im Semester Hörsaalspiele in Form von Gruppenspielen (§36a,b) u.a. zur Vorbereitung auf die Berufspraxis durch (§56). Allerdings fehlen für einige Themen passende Spiele bzw. kann von der IP nicht immer das passende Spiel gefunden werden (§94). Deshalb entwickelt die IP eigene Spiele (§36c) und stellt fest, dass die Methode viel Erfahrung erfordert (§44). Diese Erfahrung im Umgang mit der Methode entsteht durch den wiederholten Einsatz von Hörsaalspielen (§44). Die lange Dauer zum Sammeln von Erfahrungen ist der aufwändigen Anpassung der Hörsaalspiele an die Bedürfnisse der Studierenden geschuldet (§44): „Ein Spiel beansprucht mehrere Jahre, bis zu seiner vollständigen Reife (d.h. bis es perfekt für das sitzt, wofür ich es haben möchte […])“ (§104).

Die Erfahrung fehlt jedoch bei neuen Spielen, weshalb diese oft misslingen würden (§88). Die IP geht aber flexibel mit Störungen um. So werden Probleme als Lerngelegenheiten genutzt und die Studierenden aktiv in die Problemlösung einbezogen (§88). Die IP geht sogar soweit, ein neues Spiel als Experiment anzukündigen, was die Studierenden motivieren würde, da sie die Durchführung des Spiels nun mit Spannung erwarten (§88).

Beim Vergleich von Vorlesungen ohne und mit Spiel macht die IP folgende Erfahrungen:

In Vorlesungen ohne Spiel sitzen die SuS [hier: Studierenden; KL] da und notieren alles, was ich sage. Sie schauen also hauptsächlich auf ihr Papier und nicht zu mir. Wenn ich bitte, Fragen zu stellen, kommt nichts. Eine Diskussion über einen präsentierten Stoff in Gang zu setzen, ist beinahe unmöglich. Ein Spiel ist eine Störung, eine Perturbation. Die SuS müssen aufstehen, sich bewegen, gemeinsam Probleme lösen, miteinander interagieren, entscheiden, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten, Resultate liefern, etc. Sie können sich dem allem nicht entziehen, wie sie sich mir in einer klassischen Vorlesung entziehen (aber klassische Vorlesungen gibt es ja gottseidank nicht mehr)“ (§100).

Ein Spiel ist für die IP auch deshalb eine Störung, weil es „lethargische SuS aufmischelt und wie ein Aufmerksamkeitboost wirkt“ (§104).

Das Spiel als Störung (einer klassischen Vorlesungssituation) weist demnach folgende Merkmale auf: Es

  • enthält das Element Bewegung,
  • erfordert Kooperation, Interaktion und Entscheidungen,
  • ist problem- sowie ergebnisorientiert und
  • hat starken Aufforderungscharakter (§100).

Für die IP sind Spiele eine Möglichkeit, Studierende eine Entscheidung ohne ernsthafte Konsequenzen fällen zu lassen und die Systemkompetenz zu erhöhen (§32). Die IP macht dabei die Erfahrung, dass sich die Studierenden am Einsatz der Methode erfreuen (§40), was sich im engagierten Verhalten der Studierenden, ihrer Aufmerksamkeit sowie ihrer Teilnahme an Diskussionen bemerkbar macht (§§42;98). Spiele bieten für die IP neben einem maximalen Lerneffekt kurze Feebackschlaufen, machen Konsequenzen von Handlungen unmittelbar sichtbar und sind deshalb hervorragend als Lerninstrument geeignet (§62). Bemerkenswert finde ich die Beobachtung der IP, dass sich alle Studierenden an den Hörsaalspielen beteiligen würden (§88).  Einzig der relativ hohe Zeitaufwand ist der IP negativ aufgefallen (§34). Aber:

Es ist wie mit jeder Alternative zum klassischen Vorlesungsstil, wo der Dozent ein (vergilbtes) Skript vorliest. In diesem Fall ist der Aufwand ein Minimum. Jede andere Form von Unterricht fordert den Lehrenden mehr“ (§110).

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