Der erste rote Faden: Die Angst spielt mit

Studierende üben in Lehrveranstaltungen eine überwiegend sitzende Tätigkeit aus. Dozierende könnten also annehmen, dass Bewegung in Vorlesungen ein guter Einfall wäre. In der qualitativen Analyse stellt sich aber das Element Bewegung sowohl als vorteilhaft als auch als ein Nachteil von Hörsaalspielen heraus (FB_4_VL_15_§196). Wie passt das zusammen?

Auf die Frage nach den Erwartungen der Studierenden hinsichtlich Spielen in der Vorlesung hat mich im ersten Fragebogen folgende Antwort stutzig gemacht: Eine befragte Person erhofft sich von Hörsaalspielen die Minderung von Stress, „weil Studieren meist Ängste und Stress hervorrufen“ kann (VL_1_§_4). Im ersten Augenblick habe ich bei diesen Notizen an Angst vor Prüfungen oder Sorgen um die Finanzierung des Studiums gedacht. Davon steht jedoch nichts in den Daten!
Im zweiten Fragebogen gaben 53% der insgesamt 130 Befragten an, in ihrer Freizeit Sportspiele zu spielen und in der fünften Befragung legt knapp die Hälfte der Studierenden (n=32) Wert auf Bewegung in Hörsaalspielen. Da könnten Lehrende doch erst recht auf die Idee kommen, Bewegung in ihre Vorlesungen einzuplanen, oder? Im Vergleich zu Vorlesungen ohne Spiele sind Lehrveranstaltungen mit Hörsaalspielen tatsächlich durch (mehr) Bewegung gekennzeichnet (FB_3_VL_8_§3). Warum ist Bewegung für die Studierenden denn nun nicht nur vorteilhaft, sondern auch ein Nachteil von Spielen in Vorlesungen?

Oliver Tacke stellte zu dem Thema „Niemand sagt etwas in großen Gruppen“ (hier) die folgende Vermutung auf:

„Hat ein Lernender seine eigene Antwort gefunden, muss er sich womöglich auch noch überwinden, sie mit allen zu teilen. Das kann daran liegen, dass er sich seiner Sache nicht so sicher ist oder er in einer fremden Sprache antworten soll. Es kann die Angst mitschweben, sich gegenüber dem Lehrenden oder den anderen Lernenden eine Blöße zu geben.“

Olivers Vermutung trifft genau in’s Schwarze: Die Angst spielt mit! Führen Lehrende also ein Spiel mit dem Element Bewegung (FB_4.13_VL_15_§196) durch und stellen sie die (ungünstige) Spielregel individuelle Exposition auf („aufstehen beim Beantworten“; FB_4.13_VL_15_§162), d.h. einzelne Studierende tragen ihre Antwort vor der gesamten Gruppe vor, dann führt die Angst vor Bloßstellung und die Angst vor Fehlern („peinlich, falls falsch“, FB_4.13_VL_12_§85) sowie die Angst vor individueller Exposition („wenige trauen sich aufzustehen“, FB_4.13_VL_15_§166) zu unerwünschtem Verhalten, wie zB kompletter Verweigerung der Mitarbeit („Ohne Aufstehen hätte ich vielleicht mitgemacht“, FB_4.17_VL_15_§242) oder Demotivation (FB_4.13_VL_12_§14), negativen Gefühlen (Diskriminierung, FB_3.8_VL_8_§17; Unbehagen, FB_3.4_VL_11_§30); Langeweile, FB_4.13_VL_12_§43) usw. usf. Natürlich betrifft das nicht alle Studierenden, sondern besonders die eher schüchternen Mitspielenden (FB_3.8_VL_8_§11). Und warum? Für sie scheint der Schutz der Gruppe besonders wichtig zu sein (FB_4.12_VL_12_§103). Die „Anonymität“ (FB_4.12_VL_12_§60) wird jedoch aufgehoben, wenn Einzelne die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe (FB_4.13_VL_15_§197) in doppelter Weise auf sich ziehen müssen: Durch das Aufstehen und lautes Antworten.

Lösungsvorschläge: Eine Möglichkeit wäre der Einsatz von Spielregeln, bei denen Einzelne nicht im Mittelpunkt stehen (FB_3.8_VL_11_§17). Das kann zB durch das Aufstehen in kleinen Gruppen erreicht werden (FB_2_VL_5_§48). Innerhalb dieser Kleingruppen übernehmen abwechselnd Freiwillige die Sprecherfunktion (Freiwilligkeit als Merkmal von Spiel). Die zweite Möglichkeit besteht in der Verwendung von digitalen Medien (FB_3.8_VL_11_§17). Sie löst zwar das Problem der individuellen Exposition, enthält aber nur minimale Bewegungsanteile.

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