15_IP_12_Doz_7: Spielen ist etwas zutiefst Menschliches

Kontraste müssen her, weil „negative Fälle auch sehr wichtig sind“ und „auf eine mögliche Variation“ verweisen (Strauss & Corbin, 1996, S. 158). Negativ ist in diesem Fall also positiv und bedeutet, dass die Interviewperson (IP) noch keine Erfahrungen mit Hörsaalspielen gemacht hat. Okay, es gibt mit 05_IP_3 einen ähnlichen Fall (hier), was den privaten Spielkontext als möglicher Teil eines Satzes von Bedingungen betrifft. Die Auswahl der IP ist jedoch durch unterschiedliche Vorlesungsfächer und Arten der Hochschulen begründet.

Kontext. Die IP hält seit 32 Semestern praxisbezogene Vorlesungen im Fach Medizin (§§2; 4) mit variierender Gruppengröße (30 – 50 Studierende, 6. und 7. Semester; §§ 6; 20). Die Lehrveranstaltungen werden im „Wechselspiel“ (§8) zwischen überwiegend dozierendenzentriertem Verlauf und Methodenwechsel unter Einbezug digitaler und analoger Medien durchgeführt (§§18; 44).
Die IP spielt privat „eigentlich nie“ (§48) Spiele und zieht andere Freizeitinteressen Spielen vor (§§50; 52; 56).

Im Gespräch zeigt sich die IP überraschend aufgeschlossen gegenüber dem Thema Hörsaalspiele. Sie vermutet, dass Spiele in der Vorlesung die Motivation der Zuhörenden steigern können (§80). Die Lehrperson gibt jedoch kritisch zu bedenken, dass dieses Ziel durch möglicherweise negative Äußerungen der Studierenden über die Methode „leicht in das Gegenteil kippt von dem, was man eigentlich erreichen möchte“ (§80). Hörsaalspiele sollen demnach die Akzeptanz durch die Studierenden erfahren, deren Motivation und die Wissensvermittlung steigern sowie in das Konzept der Vorlesung passen (§§82; 84).

Nach den Vorstellungen der Lehrkraft führen kollegialer Austausch („Man muss ja das Rad nicht neu erfinden“; §68) und intensive Auseinandersetzung mit dem Thema zu Kenntnissen über Hörsaalspiele (§68; 82). Wie so oft, kommt der Hammer aber erst am Schluss: „Ich habe jetzt viele Fragen gehört und das hat mich […] sehr positiv gestimmt. Ich denke, dass ich allein schon aus diesem Interview einiges ‚raus genommen habe, was ich in meine nächste Vorlesung mit einfließen lassen und da mit einbauen kann“ (§90). Die IP zeigt besonderes Interesse an

  • weiteren Informationen zum Thema Hörsaalspiele,
  • einem Überblick über Hörsaalspiele,
  • Fächern, in denen Hörsaalspiele durchgeführt werden,
  • der Akzeptanz von Hörsaalspielen durch die Studierenden sowie
  • der Übertragung auf andere Fächer

und ist für ein erneutes Gespräch zu diesem Thema gern bereit (§§68; 94 – 98).

Konstruktion einer analytischen Geschichte. Im Mittelpunkt stehen die Erwartungen der Lehrperson. Die IP ist im privaten Umfeld nicht an Spielen interessiert und verfügt über keine Kenntnisse zum Thema Hörsaalspiele. Ein Gespräch über Spiele in der Vorlesung führt bei der Lehrkraft zu großem Interesse am Thema Hörsaalspiele und dem Wunsch nach bestimmten Eigenschaften von Spielen als Voraussetzung für die Durchführung in der Vorlesung sowie dem Wunsch nach weiteren, detailierten Informationen.

Konstruktion einer Grounded Theory. Wenn sich Dozierende allgemein nicht für Spiele interessieren und keine Kenntnisse von Hörsaalspielen besitzen, dann führt ein Gespräch über Spiele in der Vorlesung zu großem Interesse an dem Thema und dem Wunsch nach konkreten Eigenschaften von Hörsaalspielen für den Einsatz in der Vorlesung sowie weiteren, detailierten Informationen.

Oder in kurz:

Erwartungen_3

Abb.: Logisches Diagramm „Erwartungen der Dozierenden“

„Na gut, das ist ein neuer Aspekt und ich meine, der Aspekt des Spielens, das ist ja etwas zutiefst Menschliches. Der Homo Ludens ist ja ein Begriff“ (§70).

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2 comments so far

  1. Ruth on

    Beim Lesen dieses Beitrags merke ich, wie strukturiert du vorgehst und ich denke so bei mir, das daran andere ForscherInnen, wie ich, super gut lernen können! Der Blog müsste also auch für Lehrpersonen, die ein gutes Beispiel für das Arbeiten mit der GT für ihre Studierenden suchen, sehr interessant sein 🙂
    Ob meine Einschätzung so stimmt, könnte von einem erfahrenen Forscher bestätigt werden. Oder eben nicht – liest hier einer mit????

  2. Kristina Lucius on

    Vielen Dank für die Blumen! 🙂
    Ob sich GT-erfahrene Forscher hierher verirren, weiß ich nicht. Bemerkenswert finde ich allerdings, dass DU so konsequent mitliest und kommentierst. Das spornt mich natürlich sehr an und prompt habe ich einen Fehler gefunden: Die IP wünscht sich nicht konkrete Eigenschaften von Spielen, sondern Spiele mit konkreten Eigenschaften. Witzig finde ich, dass man schon vor der Veröffentlichung merkt, wo genau etwas in der Formulierung noch nicht rund läuft, aber der Groschen erst im Augenblick der „öffentlichkeit“ fällt. Naja, ich lasse Geschichte, Theory und Abbildung hier unverändert – als mein Lehrstück sozusagen.


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