13_IP_10_Doz_5: Das Lächeln der Kollegen

„Für mich ist es ein reines Zeitproblem“ (§112). Was verbirgt sich eigentlich genau hinter diesem Argument gegen den Einsatz von Hörsaalspielen?
Kontext. Die Interviewperson (IP) hält seit 40 Semestern Vorlesungen im Fach Zahnmedizin. Ihre Lehrveranstaltungen sind praxisbezogen und interaktiv unter Verwendung vielfältiger (digitaler) Medien. Die IP will „eine gewisse Eintönigkeit“ (§96) in der Vorlesung vermeiden und sucht für die Gestaltung der Lehrveranstaltung „immer wieder etwas Neues“ (ebd.), denn „mir muss es auch Spaß machen“ (ebd.). Das Dozierenden-Studierenden-Verhältnis nimmt die IP als distanziert wahr. Hier reicht das Spektrum von „gewisser Distanz“ über „sie haben auch Vertrauen und kommen zu mir, wenn sie mal ein Problem haben“ bis „Sonst voll auf Distanz“ (§38).
Die IP spielt privat etwa einmal pro Woche eineinhalb bis zwei Stunden Gesellschaftsspiele und drei- bis viermal pro Woche eine bis eineinhalb Stunden Sportspiele, jedoch kaum digitale Spiele. Punkte und Ranglisten sind der IP wichtig, Interaktion betrachtet sie als „Mittel zum Zweck“ (§84) und Wettbewerbscharakter sowie Funktionsweisen von Spielen haben für sie wenig Bedeutung.

Die IP kennt aus „anderen Veranstaltungen“ (§94) Gruppenspiele mit Wettbewerbscharakter und empfindet das Konkurrenzdenken als „nicht so angenehm“ (§98). Die aktive Mitarbeit der Mitspielenden nimmt sie als sehr unterschiedlich wahr und teilweise belächeln Kollegen den Einsatz von Spielen. Trotz sehr hohem Vorbereitungsaufwand setzt die IP Spiele z. B. in Fortbildungen ein, um Gruppendynamik zu entwickeln und Partizipation sowie gegenseitigen Austausch zu ermöglichen.
Hörsaalspiele kommen für die IP „kaum infrage“ (§110), weil die IP keinen Zwang zur Mitarbeit auf die Studierenden ausüben und sie nicht bloßstellen will. Die Wertschätzung der Studierenden drückt sich außerdem in der abwechslungsreichen Vorlesungsgestaltung aus („Nicht nur einfach einen Text runterbeten, sondern jede Vorlesung bei mir ist anders“; §34).

Konstruktion einer analytischen Geschichte. Im Mittelpunkt stehen Hindernisse für den Einsatz von Hörsaalspielen. Die IP verfügt über negative Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erwartungen bzgl. Spielen in Lehrveranstaltungen. Die Lehrperson gestaltet Vorlesungen interaktiv und zeigt Wertschätzung gegenüber Studierenden. Dies führt dazu, dass für die IP Spiele in der Vorlesung kaum infrage kommen.

Konstruktion einer Grounded Theory. Wenn Dozierende über negative Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erwartungen gegenüber Spielen in der Vorlesung verfügen, dann führen die interaktive Gestaltung der Vorlesung und Wertschätzung der Studierenden zu einem tendenziellen Verzicht auf die Durchführung von Hörsaalspielen.

Das Zeitproblem stellt hier das übergeordnete Hindernis dar. Spiele werden von der IP zwar in Fortbildungen durchgeführt, aber „nicht direkt in der Studentenvorlesung. Da fehlt einfach die Zeit“ (§94). „Ich meine, ist schon klar, welchen Sinn das machen soll, […] Aber, ich weiß nicht. Das ist für mich auch ein bisschen Zeitverschwendung“ (§102). Im Zusammenhang mit der Klarheit über das Ziel von Spiel, verbergen sich hinter der Wortwahl „ein bisschen“ eben doch mehr Hürden als nur Zeitmangel, ein Spiel in studentischen Vorlesungen einzusetzen (s. Abbildung).

Hindernisse

Abb.: Logisches Diagramm „Hindernisse für den Einsatz von Hörsaalspielen“, IP_10

Ähnlich verhält es sich mit den Formulierungen, dass Spiele in der Vorlesung für die IP „kaum infrage“ (§110) kommen oder „dass wir da ein Spiel machen, das machen wir eigentlich weniger“ (§94). Klingt so eine klare Absage an Hörsaalspiele?

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3 comments so far

  1. ruthsscheff on

    Ich hab überlegt was mir hierzu einfällt….. Erst dachte ich: Nö – fällt mir nichts zu ein.
    Dann habe ich überlegt wie sich die Darstellung für mich, unabhängig von deinen Schlussfolgerungen oder irgendwelcher Kodes ‚anhört‘ oder ‚anfühlt‘.
    Und da dachte ich so bei mir: Anscheinend gibt es Vorlesungen, die schon interaktive, die Studierenden einbeziehende und abwechslungsreiche Teile beinhalten, in denen ein Hörsaalspiel (momentan) gar keinen Mehrwert darstellt.
    Dann scheint es Lehrende zu geben, die ganz froh sind über Anleitungen (Spiele) um die Vorlesungen aufzulockern oder Gelerntes zu wiederholen.
    Vorsicht – nur keine Schubladen bauen 😉

  2. Kristina Lucius on

    Keine Schubladen – Du sagst es! Im nächsten Interview geht es nämlich genau darum, welchen Sinn Hörsaalspiele in interaktiven Vorlesungen haben können. An Deiner Überlegung merke ich, dass die Auswahl der folgenden IP richtig bzw. „zwangsläufig“ oder logisch war und das freut mich sehr. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar!

  3. […] einstündige Interview zieht. Die Wertschätzung der Studierenden war in einem anderen Gespräch (hier) einer der Gründe, warum Spiele in der Vorlesung nicht eingesetzt werden. Was passiert aber […]


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