12_IP_9_Stud_5: Kleine Brüche in der Konzentration und das Spiel als Feedbackmöglichkeit

Manche Berichte über Abläufe von Lehrveranstaltungen machen mir als Lehrer ziemlich zu schaffen, zB dass Studierende ihre Fragen zur Vorlesung erst nach „eineinhalb Stunden sitzen und zuhören“ (§98) stellen dürfen oder die Lehrperson „nur da steht und von der Folie abliest“ (§32). Studierende merken Lehrenden offensichtlich an, „wenn es jemand ist, der diese Vorlesung auf Grund von Pflichterfüllungsgründen machen muss, weil er Lehre machen muss und darauf keine richtige Lust hat“ (§30).

Die Interviewperson (IP) befindet sich im elften Semester ihres Medizinstudiums, in dem Vorlesungen „morgens um sieben“ (§98) beginnen können, als Pflichtveranstaltungen ausgewiesen werden („Deswegen war der Hörsaal gerammelt voll“; §14) und überwiegend in monologischer Form dargeboten werden (§16). Kann man es den Studierenden unter diesen Bedingungen verdenken, dass sie am liebsten ihr „Gehirn ausschalten“ (§18) würden oder sich teilweise mit Handy, Nachbarn oder Buch ablenken (§§ 26 – 30)? Oder sollte man von ihnen erwarten, dass sie sich durchgängig mit Gedanken an „das spätere Berufsleben“ (§26) motivieren?

Die IP möchte jedenfalls in Vorlesungen gefordert werden (§18)! Interaktionen in Form von Fragen der Studierenden sollten erlaubt sein und Interaktionen in Form von Fragen der Dozierenden sind ebenfalls erwünscht. Solche Lehrveranstaltungen nennt die IP „interaktiv“ und der Begriff löst die „aktivierende Vorlesung“ aus dem vorigen Artikel (hier) ab. „Aktivierend“ erscheint mir inzwischen zu passiv bzw. einseitig von der Lehrkraft ausgehend. „Interaktiv“ hingegen beschreibt zwei Ebenen der Aktivitäten sowohl zwischen den Studierenden als auch zwischen Studierenden und Dozierenden. Lehrende sollten außerdem einen mitreißenden Vortragsstil pflegen. Das bedeutet, dass Dozierende „ab und zu einmal eine persönliche Anekdote“ (§32) in ihre Rede einfließen lassen, Gestik einsetzen, „kleine Experimente vorne vorführen oder Sachen mitbringen und zeigen“ (§ 32). Denn „diese kleinen Brüche in der Konzentration, die machen schon viel aus“ (§34), um sich erneut zu konzentrieren.

Wie kommt aber die IP auf solche hohen Ansprüche an Vorlesungen? Sie hat interaktive Vorlesungen im Studium erlebt! In einer Lehrveranstaltung erschien die Lehrperson vorbereitet mit einem Audio-Response-System, („Fernbedienung mit Knöpfen […] Darauf waren Schaltflächen A bis D oder E vorgegeben“). Die Lehrkraft stellte am Anfang der Vorlesung Fragen im MC-Stil zum Thema der letzten Stunde, „die man mit A bis E beantworten konnte“. Die Antworten wurden „vom Computersystem ausgewertet und in Form von Statistik gezeigt“. Dem nicht genug hat die Lehrperson „auch direkt am Beispiel erklärt, warum das richtig oder falsch ist. Das hat den Lerneffekt deutlich größer gemacht, weil man […] spielerisch gezwungen war, sich noch einmal auf das Thema der letzten Stunde zu konzentrieren“ (§20).

Die positive Erfahrung mit der Gestaltung dieser Lehrveranstaltung setzt Maßstäbe und weckt Wünsche bei der IP: „Ich fände es schön, wenn an der Uni mehr damit gearbeitet werden würde mit diesem Medium Spiel. […] Ich bin am liebsten zu dieser Vorlesung gegangen […] mit diesem interaktiven MC-Quiz am Anfang, weil ich das Gefühl hatte, das etwas hängen bleibt“ (§98).

Konstruktion einer analytischen Geschichte. Im Mittelpunkt stehen die Wahrnehmungen der IP in einer Vorlesung mit Spiel. Die Lehrperson führt zu Beginn der Lehrveranstaltung ein Quiz in Form von Multiple-Choise-Fragen mit Unterstützung digitaler Medien durch. Sofortiges computerunterstütztes statistisches sowie inhaltliches Feedback der Lehrkraft führt bei der IP zu einem gefühlten Lerneffekt und dem Wunsch nach weiteren Spielen auch in anderen Vorlesungen.

Konstruktion einer Grounded Theory. Wenn Dozierende ein Spiel mit digitalen Medien in der Vorlesung einsetzen, dann führt sofortiges Feedback zu einem gefühlten Lerneffekt bei den Studierenden und dem Wunsch, Spiele auch in anderen Vorlesungen einzusetzen (s. Abbildung).

Spiel als Feedback

Abb.: Logisches Diagramm „Feedback durch Spiel“, IP_9

Kritik. 1) Die Gruppengröße in dieser Vorlesung war mit lediglich 20 – 40 Studierenden relativ klein. 2) Es müsste außerdem geprüft werden, ob Feedback auch durch anaologe Spiele in der Vorlesung ermöglicht wird. 3) Sehr herbe Kritiker könnten sogar darüber streiten, ob es sich in diesem Fall wirklich um ein Spiel handelt.

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6 comments so far

  1. ruthsscheff on

    Also, weswegen ich soooo gerne antworten wollte, Luci!
    Deine GT lautet: Wenn Dozierende ein Spiel mit digitalen Medien in der Vorlesung einsetzen, dann führt sofortiges Feedback zu einem gefühlten Lerneffekt bei den Studierenden und dem Wunsch, Spiele auch in anderen Vorlesungen einzusetzen.
    Bei dieser Art des MC-Quiz werden die Inhalte aus der letzten Vorlesung wiederholt. Dabei fiel mir sofort die Theorie ein, dass Lernen durch Anknüpfen an vorhandenes Wissen und Erfahrung geschieht. Diese Theorie wird hier von der IP bestätigt. Es ist auch nicht irgendein Spiel mit digitalen Medien. Ich frage mich also ob die Formulierung auch lauten könnte: Wenn Inhalte aus der vorangegangenen Vorlesung mittels anonymen, digitalen MC-Quiz wiederholt und durch sofortiges Feedback ergänzt werden, so führt der (gefühlte) Lerneffekt bei den……
    Begründung: Es gibt haufenweise digitale Spiele, die nicht diesen Effekt aufweisen würden….
    Den Zusatz anonym finde ich erwähnenswert, weil sich hier keine Studierende die Blöße einer falschen Antwort geben muss. Wenn ich das richtig sehe, wird nämlich in der Statistik lediglich angezeigt, wie viel Prozent der Studierenden die korrekte Antwort wussten.
    Das Wort gefühlt habe ich in Klammern gesetzt, weil wir uns mit der GT ja sowieso auf subjektivem Terrain befinden und die Theorie zum Aufbau von Wissen den Lerneffekt bestätigt.

  2. ruthsscheff on

    Achso noch etwas: Die Abbildung passt diesmal in meinen Augen nicht ganz:
    Bedingung ist das Spiel
    Kontext wäre das Feedback
    Strategie ist die Teilnahme am Spiel (man muss ja nicht teilnehmen…) und Wiederholung der Inhalte.
    Die Konsequenz stimmt dann wieder 🙂

  3. Kristina Lucius on

    Tatsächlich erwähnte die IP Anonymität als Vorteil bei diesem Spiel. Deine Formulierung passt also gut, finde ich. In diesem Beitrag habe ich wie gewohnt nicht alle „Nebenstrecken“ aufgenommen, sondern mich auf wenige Punkte konzentriert. Von Bedeutung für den erfolgreichen Einsatz dieses MC-Spiels ist meiner Ansicht nach das Feedback neben der Verbindung von Anonymität und statistischer Auswertung.
    Die gefühlten Wahrnehmungen sind wichtig, weil es ja auch messbare Lerneffekte gibt. Die Subjektivität von Wahnehmungen ist wohl klar. Ich darf das nur nicht vergessen. 🙂

  4. Kristina Lucius on

    Du bringst mich ins Schleudern! 🙂 Grundsätzlich könnte man das so formulieren, glaube ich. Hier noch eine andere Begründung: Es geht um das Phänomen Feedback. Die Teilnahme am Spiel ist lt. Merkmalen von Spiel immer freiwillig und die Wiederholung ist das Ziel dieses Spiels. Beides gehört sozusagen zum Bedingungskontext.
    Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll, dass man viele der Kategorien hin- und herschieben kann – und trotzdem ergeben sich logische Diagramme daraus. Kein richtig oder falsch, nur Möglichkeiten.

  5. Ruth on

    Liebe Luci, dass hier im Blog lediglich einzelne Aspekte betrachtet werden, ist ja klar. Ich finde es so spannend, weil deine Gedanken meine neuronalen Netze ins Schwingen bringen. Also ein richtig oder falsch gibt es sowieso nicht. Schon wegen des schwarzen Schwans.
    Jetzt schreibst du, dass das Phänomen in dieser Betrachtung das Feedback sei. Demnach wäre zu fragen, welche Strategien erfordern dieses Phänomen? Die Frage ist eventuell deswegen schwer zu verstehen, weil das Feedback vielleicht doch eher eine Strategie ist – wenn es ein Phänomen wäre, würde danach geforscht werden, was um dieses Phänomen herum passiert. Ich denke, es könnte eine Interaktion von beiden Seiten sein, die das Phänomen Feedback erfordert.
    An diesem Beispiel ist aber wunderbar erkennbar, dass bei der GT die Aspekte wirklich oft die Plätze wechseln, weil wir plötzlich feststellen, was ich eben noch als Phänomen deklariert habe ist auf einmal eine Bedingung oder eine Konsequenz 🙂
    Lass dich bitte nicht ins Schleudern bringen, sondern vielleicht zum Perspektivenwechsel. Ich gucke ja von außen und habe gar nicht den Blick in alle Daten. Also mal die Perspektive wechseln um dann wieder deinen professionellen Standpunkt einzunehmen.
    Mehr nicht!!!!!

  6. Kristina Lucius on

    Lieber Schleudergang als Weichspüler – ich gehe zurück auf Null und bleibe vorerst bei dem Phänomen Wahrnehmungen wie im Blogbeitrag. Für diesen Fall soll das Feedback eine Strategie sein.
    Es gäbe auch diese Möglichkeiten: Lernziel Wiederholung -> Quiz -> Feedback. Oder Feedback -> Lernerfolg -> Wunsch nach mehr Vorlesungen mit Spiel.
    Interaktion erfolgt hier sowohl im Spiel als auch im Feedback und Interaktion im Spiel ist die Voraussetzung für Interaktion im Feedback.
    Mal sehen, welche Bedeutung das Feedback im Vergleich aller Interviews hat. Im Moment steht es noch auf einem Nebengleis.
    Ich bin sehr froh über Deine Aussenansicht und Einwände – herzlichen Dank dafür!


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