11_IP_8_Stud_4_nach_1: Keine Anstrengung – keine Spiele

Nehmen wir einmal an, es gäbe zwei Vorlesungstypen. Die „klassische“ Vorlesung, in der die Dozierenden 90 Minuten lang den Studierenden etwas vorlesen und die „aktivierende“ Vorlesung mit verschiedenen Aufgaben, die von den Studierenden einzeln, in Partnerarbeit oder Kleingruppen bearbeitet werden sollen. Zu welchem Typ Vorlesung gehört wohl dieser Satz der Interviewperson (IP): „Da brauche ich dann keine Spiele zur Auflockerung“?

Wer auf die klassische Vorlesung gesetzt hat, liegt mit seinem Tipp goldrichtig. Warum? Die IP bewertet das bloße Zuhören über den Zeitraum der Lehrveranstaltung als „ziemlich schwierig“ („schaffe ich meistens nicht“). Nebenbeschäftigungen wie essen, trinken, zeichnen usw. erleichtern ihr das Zuhören ebenso wie gedankliches Abschweifen. Den Nutzen für die Lerntätigkeit schätzt sie eher gering ein, aber ausreichend für einen „allgemeinen Überblick“. Außerdem bewertet sie diese Form der Lehrveranstaltung als weniger anstrengend („was dann nicht so anstrengend ist für den Kopf“) im Vergleich zu einer aktivierenden Vorlesung und benötigt deshalb in klassischen Vorlesungen keine Spiele zur Auflockerung. Was ist denn aber so anstrengend in aktivierenden Vorlesungen? „Ich finde, wenn man wirklich mitarbeiten möchte, aktiv, muss man jede Minute voll aufmerksam dabei sein“. Die IP meint, dass Nebenbeschäftigungen wie beispielsweise Gespräche in diesen Vorlesungen im allgemeinen Bewußtsein geführt werden, dadurch „einfach wirklich etwas [zu] verpassen“. Das Hörsaalspiel wird von der IP als leichter Einstieg in die Vorlesung gesehen, um sich danach besser konzentrieren zu können sowie als Auflockerung und Übung („trainieren“). Nach Ansicht der IP waren die Studierenden im Spiel sehr konzentriert, was sich durch sehr viel Ruhe bemerkbar machte „und dass niemand irgendwas Blödes dazwischen geredet hatte“. Von der IP wurde ebenfalls wahrgenommen, dass die Mehrheit der Studierenden während des Spiels „total motiviert dabei waren und der Rest auch wirklich gar keinen Bock hatte“.

Aufgaben in der aktivierenden Vorlesung erfordern also die aktive Mitarbeit sowie die volle Aufmerksamkeit der Studierenden. Die dabei empfundene Anstrengung kann durch ein Spiel gelockert werden, damit neue Konzentration in der weiteren Vorlesung möglich ist. Der spielerische Einstieg in die Lehrveranstaltung und die Auflockerung mittels Spiel werden von der IP als „sehr angenehm“ wahrgenommen.
Auf der anderen Seite erleichtern gedankliches Abschweifen und diverse Nebenbeschäftigungen der IP das als schwierig empfundene bloße Zuhören in der klassischen Vorlesung. Spiele zur Auflockerung sind in diesem Fall eher unerwünscht, weil der Besuch dieser Lehrveranstaltung für die IP lediglich dazu dient, „einen allgemeinen Überblick zu bekommen“. In der folgenden Abbildung ist der Vergleich beider Vorlesungstypen zusammengefasst:

Abb.: Vergleich der Vorlesungstypen

Konstruktion einer analytischen Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Einsatz von Hörsaalspielen in verschiedenen Vorlesungen. Die IP beteiligt sich aktiv an der Lösung von Aufgaben in der Lehrveranstaltung. Die Durchführung eines Hörsaalspiels nimmt sie als leichten Einstieg in die Vorlesung, Auflockerung und Übung wahr. Das führt bei der IP zu Konzentration im weiteren Verlauf der Lehrveranstaltung.
In Vorlesungen ohne aktivierende Aufgabenstellungen erleichtern Nebenbeschäftigungen und gedankliches Abschweifen der IP das Zuhören. Deshalb besteht bei der IP kein Wunsch nach weiterer Auflockerung der Lehrveranstaltung durch Spiele.

Konstruktion einer Grounded Theory. Wenn sich Studierende in Vorlesungen aktiv an der Lösung von Aufgaben beteiligen, dann führt der Einsatz von Hörsaalspielen zu Auflockerung und Konzentration in der Lehrveranstaltung.
Wenn Studierende an Vorlesungen passiv teilnehmen, dann führen Nebenbeschäftigungen und gedankliches Abschweifen zu einer Erleichterung des Zuhörens, aber nicht zu dem Wunsch, in der Lehrveranstaltung ein Spiel durchzuführen.

Tja, dieses Ergebnis klingt erst einmal logisch, aber so habe ich es nicht erwartet bzw. ohne Gespräch und Analyse wäre ich wohl nicht so schnell auf die mögliche Begründung gekommen, warum in der klassischen Vorlesung ein Spiel zur Auflockerung aus Sicht der IP nicht nötig ist.

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9 comments so far

  1. ruthsscheff on

    Sorry Luci, aber hier kann man (Frau sowieso) noch weiter analytisch arbeiten! In der aktivierenden Vorlesung, so steht es in deinem Kästchen, ist Mitarbeit möglich. Das hört sich für mich bei der IP aber anders an. Hier ist Mitarbeit nötig!!!! Und es scheint Vorlesungen zu geben, in denen die IP sich einen Überblick verschaffen will (und nicht mehr). Dann ‚klingt‘ es für mich wie eine ‚Berieselung‘ in der die IP nicht duch Spiele oder sonstige ‚Ablenkungen‘ gestört werden will und ihren Gedanken nachhängen möchte. Wann, wenn nicht in solch einer Vorlesung hängt die IP ihren Gedanken nach? Wie empfindet sie es, ihren Gedanken nachzuhängen? Ist es ansonsten ‚verlorene‘ Zeit und lässt sich durch eine solche Vorlesung legitimieren? „Ich hab ja was gemacht!“ Den zweiten Teil deiner Theory: Wenn Studierende an Vorlesungen passiv teilnehmen, dann führen Nebenbeschäftigungen und gedankliches Abschweifen zu einer Erleichterung des Zuhörens, aber nicht zu dem Wunsch, in der Lehrveranstaltung ein Spiel durchzuführen. Würde ich demnach anders formulieren:
    Wenn Studierende an Vorlesungen passiv teilnehmen, dann besteht kein Wunsch, in der Lehrveranstaltung ein Spiel durchzuführen, weil Nebenbeschäftigungen und gedankliches Abschweifen dadurch gestört würden.
    Na jetzt wünsch‘ ich dir viel Spaß und hoffe ich habe ihn dir nicht verdorben 😉

  2. Kristina Lucius on

    Endlich wieder ein kritischer Kommentar – herzlichen Dank!
    Ja, Mitarbeit ist in der aktivierenden VL nötig – zumindest aus der Sicht der Lehrenden. Die IP sagt aber: „wenn man wirklich mitarbeiten möchte„. Die Wörter „wenn“ und „möchte“ sind einschränkend in dem Sinne, dass hier ein Angebot zur Mitarbeit seitens der Dozierenden vorliegt, welches von den Studierenden angenommen wird oder nicht, indem zB kleine Gespräche geführt werden. Aus studentischer Sicht ist die Mitarbeit also zunächst erst einmal „möglich“.
    Auf den Gedanken, dass sich Studierende in klassischen Vorlesungen nur „berieseln“ lassen wollen, kann man wohl im ersten Moment tatsächlich kommen. Gehe ich aber zurück zu den Daten – Du weißt, warum -, dann finde ich eher Zuhörenwollen und Resignation über das Nichtgelingen dieses Vorhabens: „Schaffe ich meistens nicht, […] und dann mache ich noch etwas nebenher, um dann zuzuhören. Sonst finde ich das ziemlich schwierig„. Nebenbeschäftigungen sind aus meiner Sicht in diesem Fall reine „Notwehr“ der IP gegen gänzliches Abdriften der Gedanken und für bessere Konzentration in der Vorlesung. Die negative Erfahrung, etwas nicht zu „schaffen“, dem Monolog nicht folgen zu können, eben passiv sein zu müssen, führt hier zu anderweitigen Beschäftigungen. Die IP hat erfahren, dass ihr Verhalten in der Vorlesung für einen „allgemeinen Überblick“ ausreichend ist und erwartet von einem Spiel keinen Nutzen (zB Übung) für diesen Überblick. Eine Störung der Nebenbeschäftigung durch Spiele halte ich nur dann für gegeben, wenn diese Aktiväten vorsätzlich von Studierenden ausgeübt würden. Das sieht mir in diesem Fall aber nicht so aus, weil die IP zuhören will („in der Vorlesung sitze, wo ich wirlich einfach mir den Stoff anhören will“).
    Es war mir ein Vergnügen! 🙂

  3. ruthsscheff on

    Es widerspricht sich doch a) passiv sein zu müssen und b) “in der Vorlesung sitze, wo ich wirklich einfach mir den Stoff anhören will”

    Also entweder ich muss passiv sein, weil mir keine aktive Teilnahme ‚angeboten‘ wird. Dann versuche ich alles mögliche um diesem Monolog vorne zu folgen. Ich erlebe das in Meetings zuhauf, dass die Augenlider der Teilnehmer immer schwerer werden, wenn es aktive Beteiligung gibt….

    Wenn es aber ‚Notwehr‘ wäre, dann würde in meinen Augen das Argument folgen: Wenn ich mich nur aktiv beteiligen dürfte (vielleicht spielen), dann müsste ich mich nicht selbst beschäftigen (um nicht einzuschlafen).

    Es wären zumindest diese zwei Möglichkeiten gegeben:
    1) Ich will nicht gestört werden und meinen Gedanken nachhängen, das wesentliche bekomme ich auch so mit. Würde ein Spiel eingesetzt werden, müsste ich schon wieder volle Aufmerksamkeit bringen und das ist auf die Dauer zu anstrengend.
    2) Mir wird keine aktive Teilnahme ermöglicht, deshalb muss ich irgendetwas unternehmen um nicht einzuschlafen, also beschäftige ich mich mit anderen Dingen.

    Die Frage die sich mir stellt ist: traut sich das denn überhaupt jemand zu sagen? Das ist jedenfalls in einem meiner Interviews gesagt worden:
    Die Frage, wie ich meinen Unterricht vorbereite ist deswegen obsolet, weil jeder weiß, wie Unterricht (theoretisch) vorbereitet werden muss. Wenn ich es nicht so mache, sondern einfach nur etwas hinschlure, dann werde ich das bestimmt nicht in meinen Blog (für die online Fortbildung) schreiben.

  4. Kristina Lucius on

    B) folgt mMn eher aus A). Ich unterstelle, dass die IP in der Vorlesung etwas lernen will, denn sie benötigt auf keinen Fall eine Lehrveranstaltung, um ihren Gedanken nachzuhängen oder zu essen.

    „2) Mir wird keine aktive Teilnahme ermöglicht, deshalb muss ich irgendetwas unternehmen um nicht einzuschlafen, also beschäftige ich mich mit anderen Dingen.“ – Ja, diese Schlussfolgerung würde ich auch ziehen.

    1) haut nicht hin, weil die IP das Spiel als Auflockerung der anstrengenden (aktivierenden) Vorlesung und nicht als Anstrengung wahrgenommen hat.

    „Die Frage die sich mir stellt ist: traut sich das denn überhaupt jemand zu sagen?“ – Was genau soll sich jemand trauen zu sagen?

  5. ruthsscheff on

    So, nach der Arbeit folgt hier das Vergnügen 😉
    Was genau soll sich jemand trauen zu sagen? War deine Frage, Luci.
    Ich meinte Möglichkeit 1) Ich will nicht gestört werden und meinen Gedanken nachhängen, das wesentliche bekomme ich auch so mit. Würde ein Spiel eingesetzt werden, müsste ich schon wieder volle Aufmerksamkeit bringen und das ist auf die Dauer zu anstrengend.

    In deiner Ausführung steht ja einerseits, eine ‚klassische‘ Vorlesung sei nicht so anstrengend wie eine ‚aktivierende‘ Vorlesung. Andererseits sagt die IP es sei schwierig zu folgen „schaffe ich meist nicht“.

    Wodurch wäre es also leichter zu folgen, wenn nicht eigene Aktivitäten dazu benutzt würden? Was macht es in einer ‚klassischen‘ Vorlesung schwierig zu folgen? Aktivität ist doch der Schlüssel in beiden Varianten. Einmal die Aktivierung von außen und einmal selbst initiiert – oder?

    Nach meiner Ausführung 1) würde das bedeuten: Die Qualität der Aktivierung unterscheidet sich.
    Aktivierung von außen ist fremdbestimmt und anstrengender als die Aktivierung von innen?

  6. Kristina Lucius on

    Ja, Aktivität als Schlüssel – das gefällt mir! Spielen/aktiv/Abwechslung und Zuhören/passiv/Monotonie – das ist mMn der Unterschied. Die Störung der Gedanken durch ein Spiel lässt sich jedoch nicht aus den Daten ableiten.

  7. ruthsscheff on

    OK Luci – Der Schlüssel ist Aktivität und als Hauptkategorie in der GT kann Aktivität dimensioniert werden nach der Quelle -> von außen – von innen, der Quantität -> gering – umfangreich, etc.
    Diese Überlegung geht dann nochmal etwas in eine andere Richtung als der Aktivität eine Passivität gegenüber zu stellen.

    Spannend wäre es, dieses Gedankenspiel in dem Kodierparadigma darzustellen. Was ist die ursächliche Bedingung? Was ist der Kontext? Welche intervenierenden Bedingungen beeinflussen welche Strategien?
    Und schließlich welche Konsequenzen folgen daraus und verändern wie das Phänomen.

    Bei dieser Geschichte lerne ich gerade, dass es niemals um ein zentrales Phänomen geht. Das habe ich bisher falsch verstanden. In einer Forschung geht es immer um ein in diesem Moment fokussiertes Phänomen. Ich danke dir an dieser Stelle sehr herzlich für die Möglichkeit des Erkenntnisgewinns 🙂

  8. […] IP „interaktiv“ und der Begriff löst die „aktivierende Vorlesung“ aus dem vorigen Artikel (hier) ab. “Aktivierend” erscheint mir inzwischen zu passiv bzw. einseitig von der Lehrkraft […]

  9. Kristina Lucius on

    Ja, das ist sicher eine Möglichkeit. Ebenso wie Du habe ich festgestellt, dass die Sache mit dem zentralen Phänomen sowohl in den Interviews als auch im Vergleich der Gespräche stark schwankend ist. Das macht aber erst mal nichts, denn der abschließende Vergleich ist noch nicht vollbracht. Mit dem Paradigma verfahre ich genauso. Außerdem muss ich die Forschungsfragen im Blick behalten – insofern können die Beiträge hier immer nur Ausschnitte erfassen und ich bin gespannt, mit welchem Ergebnis die Auswertung endet.
    Herzlichen Dank für Deine Einwände und Fragen – ich freue mich jedes Mal darüber, mit Dir zu diskutieren! 🙂


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