09_IP_6_Stud_2_nach_2: Sie waren mit Feuereifer dabei

Zack – die erste Theorie (hier) ist widerlegt! In der Durchführungsphase des Hörsaalspiels gab es „eine kleine Unterbrechung, als dann nochmal zehn Studierende oder so zu spät kamen. Ich nehme mal an, dass das […] auf Grund des Streiks war“. Tja, wenn die Öffis streiken, kann man ja froh sein, wenn dadurch nur ein Spiel unterbrochen wird. Für Außenstehende ist nicht erkennbar, was sich hinter der geschlossenen Hörsaalstür augenblicklich abspielt. Insofern müssen Störungen durch verspätetes Betreten des Hörsaals wohl generell einkalkuliert werden.

Das wirft die nächste Frage auf: Wie sinnvoll ist es, ein Hörsaalspiel am Anfang einer Vorlesung einzusetzen, die außerdem noch früh am Morgen beginnt? Die Interviewperson (IP) meint, dass die Studierenden „am Anfang doch relativ müde“ sein können („Um acht Uhr ist auch nicht unbedingt jetzt jedermanns Sache“). Die Lehrperson setzt deshalb nach dem Verständnis der IP das Spiel mit dem Ziel „Auflockerung“ ein und „damit man bisschen rein kommt in den Stoff“. Nach der indirekten Ankündigung des Spiels stellt die IP „so eine gespannte Atmosphäre“ bei sich und den Studierenden fest. Es kommt aber noch besser. Obwohl die IP „im Vorfeld“ wusste, dass in der Vorlesung gespielt werden soll, war der Zeitpunkt des Spiels am Anfang der Lehrveranstaltung für sie überraschend, „weil ich das eher erwartet hätte so in der Mitte hin oder zum Schluss“. Die IP nahm zum zweiten Mal an einer Vorlesung mit Hörsaalspiel teil und „war ganz gespannt, wie das diesmal ablaufen würde. Ob das im Vergleich […] besser läuft oder ob es schlechter läuft […] wie das ankommt […] das war […] das andere Gefühl […] Spannung“.

Und wie lief nun das Spiel mit 150 bis 200 Studierenden? Die IP war „erstaunt, dass es diesmal teilweise relativ lange mit den Antworten gedauert hat im Vergleich zu den anderen“, doch die Studierenden waren „ganz mit Feuereifer dabei“. Bingo! Die Müdigkeit wurde also offensichtlich erfolgreich vertrieben und damit ein Ziel des Spiels erreicht.
Selbst ein Problem in der Wettbewerbssituation erschienen ihr „recht witzig, weil eigentlich spielt das dann keine Rolle, wer von beiden zuerst war, weil, die waren ja in der gleichen Gruppe“.
Einen Nutzen in Bezug auf die Lerntätigkeit während des Spiels würde die IP „eher verneinen“, weil „man sich da so drauf konzentriert, die richtige Antwort zu kreieren“. Sie erwartet jedoch „hinterher“ einen möglichen „Zuwachs“ bzgl. Lernen, wenn, wie in der betreffenden Vorlesung,  nochmals über das Thema gesprochen wird.
Die IP fand „den Transfer schwieriger als beim letzten Mal“, weil die Inhalte des Spiels erst danach besprochen wurden. Das bedeutet, dass neben der Gruppenzusammensetzung auch der Zeitpunkt, an dem ein Hörsaalspiel in der Vorlesung durchgeführt wird, eine Rolle spielen könnte, zB für die Akzeptanz durch die Studierenden oder den Lernzuwachs, aber nicht für die Konzentration und aktive Beteiligung.

Nach dem Spiel war die Stimmung „erst mal so ein bisschen aufgelöst, wie das am Ende eines Spiels ja normalerweise auch ist“. Es ist also normal, dass sich die Gewinnergruppe „ein kleines bisschen gefreut“ hat, „aber jetzt nicht übermäßig“ und dass die Studierenden „unruhig waren“ sowie „miteinander gesprochen haben“. Kurze Unruhe und Gespräche nach dem Spiel als Ausdruck von Freude. Das ist vielleicht für Lehrende interessant?

Apropos Lehrkräfte. Welche Eigenschaften zeigt eine Lehrperson, die Spiele in der Vorlesung durchführt? Die Lehrkraft wird von der IP als „recht offener Mensch“ beschrieben, die „mit den Studenten keine Berührungsängste“ hat. Sie geht „auf die Studierenden zu und auf sie ein […] und da macht es auch Spaß, mit so jemandem zu spielen“. Während des Spiels ist der IP keine Verhaltensänderung bei der Lehrkraft aufgefallen (s. Abbildung).

Abb.: Integratives Diagramm „Atmosphäre und Verhalten“, IP_6/2

Aus diesen Daten können mehrere Theorien entwickelt werden, zum Beispiel:
1) Betriebsamkeit vor der Vorlesung (Bedingung) → Ruhe herstellen durch abwartendes Verhalten der Dozierenden (Strategie) → ruhige Atmosphäre in der Vorlesung (Konsequenz).
2a) Früher Vorlesungsbeginn → Spiel mit Ziel Auflockerung durchführen → Konzentration, aktive Beteiligung und aufgelöste Stimmung nach dem Spiel.
2b) Früher Vorlesungsbeginn → indirekte Ankündigung eines Spiels → Spannung.
3) Einsatz von Spielen in der Vorlesung ist Studierenden bekannt → Zeitpunkt für den Einsatz des Spiels in der Vorlesung variieren → Einsatzzeitpunkt als Überraschungsmoment.
4) Positive Eigenschaften der Dozierenden → unverändertes Verhalten der Dozierenden während des Spiels → Spaß im Hörsaalspiel usw.
Na, mal gucken, welcher Pfad sich verdichten lässt und was da noch so an Daten kommt.

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1 comment so far

  1. […] Erstaunlicherweise kann sich die IP nicht mehr daran erinnern, ob ihre Gruppe das Spiel gewonnen oder verloren hat. Ich könnte also annehmen, dass Verlieren im Spiel nicht so schlimm ist. Von wegen! Während der Wettbewerbscharakter von Spielen die IP allgemein motiviert, erwartet sie eine demotivierende Wirkung, falls sie die Aufgaben nie lösen könnte. Das äußert sich in fehlender Motivation zur Mitarbeit: „Dann hätte ich keine Lust mehr, mich weiter zu beteiligen und würde dann nichts mehr sagen“. Ruhe im Hörsaal kann also einerseits auf Aufmerksamkeit und andererseits auf fehlende Motivation zurückgeführt werden, während die Ursache für Unruhe in der Freude der Studierenden liegen kann (hier). […]


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