08_IP_6_Stud_2_nach_1: Auflösung einer angstbehafteten Situation

Zurück zur Mathematik. Die Interviewperson (IP) studiert im siebten Semester (Lehramt) und hat sehr wenig Erfahrung mit Spielen in der Vorlesung (einmalige Teilnahme; große Gruppengröße mit 120 – 130 Studierenden). Das hindert sie jedoch nicht daran, kritisch die Vor- und Nachteile des Spiels abzuwägen. Sie spielt schließlich gern und oft ausschließlich digitale Spiele (ca. 30 Stunden pro Woche). Dabei legt sie je nach Spiel viel Wert auf Interaktion und Funktionsweise. Wettbewerb, Punkte und Ranglisten haben für sie sehr wenig Bedeutung. Die IP verändert ihre positiven Einstellungen gegenüber Hörsaalspielen (sie fühlt sich dafür mit 39 Jahren nicht zu alt und möchte auch in anderen Fächern und Vorlesungen an Spielen teilnehmen) trotz negativer Erfahrungen (zB eintönige Aufgaben, fehlende Interaktion, kein Gruppengefühl) nicht. Bezüglich der Wahrnehmungen gibt es jedoch eine wesentliche Veränderung im Verhalten der Studierenden (spärliche Wortmeldungen → Hörsaalspiel → plötzlich erhöhte Aktivität und deutlich mehr Beteiligung im Spiel). In der Vorlesung wurde besprochen, dass das Fach Mathematik Ängste auslösen kann. Während des Hörsaalspiels und danach machte sich diese Angst offensichtlich nicht bemerkbar. Die Stimmung im Spiel war lockerer und übertrug sich auf den Rest der Vorlesung:

„Weil, vorher ging es auch teilweise darum, dass Mathematik Ängste auslöst und so. Und das war dann da aber aus meiner Sicht nicht wirklich zu spüren. Das wurde so ein bisschen aufgelöst, diese angstbehaftete Situation. […] die Stimmung war ein bisschen lockerer. […] dass sich diese Stimmung dann übertragen hat. […] Das war eine sehr angenehme Atmosphäre.“

Das klingt nach Spiel als Zaubermittel, oder? Gut, dass ich mich vorerst nur an die Daten halten muss!

Konstruktion analytischer Geschichten. 1) In der Vorlesung werden mögliche Ängste der Studierenden bezüglich des Faches thematisiert. Die Durchführung eines Hörsaalspieles mit thematischem Bezug zur Vorlesung führt dazu, dass die angstbehaftete Situation aufgelöst und die Vorlesung in sehr angenehmer Atmosphäre fortgesetzt wird.
2) Die IP ist Spielen gegenüber positiv eingestellt. Die Durchführung eines Hörsaalspiels führt zu negativen Erfahrungen, aber auch zu positiven Erwartungen an zukünftige Spiele in der Vorlesung. Die positiven Einstellungen der IP gegenüber Hörsaalspielen bleiben unverändert erhalten.
3) Die IP nimmt die Vorlesung als offene Situation, aber mit wenigen Wortmeldungen der Studierenden wahr. Die Durchführung eines Hörsaalspiels führt zu Auflockerung der Vorlesung, plötzlich erhöhter Aktivität und deutlich mehr Beteiligung der Studierenden.
4) Das durchgeführte Hörsaalspiel ist als Gruppenspiel ohne beabsichtigte Interaktionen konzipiert. Die Lehrperson lässt Gespräche zwischen den Studierenden zu. Das führt teilweise zu Interaktionen zwischen den Studierenden, jedoch nicht zur Entwicklung eines Gruppengefühls.
… Es ist so viel Datenmaterial aufgelaufen, dass ich hier noch lustig weitere Geschichten erzählen könnte. Grounded-Theory-Erfahrene ahnen aber sicher schon, dass sich erst ein Vergleich aller geführten Interviews zu diesem Thema für eine dichte Theoriebildung lohnt (ogott). Außerdem hat mir der aktuelle Kommentar von Ruth (hier, – herzlichen Dank dafür!) den Hinweis von Strauss und Corbin zur Beschränkung auf möglichst wenige Kategorien beim Verfassen von Artikeln in Erinnerung gerufen (1996, S. 213). Deshalb und aus Übungsgründen:

Konstruktion einer (!) Grounded Theory. Wenn in einer Vorlesung mögliche fachbezogene Ängste thematisiert werden, dann führt die Durchführung eines Hörsaalspiels mit thematischem Bezug zur Vorlesung zur Auflösung der angstbehafteten Situation und Fortsetzung der Vorlesung in sehr angenehmer Atmosphäre.

Das integrative Diagramm zeigt eine Auswahl von Wahrnehmungen, Einstellungen und Erfahrungen der IP (s. Abbildung). Genau genommen müsste für jede Kategorie/Theorie ein eigenes Diagramm erstellt werden, damit klar ist, warum zB die Spielregeln geändert wurden und mit welchen Folgen oder warum es trotz negativer Erfahrungen zu positiven Erwartungen kommt – und das soll heute mal als Kritik durchgehen.

Abb.: Integratives Diagramm IP_6/1

Theoretisch funktionieren die Verfahren also, aber ob das so in der Realität oft vorkommt? Mit anderen Worten: Welchen Nutzen haben solche Theorien für die Praxis? Wie viele Dozierende sprechen denn überhaupt mit den Studierenden über Ängste, die das jeweilige Fach auslösen kann? Andererseits gibt es vielleicht ein paar Vorlesungen, in denen die Wortmeldungen eher spärlich ausfallen und dann schnappen sich die Lehrenden ein Hörsaalspiel …

Advertisements

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: