07_IP_5_Stud_1_nach_1: Spiele im Spiel statt Vorlesungseffekt

Was sagen eigentlich Studierende zu Spielen in der Vorlesung und lassen sich Spiele außerhalb von Lehrveranstaltungen im Fach Mathematik einsetzen? Ich habe mit einer Interviewperson (IP) aus dem Studiengang Wirtschaft/ Ingenieurwesen, Fachrichtung Maschinenbau gesprochen. Die IP befindet sich im zehnten Semester und verfügt über sehr wenig Erfahrung mit Spielen in der Vorlesung (einmalige Teilnahme). Im Gespräch erwähnt die IP den Begriff „Vorlesungseffekt“, der ihrer Meinung nach aus einer zu großen Gruppengröße entsteht. Einzelne Studierende fühlen sich in Großgruppen demnach unwichtig, nicht gefordert und nicht angesprochen. Das führt zu einem Sicherheitsgefühl der Studierenden in großen Gruppen, in der die Mitarbeit Einzelner nicht nötig erscheint und das ist vielleicht interessant für Dozierende, die sich Gedanken über passives Verhalten der Studierenden machen. Was hat das nun mit Hörsaalspielen zu tun? In der Vorlesung wurde offensichtlich ein Spiel durchgeführt, welches verschiedene Darstellungsformen von Fragen oder Begriffen erforderte (sprachliche Erklärung wie im Spiel Tabu, motorische Erklärung wie in Pantomime und bildhafte Darstellung in Form von Zeichnungen). Das Gruppenspiel enthielt zudem die Elemente Zufall (ein Würfel entscheidet über die Darstellungsform) und Wettbewerb (Dozierende gegen Studierende). Für die Lösung der Aufgaben waren Zusammenarbeit und Koordination der Studierenden notwendig:

„ … und dann mussten wir auch so ein bisschen taktisch überlegen, wie wir gewinnen. Das hat dazu geführt, dass wir unter den Studierenden, wo der Kontakt vorher vielleicht doch noch nicht so da war, aber wir haben dann untereinander ganz gute Teamarbeit gehabt und miteinander gesprochen“.

Insgesamt hat dieses Spiel ausschließlich positive Erfahrungen und Wahrnehmungen hervorgerufen. Diese beziehen sich nicht nur auf die neuen Kontakte zwischen den Studierenden, sondern auch auf das Verhalten der Dozierenden (s. Abbildung):

„Ich hatte den Eindruck, dass die auch ganz froh waren oder auch positiv davon überrascht, dass man so ein bisschen leichter mit den Studenten in Kontakt gekommen ist und mit denen sprechen konnte, auf einer etwas anderen Ebene. Nicht unbedingt fachlich, sondern auch so ein bisschen privater“.

Abb.: Integratives Diagramm zu „Wahrnehmungen und Erfahrungen der Studierenden“

Die IP unterstreicht, dass sie den Wettbewerb gegen die Dozierenden als fair empfunden hat, weil die Fragen für das Spiel von Studierenden vorbereitet wurden:

„Und, was mir sehr gut gefallen hat, ist, dass die Fragen, die dazu benutzt wurden, die wurden im Prinzip von Studierenden aus dem letzten Jahr vorbereitet. […] Dass es von Studierenden kam, fand ich gut. So dass man da nicht irgendwie den Eindruck hatte, dass die Dozenten Sachen aufschreiben, die sie sowieso alle gut erkennen können. Es war ziemlich fair gewesen. Das ist gut geworden. Das hat mir ganz gut gefallen“.

Warum sollen Spiele in der Vorlesung eingesetzt werden?, fragte Amirabai sinngemäß in einem ihrer zahlreichen Kommentare (hier). Der Nutzen des Spiels zB für die eigene Lerntätigkeit liegt nach Meinung der IP in der Wiederholung der Thematik und Vorbereitung auf die Klausur. Außerdem nahm die IP eine Auflockerung der Vorlesung durch das Spiel wahr.

Wettbewerb im Spiel spornt die IP an und Dozierende müssen jetzt ganz stark sein:

„Irgendwie führt so ein Wettbewerbsgedanke auch immer zu einem gewissen Ehrgeiz. Und in diesem Fall war es ja dann so, dass Dozenten gegen Studierende gespielt haben und für uns Studenten war es dann natürlich interessant, gegen die zu gewinnen, hehe“.

Konstruktion einer analytischen Geschichte: Das Gruppenspiel enthält die Elemente Wettbewerb und Zufall. Die Studierenden arbeiten zusammen und treffen strategische Absprachen. Das führt zu positiven Wahrnehmungen und positiven Erfahrungen bei den Studierenden.

Konstruktion einer Grounded Theory: Wenn ein Gruppenspiel die Elemente Wettbewerb und Zufall enthält, dann führt die Zusammenarbeit der Studierenden zu positiven Wahrnehmungen und positiven Erfahrungen der Studierenden.

Kritik fällt heute aus. Ich habe nämlich eben festgestellt, dass sich auch die beschriebenen Spiele analysieren lassen…

Die Meinungen zum Wettbewerbscharakter in Spielen gehen in den Interviews bisher stark auseinander. Wer sich mit Konkurrenz und Zeitdruck nicht anfreunden kann, aber vielleicht ein Spiel in der Lehrveranstaltung einsetzen möchte, dem darf ich den aktuellen Erfahrungsbericht (hier) von Kirsten Will zur Durchführung des Spiels Menschliches Domino ohne Wettbewerbssituation an der TU Braunschweig  empfehlen. Damit haben wir ein zweites Beispiel für Spiele außerhalb der Fachrichtung Mathematik und ich bin etwas neidisch auf die Studierenden des Methodenseminars.

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