06_IP_4_Doz_4: Undercover-Spieler

In der irrigen Annahme, es gäbe zwei Gruppen von Dozierenden, nämlich diejenigen, die Spiele in der Vorlesung einsetzen oder eben nicht, wollte ich im Gespräch mit der vierten Interviewperson (IP) herausfinden, warum sie keine Hörsaalspiele durchführt. Der Anfang lief auch ganz gut (oh, Lehrersprech für Drei minus), also, der Anfang lief sehr gut, denn auf die Frage nach vermutlichen Vorteilen antwortete die IP mit „keine“. Insgesamt schien bei ihr sogar eine leichte Abneigung gegen Spiele vorzuliegen („Alle Möglichkeiten sind mir recht. Aber, […] Spiele sind nicht meins“). Doch nichts ist, wie es scheint! Im Verlauf des Gespräches stellte sich nämlich heraus, dass die IP ihre Vorlesungen methodisch sehr abwechslungsreich gestaltet und die Beschreibung einer Aufgabenstellung ließ mich hellhörig werden. Auf Nachfrage bestätigte die IP, dass diese Methode einem bestimmten Spiel zuzuordnen ist. So, und nun? Spätestens an dieser Stelle offenbaren sich Anfängerfehler in der Interviewführung gnadenlos. Ordentlich nachhaken wäre die Devise gewesen, so richtig ausquetschen wie eine Zitrone. Im Gespräch wurden schnell nicht nur die negativen Erwartungen der IP gegenüber Spielen mit Studierenden, sondern auch ihre hohe Wertschätzung gegenüber den Studierenden deutlich (zB Zusatzangebote, um Prüfungsängste zu reduzieren; „Ich finde, man ist nicht nur derjenige vorne, der etwas vorträgt“). In einer Art Gedankenspiel nimmt die IP negative Ergebnisse und Reaktionen der Studierenden auf den Einsatz von Spielen in der Vorlesung vorweg („Wenn ich Hörsaalspiele einsetzen würde, ich stehe da nicht hinter, […] Dann wird das nichts. […] weil man mir diese Idee nicht abnimmt. Die Studenten kennen mich genau. […] Insofern sind Hörsaalspiele für mich erledigt“). Wie passt das mit dem eingesetzten Spiel zusammen? Die IP sagt zwar, dass sie keine Spiele durchführt, modifiziert aber eine Aufgabenstellung hinsichtlich Wettbewerb und Zeit so, dass sie die Durchführung nicht als Spiel benennt, die Aufgabe aber nach den Merkmalen von Spiel als solches zu bezeichnen ist. Tatsächlich erkennt die IP das bereits im Gespräch („So etwas mache ich im Prinzip. […] Das ist Tabu“). Trotz Abneigung gegen Wettbewerbssituationen beim Lernen, werden die Studierenden zB durch materielle Anreize zur Teilnahme und damit zur Lösung der Aufgabe motiviert. Der Zeitfaktor wird teilweise auf den häuslichen Bereich verlegt. Da die Begrenzung von Raum und Zeit als Merkmale von Spiel ausgewiesen sind, fällt durch die räumliche Verlagerung und zeitliche Verlängerung offensichtlich nicht so schnell auf, dass es sich trotzdem um ein Spiel handelt. Die Begrenzungen sind schließlich immer noch vorhanden. Wem das noch nicht reicht: In einem weiteren Gedankenspiel nennt die IP bereits konkrete Ideen für den Einsatz eines Spieles in Verbindung mit Bewegung („einmal um die Hütte rennen“) und hat dafür bereits kollegiale Zusammenarbeit aufgenommen („Was ich mal machen würde, gegebenenfalls als Spiel, […] Habe schon mit [Name] darüber geredet, ob wir das nicht mal gemeinsam organisieren“).

Analytische Geschichte: Die IP verfügt über negative Erfahrungen und negative Erwartungen gegenüber Spielen mit Studierenden. Die spielfördernde Modifizierung einer Aufgabenstellung führt dazu, dass in der Vorlesung unbewusst ein Spiel durchgeführt wird.

Konstruktion einer Grounded Theory: Wenn Dozierende über negative Erfahrungen und negative Erwartungen gegenüber Spielen mit Studierenden verfügen, dann führt eine spielfördernde Modifizierung von Aufgabenstellungen zu einer latenten Durchführung von Spielen in der Vorlesung.

Kritik: 1. Es ist eine sehr herbe Konstruktion, aber ich muss mich ja an die Daten halten. 2. Der Begriff „spielfördernd“ klingt noch etwas beknackt…

Undercover-Spieler (s. Abbildung) stellen somit eine Untergruppe der „Spieler“ in der Gruppe der Dozierenden dar. Ein weiteres Beispiel für Undercover-Spieler hinsichtlich der Modifizierung einer Aufgabenstellung habe ich vor einiger Zeit hier beschrieben. Unter dem Begriff „Gruppenarbeit“ wurde in diesem Seminar eindeutig ein Rollenspiel verpackt. 🙂 Wie viele Dozierende mag es wohl noch geben, die Spiele in ihren Lehrveranstaltungen durchführen, ohne den Spielbegriff zu verwenden? Und warum? Sind es die gleichen Gründe wie die von der IP genannten oder gibt es noch andere Hindernisse, das Spiel beim Namen zu nennen? Schöne Fragen, aber nicht ganz mein Thema. Noch nicht.

UndercoverSpieler

Abb.: Logisches Diagramm „Undercover-Spieler“

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3 comments so far

  1. Ruth on

    Mich würde brennend interessieren, wie die IP ‚Spiel‘ definiert und welche eigenen Erfahrungen sie mit Spiel gemacht hat. Verräterisch finde ich den Aspekt des Wettbewerbs im Spiel. Ich könnte mir vorstellen, dass negative eigene Erfahrungen mit Wettbewerb im Spiel zu der Abneigung führt. Ist Wettbewerb zwingend ein Bestandteil von Spiel?

    Mein zweiter Gedanke gilt deinem ‚Anfängerfehler‘ in der Interviewführung. Klar, Übung macht den Meister aber könntest du die IP nicht ein weiteres Mal interviewen und in diesem zweiten Interview quasi ‚reinzoomen‘ in die interessanten Aspekte des ersten Interviews?

    Und bei weiteren Fehlern… denke doch bitte daran, dass es nicht nett wäre, wenn du perfekt wärst – wie soll denn da jemand mithalten? 😉

  2. Kristina Lucius on

    Ja, bisher sieht es so aus, dass negative Erfahrungen mit Wettbewerbssituationen zu negativen Einstellungen auf diesem Gebiet führen. Dabei ist Wettbewerb nicht zwingend ein Bestandteil von Spiel! Rollenspiele oder Spiele zur Stärkung des Sozialgefühls beispielsweise haben wohl eher selten Wettbewerbscharakter und auch das aktuelle Spiel „Menschliches Domino“ von Kirsten Will kommt offensichtlich ohne Wettbewerb aus.
    Praktisch gesehen wäre ein zweites Interview mit dieser IP sicher möglich. Theoretisch ist es dann aber möglicherweise nicht ganz sauber, weil die Ergebnisse ja mit diesem Beitrag schon öffentlich und damit auch der IP zugänglich sind. Weiterhin habe ich versucht, mich in diesem Artikel auf wenige Kategorien zu beschränken, so wie es Strauss und Corbin (1996, S. 213) empfehlen. Ich habe Folgendes dazu herausgefunden, woher die negative Einstellung zum Wettbewerb kommt. Erstens sind es, wie Du schon vermutet hast, eigene negative Erfahrungen und zweitens werden teilweise Kenntnisse über Gamification und Spiel miteinander vermischt. Während des Gespräches konnte ich jedoch nicht darauf reagieren. Solche Fehler finde ich extrem schade und von Perfektion will ich dabei noch gar nicht reden. 🙂

  3. […] für eine dichte Theoriebildung lohnt (ogott). Außerdem hat mir der aktuelle Kommentar von Ruth (hier, – herzlichen Dank dafür!) den Hinweis von Strauss und Corbin zur Beschränkung auf […]


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