BP_5_VL_5: „Spielchen brauch‘ ich nicht!“

Komisch, dass mir das erst jetzt auffällt: Hörsaalspiele lassen sich offensichtlich in drei Abschnitte gliedern. In die Vorbereitungsphase fallen alle Tätigkeiten, die für die Durchführung des Spiels notwendig sind. Dazu gehören beispielsweise Gruppen einteilen, Spielregeln erklären, Aufgaben entwickeln oder Spielmaterial verteilen. Die Durchführung könnte auch Spielphase genannt werden, aber der Begriff soll vorerst zweitrangig sein. Letztlich werden in der Phase der Nachbereitung die Tätigkeiten ausgeführt, die das Spiel beenden. Dazu gehört z. B. Punktetabelle auswerten oder Spielmaterial einsammeln. Das klingt ziemlich logisch und ist wahrscheinlich allgemein bekannt. Für mich stellt diese Dreiteilung jedoch insofern eine Erkenntnis dar, als dass ich die Unterteilung im Spiel bisher gar nicht wahrgenommen habe und nur auf den Unterricht bezogen kannte. Diese Parallele ist wirklich seltsam. Nein, eigentlich finde ich das ziemlich cool, weil ich endlich auch mal für mich etwas Neues „entdeckt“ habe. *Honigkuchenpferdgrinsen*

Die Vorlesung 5 ist ebenfalls dreiteilig. Im ersten Abschnitt verläuft die Lehrveranstaltung gleichförmig und ohne Wechsel der Sozialform. Die Studierenden verhalten sich sehr still und schreiben Tafelbilder ab. Die ruhige Stimmung wird jedoch dreimal durch verspätet ankommende bzw. verfrüht gehende Studierende gestört. Im zweiten Teil der Vorlesung kündigt die Lehrperson (orrrrh, gibt es dafür nicht ein schöneres Wort?) das Spiel an („Wer kennt …?“), teilt die Studierenden in zwei Gruppen und bittet sie, sich Begriffe einschließlich Umschreibungen auszudenken. Inzwischen haben zwei weitere Studierende den Raum betreten bzw. verlassen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als auch noch die Lehrkraft die Vorlesung für fünf Minuten verlässt. Es scheint wie ein Signal auf mindestens sechs Studierende zu wirken, die sich nun ebenfalls von der Lehrveranstaltung verabschieden. Zwei von ihnen mit der Erklärung: „Spielchen brauch ich nicht“. Als die Lehrperson den Raum wieder betritt, ist im Hörsaal eine erhebliche Lautstärke wahrzunehmen. Die Lehrkraft erklärt, dass für das Spiel fachbezogene Begriffe „sinnvoll“ wären. Nach dem Satz „Hörsaalspiele können nicht nur Spaß machen, man lernt auch etwas dabei“, werden die Zettel gruppenweise getauscht und das Spiel beginnt. Somit dauerte die Vorbereitungsphase 14 Minuten! Das Spiel hingegen verlief zügig und ohne größere Störung. Am Anfang konnten lediglich vier Studierende beobachtet werden, die in ein Gespräch vertieft waren. In sieben Minuten wurden acht Spielrunden durchgeführt, in denen die Studierenden ausnahmslos gegen die Lehrperson spielten. Die lockere Stimmung zeigte sich durch Lachen der Studierenden (s. Abb. 1).

Abb. 1: Integratives Diagramm „Spielverlauf“

Das letzte Drittel der Vorlesung verlief genauso leise wie der erste Teil. Nur einmal erhöhte sich die Lautstärke sehr, als die ausgefüllten Fragebogen zurückgegeben wurden. Weitere Störungen traten nicht auf. Insgesamt wurden die Inhalte der Lehrveranstaltung anhand von fünf Tafelbildern einschließlich Diskussionen erarbeitet (s. Abb. 2).

Abb. 2: Integratives Diagramm „Vorlesungsverlauf“

Konstruktion einer analytischen Geschichte: Im Mittelpunkt steht die Durchführung eines Hörsaalspiels. In der Vorbereitungsphase treten verschiedene Probleme auf. Kurze Spieldurchgänge unter Beteiligung der Lehrkraft führen zu einer aufgelockerten Atmosphäre im Hörsaal, aber auch zu einer insgesamt langen Spielzeit.

Konstruktion einer Grounded Theory: Wenn Komplikationen in der Vorbereitungsphase auftreten, dann führen kurze Spieldurchgänge unter Beteiligung der Dozierenden zu einer aufgelockerten Atmosphäre in der Vorlesung, aber auch zu einer langen Gesamtspielzeit.

Auftritt Kritiker: Die Komplikationen in der Vorbereitungsphase wurden vom Verhalten der Lehrperson und Studierenden gleichermaßen verursacht, tauchen aber in der analytischen Geschichte und Konstruktion der Grounded Theory nicht auf. Technisch kann das wohl richtig sein. Aber können Geschichte bzw. Theorie logisch wirklich nachvollzogen werden, wenn man sich nicht so intensiv mit ihrem Zustandekommen beschäftigt hat? Für Lehrende wäre es doch wichtig zu wissen, warum welche Probleme auftreten und wie sie behoben oder vermieden werden können. Es muss außerdem geprüft werden, ob die Ankündigung und der zeitliche Umfang eines Spiels in der Vorlesung wirklich immer oder zumindest überwiegend zu unerwünschtem Verhalten führt. Oder umgekehrt, ob es zu weniger/keinen Komplikationen hinsichtlich des Verhaltens kommt, wenn ein Spiel nicht angekündigt wird und die Vorbereitung kürzer verläuft. Oder wie sich die Gruppengröße auf den Spielverlauf auswirkt. Unwiederbringlich verloren ist leider auch die Chance, im Anschluss an die Beobachtung mit der Lehrperson zu sprechen.

Advertisements

2 comments so far

  1. […] Blick ähnelt der Ablauf der Vorlesung in diesem Beobachtungsprotokoll (BP) dem vorigen sehr (hier). Auf den zweiten Blick gibt es jedoch schon wieder kleine Entdeckungen: 1. Störungen treten nur […]

  2. […] Die „Entdeckung“ der drei Phasen von Hörsaalspielen (hier) war ja schon ziemlich aufregend, aber der Vergleich der Beobachtungsprotokolle ist noch einmal […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: