BP_4_VL_4: Die nahezu Perfekte

„Entdeckungen sind das Ziel der Grounded Theory“ (Strauss/Corbin, 1996, S. 152), aber der Augenblick des Erkennens ist schon ziemlich krass im Verhältnis zur gesamten Analysearbeit. Jedenfalls brauchte ich mehr als einen Blick auf das mit Auffälligkeiten dünn besiedelte Beobachtungsprotokoll der Vorlesung, um festzustellen, dass ich mich selten so über ein „Nichts“ gefreut habe wie in dieser Beobachtung. Interessant ist nämlich, was zu dem „Nichts“ führte.

Die Vorlesung mit Hörsaalspiel im letzten Drittel der Lehrveranstaltung ist gekennzeichnet durch Methodenvielfalt (z. B. eigenständige Übung, Erklärung, Diskussion) und entsprechendem Wechsel der Sozialform (Einzel-, Kleingruppen- und Großgruppenarbeit). Die Durchführung des Spieles erfolgte inhaltlich und organisatorisch nahtlos, beinahe unauffällig im Vorlesungsverlauf. Die kurze Erklärung der Spielregeln (zwei Minuten), die wenigen, ohne Zeitvorgabe, aber ebenfalls zeitlich knapp gehaltenen drei Spielrunden mit je vier Aufgaben (in zwei bis drei Minuten) sowie die Auswertungen der Lösungen, teilweise mit Diskussionen, innerhalb des Spieles führten zu einer Gesamtdauer des Hörsaalspieles von nur elf Minuten. Das Beste an diesem Spiel war für mich aber, dass die Studierenden in die Organisation des Spieles einbezogen wurden, indem sie sich die erworbenen oder verlorenen Punkte merken sollten. Ich habe diese Idee seit der Beobachtung in meine Praxis übernommen und es klappt hervorragend! Punktetabellen an der Tafel lenken nicht mehr vom Unterricht ab, die Stunde wird durch das Eintragen neuer Punkte nicht unterbrochen und es gibt nun viele „Wächter über die Gerechtigkeit“ (in-vivo-Code der ersten Interviewperson).
Vor dem Spiel gab es nur eine Störung durch eine/n verspätet eintreffende/n Studierende/n. Während des Spieles und danach traten keine Störungen durch unangemessenes Verhalten auf. Die Atmosphäre der Vorlesung war durchgängig positiv mit einer geringfügigen Steigerung während der Erklärung des Spiels (fröhliches Gemurmel). Dass sich die Studierenden wohl gefühlt haben, ist u. a. an der Frage nach dem Preis für die Gewinnergruppe zu erkennen. Die Kurzfassung der ganzen Geschichte sieht so aus:

Abb.: Integratives Diagramm zur methodischen Durchführung eines Hörsaalspieles

Konstruktion einer analytischen Geschichte: Im Mittelpunkt steht die Durchführung eines Spieles in der Vorlesung. Die Lehrkraft setzt ein Spiel gleichberechtigt neben weiteren Methoden in der Vorlesung ein. Das Spiel steht thematisch und organisatorisch im Zusammenhang mit den Inhalten der Vorlesung. Die kurze Erklärung zum Spiel, wenige Spieldurchgänge und die Beteiligung der Studierenden an der Organisation des Spieles führen dazu, dass Störungen durch das Verhalten der Studierenden unterbleiben und eine geringe Steigerung der positiven Atmosphäre wahrnehmbar ist.

Konstruktion einer Grounded Theory: Wenn Dozierende ein Spiel in einer methodisch abwechslungsreichen Vorlesung einsetzen, dann führen unaufdringliches organisatorisches und inhaltliches Einbetten des Spieles in die Vorlesung, kurze Erklärungen und wenige, kurze Spielrunden sowie Beteiligung der Studierenden an der Organisation des Spieles zu einer geringfügigen Steigerung der positiven Atmosphäre und erwünschtem Verhalten der Studierenden.

Ich spiele Kritiker und stelle folgende Haken an der Sache fest: 1. An der nahezu perfekten Vorlesung mit Hörsaalspiel haben nur 17 Studierende teilgenommen. 2. Die Vorlesung fand nicht in einem Hörsaal, sondern in einem Seminarraum statt. 3. Die Steigerung der positiven Atmosphäre ist als Ergebnis nicht eindeutig. Kann ja sein, dass sich die Studierenden schlicht auf das Ende der Lehrveranstaltung gefreut haben. 4. Auch die fehlenden Störungen lassen sich meiner Ansicht nach nicht einwandfrei allein auf die Durchführung des Spieles zurückführen.
Andererseits, wenn die Punkte 3 und 4 auch in anderen Vorlesungen mit Spielen zu „Nichts“ führen, dann ist das doch schon mal ein Anfang für die vorläufige Entwicklung einer Theorie über Hörsaalspiele als Methode, wenn es denn mein Ziel wäre.

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1 comment so far

  1. […] Studierenden selbständig an der Organisation des Spiels und Einhaltung der Spielregeln mitwirken (BP_4_VL_4, BP_6_VL_6, BP_7_VL_8) und 4. die Studierenden gegen enge Zeitvorgaben (BP_2_VL_2) und Änderung […]


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