02_IP_1_nach_1: Wahrnehmungen

Vor der Auswertung dieses Interviews hatte ich ziemlich viel Schiss. Die letzte Frage der Interviewperson (IP) im Gespräch, „Warum sind sie dafür nicht dankbar?“, hing wie ein scharfes Schwert über der Analyse, obwohl ich die Antwort der Studierenden schon längst kannte (82% der 257 befragten Studierenden sind [eher] dankbar für die Auflockerung der Vorlesung durch Hörsaalspiele). Aber, von Anfang an.
Kontext Spiel der IP: Die IP ist allgemein sehr an Spielen interessiert („ […] so oft wie möglich. Das ist doch etwas, was ich eigentlich nie ablehne.“), was sich in mittlerer Spielhäufigkeit (ca. „alle zwei Wochen“) und langer Spieldauer („vier Stunden […] oder länger“) ausdrückt. Das Interesse der IP richtet sich vor allem auf Gesellschaftsspiele mit vielfältigen Strategien. Digitale Spiele hingegen spielt die IP „überhaupt nicht“. Die IP legt sehr viel Wert auf Punkte und Ranglisten, sofern sie im Spiel vorhanden sind. Auf Wettbewerbssituationen legt die IP jedoch „gar keinen“ Wert. Ich halte das für einen Widerspruch, kann diese Unklarheit aber noch nicht genau formulieren. Vermutlich ist die Fragestellung auf der Basis von Spielertypen nach Bartle nicht korrekt gewählt. Möglicherweise ist der Bartle-Test gar nicht auf analoge Spiele übertragbar. Aber, das soll jetzt noch nicht meine Baustelle sein.

Kontext Vorlesung der IP: Die Lehrveranstaltung fand im Fach Mathematik bei mittlerer Gruppengröße (50 bis 60 Studierende) statt.

Handlungsbedingungen: Die IP hat „bisher nur in einer Vorlesung“ Hörsaalspiele eingesetzt – und zwar extrinsisch motiviert. Die Erfahrung mit Hörsaalspielen ist bei dieser IP also sehr gering.
Die IP findet es generell wichtig, während der Vorlesung mit der Studierendenschaft in Kontakt zu treten, „damit es keine eingleisige Wissensvermittlung ist, sondern mehr […] ein Dialog“. Im Bewusstsein, dass dies „natürlich nicht selbstverständlich“ ist, findet es die IP „normal, dass man verschiedene […] Methoden, verschiedene Medien, verschiedene Aktivierungsmaßnahmen benutzt, um verschiedene Lernzugänge zu eröffnen und verschiedene Menschen anzusprechen“. Sie ist davon überzeugt, dass zu ihrer Studienzeit „die Vorlesung leichter lief“.
Die Wertschätzung der Studierenden durch die IP drückt sich außerdem in sorgfältiger zeitlicher Planung des Spiels im Verlauf der Vorlesung aus. Das bedeutet, dass die IP das Hörsaalspiel bewusst in die Mitte der Lehrveranstaltung gelegt hat, um es vollständig durchführen zu können („Mir war es wichtig, dass dieses Hörsaalspiel auf jeden Fall komplett stattfinden kann. A) nicht in Zeitnot gerät und B) nicht den Eindruck erweckt: Na ja, gut, das hängen wir jetzt noch hinten dran, weil wir nichts mehr zu tun haben“).

Handlungskonsequenzen: Planung und Durchführung des Hörsaalspiels führen bei der IP zu hohen Erwartungen sowohl an die eigene Person als auch an die Studierenden (z. B. „Auflockerung, Humor, Spielgedanke“) – und zu überwiegend negativen Wahrnehmungen („Die Studierenden waren sehr undiszipliniert. […] Ich war angespannter […] Ich bin dann durchaus so in der Rolle als Wächter über die Gerechtigkeit. […] diese üblichen unfairen Manipulationen, die einem Wettbewerb geschuldet sind“). Selbst „der Rest der Vorlesung“ kommt in der Wahrnehmung der IP nicht immer gut weg (Es „war schon so, dass ich den Eindruck hatte, ich würde sie eher langweilen“). Rumms! Die Stimmung ist unter den Nullpunkt gefallen.
Die negativen Wahrnehmungen veranlassen die IP jedoch im Gespräch zu einer kritischen Reflexion (z. B. „Es hat natürlich trotzdem auch Lernen stattgefunden […] und in dem Fall vielleicht sogar noch Üben.“, „Wie schafft man es, die Begeisterung für die Methode überspringen zu lassen? […] Wie ist es machbar, da alle zu erreichen?“) sowie nach Lösungen für Störungen, wie z. B. Missachtung der Spielregeln, zu suchen („Ich könnte mir vorstellen, dass ich kleinere Gruppen mache und dafür mehr. […] In einer kleinen Gruppe […], glaube ich, ist es verbindlicher, dass man sich an Regeln halten muss“).

Versuch einer analytischen Geschichte: Im Zentrum dieses Interviews stehen die Wahrnehmungen der IP. Die IP spielt privat oft und gern, legt in ihren Lehrveranstaltungen Wert auf Methodenvielfalt und Wertschätzung der Studierenden. Sie verfügt über eine sehr geringe Erfahrung mit Hörsaalspielen und ist extrinsisch motiviert für die Durchführung von Hörsaalspielen. Das führt zu einer sorgfältigen Planung und Durchführung des Hörsaalspiels in der Vorlesung, aber auch zu negativen Wahrnehmungen. Diese negative Wahrnehmungen veranlassen die IP zur Reflexion und Entwicklung von Ideen zur Verbesserung (s. Abbildung).

AxialeCodierung

Abbildung: Axiale Codierung

Versuch der Konstruktion einer Grounded Theory: Wenn Dozierende über positive Einstellungen gegenüber Studierenden, Gestaltung der Vorlesung und Spiel sowie sehr wenig Erfahrung mit Hörsaalspielen verfügen, dann führen sorgfältige Planung und Durchführung des Hörsaalspiels zu hohen Erwartungen und überwiegend negativen Wahrnehmungen, welche Dozierende zur Reflexion und Entwicklung von Ideen für Verbesserungen veranlassen.

Zwei Probleme: Streng genommen handelt es sich bei diesem Interview wieder um die Kompetenzen der Dozierenden (Strategien Planung, Durchführung und Reflexion). Allerdings wird durch die Analyse erstmals sehr schön deutlich, welche Folgen durch den Einsatz der Kompetenzen auftreten (Konsequenzen) bzw. warum der Einsatz einer bestimmten Kompetenz überhaupt notwendig wurde (Bedingung). Die zweifache Bedeutung der Wahrnehmungen für die Kompetenzen der Dozierenden rechtfertigt es aus meiner Sicht vorläufig, die Wahrnehmungen der Dozierenden in den Mittelpunkt dieser Analyse zu stellen.
Das zweite Problem liegt in den unterschiedlichen Wahrnehmungen erstens von IP und Studierenden (s. o.) sowie zweitens von IP und Beobachtung bezüglich des Verhaltens der Studierenden (hier). Dafür habe ich noch keine Lösung.

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1 comment so far

  1. […] Vorlesung gesprochen werden. Dazu kam es jedoch nicht. Ähnlich wie die erste Interviewperson (IP; hier) reagierte diese IP nach der ersten Durchführung enttäuscht. Der versprochene Gesprächstermin im […]


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