BP_2_VL_2: Alles nur vorläufig

Bei der Auswertung dieses Beobachtungsprotokolls habe ich mich selbst reingelegt. Was war passiert?
Kontext: Die Vorlesung mit mittlerer Gruppengröße wurde im Fach Mathematik gehalten. Zu etwa je einem Drittel der Zeit handelte es sich um die Klärung organisatorischer Fragen, Erläuterung und Durchführung von Fragebogen und Hörsaalspiel sowie fachlicher Arbeit am Vorlesungsstoff. Diese Dreiteilung führte mich zunächst auf eine falsche Fährte. Es konnte nämlich beobachtet werden, dass in der ersten Phase etwa zehn Studierende den Hörsaal nacheinander verließen bzw. verspätet ankamen und durch zusätzliches Gemurmel unterschwellig andauernde Unruhe herrschte. In den folgenden zwei Dritteln traten diese Störungen durch das Verhalten der Studierenden jedoch nicht auf. Besonders im Vorlesungsteil war das Verhalten der Studierenden ruhig und konzentriert. Nun könnte man euphorisch schlussfolgern, dass die Studierenden vom Hörsaalspiel und der Vorlesung schlicht zu sehr in den Bann gezogen wurden, um die Lehrveranstaltung zu verlassen oder sie durch Unruhe zu stören. Obwohl das Verhalten der Studierenden als Kategorie mal eine Abwechslung zu den Kompetenzen der Dozierenden gewesen wäre, ist mir diese Konsequenz dann doch zu plump. Es lassen sich andere Faktoren nicht ausschließen, die zum erwünschten Verhalten der Studierenden in der Vorlesung geführt haben, aber es sieht einfach gut aus (Abb. 1):

Verhalten Studierende

Abb. 1: Verhalten der Studierenden

Also habe ich mir die Durchführung des Hörsaalspiels noch einmal genauer angesehen und Folgendes festgestellt: Die Gesamtspieldauer betrug 18 Minuten. Beinahe die Hälfte der Zeit (acht Minuten) benötigte die Lehrperson für die Vorbereitung des Spiels. Während die Studierenden die Spielkarten verteilten, wurde der Ablauf und die Spielregeln ausführlich erklärt, ohne jedoch den Namen des Spiels zu nennen. Daraufhin folgte im Gegensatz zu der ersten beobachteten Vorlesung (hier) ein fröhliches Gemurmel der Studierenden, aber auch eine Verständnisfrage zum Spiel von einem Studierenden an die Beobachtungsperson. Das Spiel begann ohne Beispielaufgabe und insgesamt wurden in zehn Minuten neun Spielrunden durchgeführt. Dabei kam es zu Problemen sowohl in der Spiel- als auch in der Wettbewerbssituation. Zu den Schwierigkeiten in der Spielsituationen sind der Protest von Studierenden über zu kurze Zeitvorgaben für die Lösung der Aufgaben bzw. ungelöste Aufgaben zu zählen, weiterhin technische Probleme (online-Timer funktionierte nicht wie erwünscht) und das Nichteinhalten von Spielregeln (z. B. unerlaubte Hilfsmittel verwenden). Die gleichzeitigen Antworten mehrerer Studierender ist als Problem in der Wettbewerbssituation bereits aus der o. g. Vorlesung bekannt, aber die genannten Probleme wurden von der Lehrkraft geschickt behoben: Es gab auch nach Ablauf der Zeit noch einen Punkt für die richtige Lösung oder die Punkte wurden gleichmäßig auf die Gruppen verteilt. Wir landen hier also tatsächlich wieder bei den Kompetenzen der Dozierenden und graphisch sieht das dann so aus (Abb. 2):

Abb. 2: Kompetenzen der Dozierenden

Abb. 2: Kompetenzen der Dozierenden

Versuch der Konstruktion einer analytischen Geschichte: Im Zentrum dieser Beobachtung steht die Bewältigung von Problemen bei der Durchführung eines Hörsaalspiels in der Vorlesung. Die Erklärung des Spiels durch die Lehrperson erfolgt erkennbar motivierend für die Studierenden. Probleme in der Spielsituation ergeben sich aus dem Unverständnis der Erklärungen einzelner Studierender, einer fehlenden Beispielaufgabe sowie als zu knapp empfundene Zeitvorgaben und Missachtung der Spielregeln. Das Verhalten der Lehrkraft bei der Punktevergabe wirkt ausgleichend und das Hörsaalspiel erfolgt in der Durchführung planmäßig.

Versuch der Konstruktion einer Grounded Theory: Wenn aufgrund der Erklärungen durch die Lehrperson und technische Störungen Probleme in der Spiel- und Wettbewerbssituation auftreten, dann führt ein ausgleichendes Verhalten der Lehrkraft bei der Punktevergabe zu einer planmäßigen Durchführung des Hörsaalspiels, aber nicht zur Einhaltung der Spielregeln.

Okay, alles nur vorläufig … Vielleicht hilft ein Vergleich der beiden Beobachtungsprotokolle.

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3 comments so far

  1. […] (s. o.) sowie zweitens von IP und Beobachtung bezüglich des Verhaltens der Studierenden (hier). Dafür habe ich noch keine […]

  2. […] Vorlesung (fröhlich-verwundert). Im Gegensatz zur Beobachtung der zweiten Vorlesung (BP_2_VL_2, hier) tritt vereinzelt unerwünschtes Verhalten der Studierenden erst nach dem Hörsaalspiel auf (Abb. […]

  3. […] mitwirken (BP_4_VL_4, BP_6_VL_6, BP_7_VL_8) und 4. die Studierenden gegen enge Zeitvorgaben (BP_2_VL_2) und Änderung der Punktetabelle (BP_1_VL_1) […]


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