01_IP_1_vor: Kompetenzen der Dozierenden

Es war schon ein besonderes Glück, mit dieser Interviewperson (IP) sowohl vor als auch nach dem Einsatz von Spielen in der Vorlesung sprechen zu dürfen. Schon während des Interviews hatte ich ein gutes Gefühl, was die Antworten betraf (vgl. hier). Doch nun, mit der passenden Auswertungsmethode – sie gefunden zu haben, empfinde ich ebenfalls als ein großes Glück – ergeben die Antworten noch mehr Sinn für mich.
Zunächst einmal zum privaten Spielkontext der IP: Sie ist dem Typ Gesellschaftsspiel-Spieler zuzuordnen, spielt regelmäßig und zeitlich lang. Als Spielanlass dient ihr der Besuch bei Freunden und als Spielbedingung nennt sie Mitspieler. Beides könnte eine Begründung dafür sein, dass die IP digitale Spiele ablehnt („Niemals!“).
Interessant ist für mich die Einstellung der IP zu bestimmten Spielelementen: Enthält beispielsweise ein Spiel Punkte und Ranglisten, sind sie der IP sehr wichtig. Fehlt dieses Element im Spiel, dann ist es für die IP unwichtig. Noch spannender wird es bei dem Element „Wettbewerb“: Die IP bewertet den Wettbewerbscharakter von Spielen negativ. Wettbewerbssituationen sind ihr „unlieb“. Enthält jedoch ein Spiel Wettbewerbssituationen, dann ist der IP „gewinnen unwichtig“. Diese unterschiedliche Bewertung von Wettbewerb führt hier nicht zu einem gleichgültigen, sondern zu einem negativen Umgang mit Wettbewerbssituationen, wenn die IP z. B. vorhandene Punkte und Ranglisten „fast schon etwas akribisch“ verfolgt (Abb. 1).

WettbewerbPrivat

Abbildung 1: Spielelement „Wettbewerb“ – Bewertung und Umgang

Bisher ist mir folgender Punkt entgangen: In der eigenen Schulzeit hat die IP sowohl positive als auch negative Erfahrungen mit Wettbewerbssituationen in Spielen gemacht. Die Bewertung von Spielen mit Wettbewerbscharakter fällt aber nur negativ aus (Abb. 2).

WettbewerbSchule

Abbildung 2: Spielelement „Wettbewerb“ – Erfahrung und Bewertung

Zum Kontext von IP und Vorlesung: Die IP lehrt im Fach Mathematik und hat mit vier Semestern noch wenig Vorlesungslehrerfahrung. Ihre Vorlesungen sind durch Methodenvielfalt und variierende Gruppengröße gekennzeichnet. Die schwankende Gruppengröße ergibt sich nach Meinung der IP aus der Festlegung, dass diese Vorlesung keine Leistungsbewertung für die Studierenden nach sich zieht.
Die Vermutungen zu Hörsaalspielen fallen bei der IP eindeutig vorteilhaft aus und ähneln den Vermutungen der Studierenden zu Vorteilen (hier): „Auflockerung“, „spielerisches Herangehen“, „Materie anwenden, üben, vertiefen“. Ich wundere mich allerdings noch heute, warum trotz der negativen Erfahrungen und der negativen Einstellung zum Wettbewerb, genau dieser Punkt erst nach mehrmaligem Fragen von der IP als einziger Nachteil von Hörsaalspielen genannt wurde („höchstens Wettbewerbscharakter“).
Welche Hürden hindern die IP daran, Spiele in der Vorlesung einzusetzen? Da sind zunächst die Einschätzung des Verhaltens/des Alters mancher Studierender sowie der eigene Umgang damit („Es ist an der Hochschule vor manchen Erwachsenen schwierig, auf so eine spielerische Ebene zurück zu gehen“). Tja, hier wäre eine zusätzliche Warum-Frage geschickt gewesen. Weiterhin werden fehlende Kenntnisse über Hörsaalspiele und fehlende Anschaulichkeit von Spielenbeschreibungen in Büchern sowie der Aufwand an Vorbereitung als Hindernisse für den Einsatz von Spielen in der Vorlesung geltend gemacht. Diese Gründe stehen wohl in Zusammenhang mit den Erwartungen der IP an Hörsaalspiele. Die IP will nämlich mit inhaltlich passenden Spielen in der Vorlesung nicht nur eine Übungsphase gestalten, sondern auch Stoff vermitteln.
Überraschend ist für mich die Änderung der Einstellung zum Wettbewerb. Negative Erfahrungen aus der Schulzeit führten bei der IP durch die Hospitation in einer Vorlesung zu einer positiven Bewertung der Wettbewerbssituation. Was war passiert? In der von der IP beobachteten Vorlesung mit Hörsaalspiel traten nicht einzelne Mitspieler gegeneinander an, sondern Gruppen. Der Ausgleich von Aufgaben durch die Gruppe führt nach Ansicht der IP außerdem zu mehr Spannung im Spiel (Abb. 3).

Hospitation

Abbildung 3: Veränderung der Einstellung zu Spielen mit Wettbewerbscharakter

Und noch etwas fiel mir in der ersten Durchsicht des Interviews nicht auf: Die IP spielt mir eine Definition von dem vielleicht etwas „wolkigen“ Begriff „leichter lernen“ in die Hände. Für die IP bedeuten Spiele in der Vorlesung, dass durch Entspannung und Auflockerung „mit noch mehr Freude“ gelernt wird. Dieses „spielerische Lernen“ ist für die IP außerdem unabhängig vom Alter der Lernenden (Abb. 4).

leichterlernen

Abbildung 4: Bedeutung „leichter lernen“

Eine vorläufige Theorie könnte aus diesem Interview folgendermaßen konstruiert werden: Wenn Hindernisse für den Einsatz von Spielen in der Vorlesung von Dozierenden wahrgenommen werden, führt die Informationskompetenz der Dozierenden zur Änderung der Einstellung zu Spielen mit Wettbewerbscharakter sowie zur Planung der Vorlesung mit Spielen (Abb. 5).

KompetenzenDoz2

Abbildung 5: Kompetenzen der Dozierenden

So, jetzt bin ich selber überrascht von dem Ergebnis, dass es sich hier im Kern wieder um die Kompetenzen der Dozierenden handelt.

Die IP nennt als persönliche Voraussetzungen für den Einsatz von Spielen in der Vorlesung neben der Kenntnis von Spielen auch noch „Mut“, Hörsaalspiele durchzuführen. Ich bin natürlich gespannt auf die nächsten Ergebnisse der Auswertung, denn ich weiß ja inzwischen, dass die IP mutig war.

Oh, beinahe hätte ich es vergessen: Der Vergleich beider Auswertungen ergibt einen Unterschied in den Kompetenzen der Dozierenden. Ging es im Beobachtungsprotokoll 1 (hier) um Fertigkeiten bei der Planung und Durchführung von Hörsaalspielen, handelt dieses Interview u. a. von der Fähigkeit, sich vor dem Einsatz erst einmal geeignete Informationen zu Spielen in der Vorlesung zu beschaffen.

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