BP_1_VL_1: Kompetenzen der Dozierenden

„Obwohl ein Anfänger eigentlich nicht erwarten kann, ‚große‘ Entdeckungen zu machen, kann ein Forscher dennoch mit ausreichend harter Arbeit und Ausdauer Beiträge zu seinem Interessensgebiet leisten“ (Strauss & Corbin, 1996, S. 39f.). Nach diesem Zitat ist zumindest in dieser Hinsicht Entspannung angesagt: Ich muss als Anfänger nix entdecken. Das erleichtert meine Übungen mit den Codierverfahren ungemein. Witzig finde ich, dass sich die Daten z. B. eines Beobachtungsprotokolls mit systematischer Analyse ganz anders lesen, als wenn man nur so landläufig darüber berichtet (hier oder hier). Der Rahmen der Vorlesung bleibt zwar gleich (Fach, organisatorische Besonderheiten, kleine Gruppengröße, technische Störung sowie Durchführung eines Hörsaalspiels), aber die einzelnen Beobachtungen bekommen eine neue Bedeutung.

Zum Beispiel änderte sich das Verhalten der Studierenden von kleinen Störungen, Unruhe und Unmut hin zu offensichtlicher Freude und der selbständigen Vorbereitung des Spielraumes. Das kann man sich so vorstellen: Die Lehrperson kündigt das Ziel des Spiels an und die Studierenden stöhnen missmutig. Dann passiert etwas und die Studierenden fangen nicht nur an zu lachen. Sie organisieren auch noch ohne Aufforderung durch die Lehrperson ihren Spielraum, indem sie die Tische einklappen. Bis hierhin ist alles nur eine Beschreibung der Situation. Jetzt stellt sich aber natürlich jeder die spannende Frage, was ist passiert bzw. wie kam es zu dieser Änderung im Verhalten der Studierenden? Die Antwort ist so einfach, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen habe. Vor allem, weil mir dieser Unterschied im Verhalten in meinem Unterricht noch nie so drastisch aufgefallen ist: Die Lehrperson hat dem Spiel einfach eine Beispielaufgabe vorgeschaltet… (Abb. 1)

Verhalten_Stud

Abb. 1: Verhalten der Studierenden

Zweites Beispiel: Bei der Durchführung von Hörsaalspielen kann es zu Problemen in der Spielsituation und/oder in der Wettbewerbssituation kommen. Probleme in der Spielsituation können auftreten, wenn z. B. ungeeignete Medien verwendet werden, die Lösung für eine Aufgabe bereits sichtbar für alle an der Tafel steht oder niemand die Antwort nennt. Probleme in der Wettbewerbssituation hingegen treten auf, wenn mehrere Studierende gleichzeitig und/oder unterschiedlich reagieren, der Punktestand entfernt wird oder Diskussionen um den Punktestand entstehen. Obwohl es sich in beiden Fällen um Probleme in der Durchführung des Spiels handelt, sind im Kern die Kompetenzen der Dozierenden für den weiteren Verlauf entscheidend.
Antworten beispielsweise mehrere Studierende gleichzeitig, kann die spontane Änderung der Spielregeln (Zeit verkürzen, dafür höhere Punktvergabe) dazu führen, dass das Spiel wie geplant verläuft. Entfernt man jedoch den aktuellen Punktestand, scheint Unruhe unter den Studierenden vorprogrammiert. (Abb. 2)

Durchführung

Abb. 2: Durchführung von Hörsaalspielen

Sorgfältige Vorbereitung auf das Spiel zählt ebenfalls zu den Kompetenzen der Dozierenden, z. B. für den Fall, dass das Ergebnis einer Aufgabe bereits zufällig an der Tafel sichtbar ist. Dann kann nämlich das Spiel mit zusätzlich vorbereiteten Aufgaben problemlos fortgesetzt werden. (Abb. 3)

KompetenzDoz

Abb. 3: Kompetenzen der Dozierenden

Weil ich ‚grad so lustig bin, bastele ich mir kleine Theorien aus den Daten: 1. Wenn die Studierenden ihren Unmut über die Zielorientierung des Spiels äußern, dann führt eine beispielhafte Erklärung durch die Dozierenden zu freudigem Verhalten der Studierenden und selbständiger Organisation des Spielraumes. 2. Wenn Probleme in der Spielsituation auftreten, dann führt eine sorgfältige Vorbereitung in Form von zusätzlichen Aufgaben für das Spiel durch die Dozierenden zu einer Fortsetzung des Spiels nach Plan. 3. Wenn Probleme in der Wettbewerbssituation auftreten, dann führt eine Änderung der Spielregeln durch die Dozierenden zu einer weiteren Durchführung des Spiels nach Plan. Das sieht nach einer unendlichen Geschichte aus…

Tja, irgendwie wieder nix Neues, aber meine Übungen fühlen sich nicht mehr so angestrengt an wie am Anfang. Eher so, wie in diesem Zitat: „Spiel ist eine freiwillige Handlung […], die […] ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude …“ (Huizinga, 1997, S. 37) – was will ich mehr? 🙂

Advertisements

4 comments so far

  1. […] ergibt einen Unterschied in den Kompetenzen der Dozierenden. Ging es im Beobachtungsprotokoll 1 (hier) um Fertigkeiten bei der Planung und Durchführung von Hörsaalspielen, handelt dieses Interview u. […]

  2. […] den Namen des Spiels zu nennen. Daraufhin folgte im Gegensatz zu der ersten beobachteten Vorlesung (hier) ein fröhliches Gemurmel der Studierenden, aber auch eine Verständnisfrage zum Spiel von einem […]

  3. […] Kontext Hörsaalspiel: Für das Spiel wurden verschiedene Materialien verwendet (Spielkarten, PC, online-Countdownzähler, Beamer). Nach einer langen Vorbereitungszeit (10 min Erklärung des Spiels, Verteilen der Spielkarten) wurden bei mittlerer Spieldauer (8 min) sechs Spielrunden durchgeführt. Die Nachbereitungszeit (Einsammeln der Spielkarten) kann bei der Anzahl der Studierenden mit nur einer Minute als kurz bezeichnet werden. Es gab weder Probleme in der Spiel-, noch in der Wettbewerbssituation (zu möglichen Problemen siehe BP_1_VL_1, hier). […]

  4. […] und 4. die Studierenden gegen enge Zeitvorgaben (BP_2_VL_2) und Änderung der Punktetabelle (BP_1_VL_1) […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: