FB_5: Können diese Daten lügen?

Es sah so gut aus. Zuerst habe ich mich über die vielen eindeutigen Ergebnisse aus dem aktuellen Fragebogen zu einem ausgewählten Spiel in der Vorlesung gefreut und dachte noch, dass man vielleicht trotz der geringen Stichprobengröße von n = 32 wenigstens eine Tendenz daraus ableiten könne. Alle Befragten nahmen an diesem Hörsaalspiel teil und hatten überwiegend oder zumindest teilweise Spaß daran (~97%). Diese Ergebnisse sind mir inzwischen leider zu gut. Es gibt auffällig viele Nullen in der Auswertung, interessanterweise sogar in der sonst scheinbar so beliebten Kategorie „teils-teils“. Das macht mich misstrauisch.
Ich versuche, die Ergebnisse mit den Antworten aus dem zweiten Fragebogen (hier) zu vergleichen. Darin ging es allgemein um verschiedene Hörsaalspiele und es haben bei n = 109 zwar immerhin rund 86 Prozent der Befragten (eher/teilweise) Spaß an Spielen in der Vorlesung. Allerdings ist dort erstens der Anteil der „teils-teils“-Werte wesentlich höher (FB_2 = 31% : FB_5 = 12%) und zweitens gibt es zusätzlich Studierende, denen Spiele (eher) keinen Spaß gemacht haben (14% : 0%). Ähnlich sieht das bei der Frage nach Wiederholung von Spielen in der Vorlesung aus. Genau genommen lassen sich die Daten aber gar nicht vergleichen. Welch‘ eine schreckliche Erkenntnis! Über den Daumen gepeilt sind 32 Befragte nur etwa ein Drittel von 109 Studierenden. Was ist, wenn die „fehlenden“ zwei Drittel genau das Gegenteil vom jetzigen Ergebnis angekreuzt hätten?
Man könnte sich nun ein paar Begründungen für die positiven Bewertungen aus den Fingern saugen, z. B.: Die Studierenden und/oder Dozierenden sind erfahrener im Umgang mit Hörsaalspielen geworden. Oder: Das Spiel/die Durchführung war grandios. Oder: Die kleine Gruppengröße wirkte sich positiv auf die Bewertung von Hörsaalspielen aus. Die Gruppengröße ist allerdings ein Kriterium für Hörsaalspiele. 30 Studierende – das hat eher Seminar- bzw. Klassengröße. Oder man stellt die Gretchen Gender-Frage, zieht immer: Wie hoch ist eigentlich der Anteil von Frauen und Männern in der Befragung? Vielleicht haben Männer ganz andere Ansprüche an Spiele im Hörsaal als Frauen?
Es gibt jetzt folgende Möglichkeiten für den Umgang mit diesem Fragebogen: Erstens hier veröffentlichen und hoffen, dass die kritischen Fragen nicht bemerkt werden → fällt in die Kategorie „Rosenmontag“. Zweitens noch nicht veröffentlichen, damit die Fragen erneut gestellt und die wunden Punkte dabei berücksichtigt werden können. Vielleicht sogar an einer anderen Hochschule? „Wir evaluieren uns zu Tode“ Drittens die gleichen Fragen stellen, aber ein anderes Spiel wählen. Viertens einen neuen Datenfriedhof eröffnen. Na, da wird mir ja wohl hoffentlich noch etwas Besseres einfallen.
Orrrh, ich hätte an dieser Stelle gerne ein paar neue Ergebnisse vom Stapel gelassen, die an sich schon so spannend und vor allem nützlich für das Thema sind, wie ich finde. Wenn ich aber selbst noch so viele Zweifel habe, warum solltet Ihr mir dann vertrauen?

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8 comments so far

  1. amirabai on

    Hallo Luci!
    Ich bin nicht so ganz auf dem Laufenden was deine Forschung angeht. Es kann daher sein, du hast die Frage auf dem Blog schon irgendwo beantwortet. Ich bin aber eben gleich darüber gestolpert, weil ich mich zur Zeit mit Emotionen im Kontext von Lernen beschäftige: Wozu soll der Spaß in den Spielen eigentlich gut sein? Und wozu setzt du die Spiele ein? Zum Lernen selbst oder zur Auflockerung, also für einen guten Einstieg für das Individuum ins Lernen bzw. für ein gutes soziales Miteinander beim Lernen?
    Viele Grüße, A.

  2. Kristina Lucius on

    Danke für Deine Fragen! Nein, ich habe sie wohl noch nirgendwo beantwortet.
    „Spaß“ ist eine der Erwartungen an Hörsaalspiele, die die Studierenden im ersten Fragebogen als Antwort auf eine offene Frage angegeben haben. Im zweiten und fünften Fragebogen wurde ermittelt, ob die verschiedenen Spiele den Studierenden tatsächlich Spaß gemacht haben.
    Die Gründe, warum ich Spiele in jeder Unterrichtsstunde einsetze, sind unterschiedlich und wechseln innerhalb der Klassen. Auflockerung steht bei mir eher im Hintergrund, weil die Stunden in dieser Hinsicht bereits sehr abwechslungsreich geplant und durchgeführt werden. Bei mir hat jedes Spiel ein fachliches Ziel, z. B.: Üben, (Selbst-)Kontrolle von z. B. Atmung, Haltung, Notenkenntnissen… Daneben setze ich Spiele sowohl zur Entspannung von kritischen (sozialen) Klassensituationen als auch zur ganzkörperlichen Aktivierung ein. Hmm. Ich merke grade, dass es in meinem Unterricht kaum noch Tätigkeiten gibt, die ohne Spiel durchgeführt werden. Von der Altersgruppe einmal abgesehen, lassen sich Spiele in meinem Fach einfach gnadenlos gut integrieren. Frei nach dem Motto: Spiel mit Spaß, dann lernst du was. 🙂

  3. amirabai on

    Das ist sehr interessant! Was deinen Unterricht angeht hört es sich so an, als wenn du versuchst den Unterricht als ein Erlebnis zu gestalten, das sich interessant und motivierend „anfühlt“. Bei Kinder passt da die Vermittlung von Inhalten innerhalb von gemeinsamen Spielen sehr gut, weiß ich aus Erfahrung.
    Was ich mir noch nicht so gut vorstellen kann, ist die sinnvolle Verwendung im Hörsaal. Vielleicht stellt sich die Frage nach dem Spaß für mich aber auch nur, weil das was ich unter Spaß verstehe für mich beim Lernen weniger Bedeutung hat. Ich assoziiere mit positivem Lernen eher Worte wie interessant, Freude, Motivation und Begeisterung. Spaß ist für mich eher eine Erscheinung, die nebenher oder zwischendurch auftreten kann, aber nicht so wirklich wichtig ist.

  4. Kristina Lucius on

    Wohlfühlen ist in der Tat meine Devise für den Unterricht. Alles andere widerspräche meiner Meinung nach schon dem Fach Musik.
    Ja, vermutlich versteht jeder etwas anderes unter dem Begriff „Spaß“. Aber, ich finde, Deine Idee „Erscheinung“ trifft es ziemlich gut! Vielleicht ist Spaß eine Steigerungsform von Freude – und damit wieder wichtig? Ich freue mich über die erledigte Hausarbeit, aber Spaß habe ich nicht daran?
    Ich weiß es nicht, aber ich denke gerne weiter darüber nach. *Macht mir das eher Spaß oder Freude?* Vielen Dank für den Anstoß! 🙂

  5. amirabai on

    Assoziationen zu einem Begriff können oft weiterhelfen zu verstehen was er für eine Person oder eine Gruppe bedeutet. Das können Worte und Begriffe oder auch Bilder sein. Freude ist für mich ein warmes, leuchtendes Gefühl verbunden mit Zufriedenheit. Spaß ist wie ein Kichern. Spaß ist für mich die Witzigkeit, der Scherz, das Herumflaxen und das freie Assoziieren. Das kann dann auch zu Freude führen. Spaß empfinde ich als lebhafter aber auch als flüchtiger und weniger tief gehend wie Freude. Danach wären Spaß und Freude unterschiedliche Qualitäten.
    Assoziiere doch mal selbst und lass andere assoziieren! Wer weiß, vielleicht verstehen auch die Studierenden unter Spaß zum Teil sehr unterschiedliche Dinge, benennen es aber mit dem gleichen Namen.

  6. Kristina Lucius on

    Davon gehe ich aus, dass Spaß unterschiedlich verstanden wird. Die Studierenden differenzieren übrigens in ihren Antworten, z. B. Spaß am Lernen, am Lernstoff, in großer Gruppe bzw. mit Kommilitonen.
    Wichtig finde ich die Antwort auf die Frage, ob bzw. dass Studierenden Spiele in der Vorlesung Spaß machen. Wenn wir jetzt Spaß mit Freude in Verbindung bringen, dann beantwortet das auch schon Deine Frage: „Wozu soll der Spaß in den Spielen eigentlich gut sein?“. Eine studentische Antwort dazu lautet: „Was einer Person Spaß macht, wird gerne gemacht“. Das ist ein erstrebenswertes Ziel für Vorlesungen, finde ich.

  7. amirabai on

    Umgekehrt geht es auch. Wobei eine Person Freude empfindet, das kann auch Spaß machen. Es gibt eine hohe Korrelation zwischen Interesse, Freude und Spaß. In meiner Vorstellungswelt ist es eine Kette aus Interesse wecken, angenehme Gefühle erzeugen (wie Freude) und dann Spaß dabei haben. Und der Spaß schafft dann eine Lockerheit, die Herumspielen und kreativ sein ganz leicht macht, was dann die Freude noch einmal steigert, genauso wie Interesse und Motivation.

  8. […] Befragung selbst („blöde Fragen“). Logisch, dass diesen Aussagen im folgenden Fragebogen 5 (hier) unbedingt nachgegangen werden musste. […]


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