Völlig losgelöst

Fazit: Sing alone please Fragen wie: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“, „Wie kommst Du voran?“, „Welche Ergebnisse hast Du herausgefunden?“ oder „Gab es schon eine Krise?“ lassen sich, gut durchdacht und eloquent formuliert, mit einem schlichten „Mhmm“ beantworten. Sehr hartnäckige, interessierte Fragende werden mit den nackten Fakten aus dem Jahr 2014 beglückt: 57 veröffentlichte Blogbeiträge, wovon etwa ein Viertel „unsichtbar“ geschaltet wurde, weil darin Teilergebnisse aus vier Fragebogen enthalten sind. (FB 1: 25+56+49, n=130; FB 2: 17+58+20+14, n=109; FB 3: 19+35+7+30, n=91; FB 4: 128+129; n=257; Summe: 587 Studierende). 17 Spiele wurden beschrieben (hier) und Beobachtungen aus neun Vorlesungen protokolliert, 15 Interviews mit zwölf Interviewpersonen (davon sieben Dozierende und fünf Studierende) durchgeführt und ein Beitrag (hier) für die GMW-Tagung Experten streiten sich um ein paar Daten, die Crew hat dann noch ein paar Fragen, doch, der Countdown läuft sowie den dazugehörigen Vortrag verfasst (hier) Effektivität bestimmt das Handeln, man verlässt sich blind auf den ander’n, jeder weiß genau, was von ihm abhängt, jeder ist im Stress, doch Major Tom macht einen Scherz. Dann hebt er ab und völlig losgelöst von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos. An dieser Stelle könnte die Rechenschaft über das erste Forschungsjahr zu Ende sein. Aber, diese statistischen Daten beschreiben natürlich nicht, was hinter den Fakten steckt. Da ist zunächst einmal ein verdammt großer Haufen Vorbereitungsarbeit. Selbstverständlich war mir klar, dass so ein Projekt kein Spaziergang ist, obwohl es ziemlich harmlos anfing mit ein paar Überlegungen zu den Fragebogen, Beobachtungen und Interviews. Gründlich durchgecheckt steht sie da und wartet auf den Start, alles klar. Aber, die Bedeutung dieser Arbeit wird erst begreifbar, wenn man sie selber durchführt und genau das wollte ich ja am Anfang wissen: Wie oder was Forschen ist. Kurz: Mein lieber Herr Gesangsverein, wenn ich da heil ‚raus komme, fange ich ein B-Projekt an! Die Erdanziehungskraft ist überwunden, alles läuft perfekt, schon seit Stunden. Der Weg ist spannend, ich habe Lunte gerochen, Feuer gefangen, Blut geleckt, aber das alles reicht mir nun nicht mehr. Ich will jetzt auch wissen, wie das Ziel aussieht. Wissenschaftliche Experimente, doch was nützen die am Ende, denkt sich Major Tom. Dabei beziehen sich die wichtigsten Ergebnisse für mich bisher gar nicht so sehr auf das Thema „Hörsaalspiele“. Es sind oft kleine, eher enttäuschende Erfahrungen, z. B. dass es zwar an Hochschulen Module über Forschungsmethoden gibt, die Kenntnisse aber nicht annähernd ausreichen, um gleich los zu forschen. Von wegen alles klar. Glück und Zufall entscheiden trotz gründlicher Planung zu sehr über den weiteren Verlauf des Projekts. Das habe ich mir geradliniger vorgestellt. Diese andauernde Abhängigkeit vom Wohlwollen anderer Menschen, z. B. Interviewpersonen, empfinde ich als unangenehm. Sie steht außerdem im krassen Gegensatz zu der plötzlichen Freiheit. Keiner, der bei einem falschen Ton den Klavierdeckel auf die Finger knallt, niemand, der mit der flachen Hand das Metrum auf die Schulter drischt. Jeder forscht, wie er es für richtig hält? Und was passiert, wenn ich während der Arbeit eine passendere Methode finde? Im Kontrollzentrum, da wird man panisch, der Kurs der Kapsel, der stimmt ja gar nicht. Hallo, Major Tom, können Sie hören? Woll’n Sie das Projekt denn so zerstören, doch er kann nichts hör’n. Er schwebt weiter völlig losgelöst von der Erde… Überraschend schwer ist für mich die Einsamkeit auszuhalten, obwohl ich sie mir sehr gewünscht habe. Am Anfang schien alles perfekt: Sichere Entfernung nach Heidelberg und trotzdem stetige Erreichbarkeit garantiert – genau so wollte ich es haben. Aber, wegen jeder Kleinigkeit Prof. Right nerven? In solchen Situationen wünsche ich mir, schnell mal mit irgendjemandem reden zu können. Jemand, der Widersprüche findet und auch sagen kann: So geht das nicht! Streitgespräche kann und muss ich mit mir selber führen, aber die Zweifel, die dabei unweigerlich auftauchen, sind die Hölle! Und er verstummt… Im Gegensatz dazu kann ich inzwischen gut mit der Offenheit der Grounded Theory umgehen. Nicht zu wissen, welche Ergebnisse das nächste Interview bringt, ist Spannung pur, aufregend, völlig schwerelos. Ich habe inzwischen auch eine leise Ahnung davon, warum einige Forscher weder Lehre noch Familie vermissen könnten. Das ist eine gefährliche Erkenntnis, denn sie weist mir den Weg in ein extremes Verhalten. Wenn es um „Hörsaalspiele“ geht, kenne ich einerseits keine Verwandten mehr. Immer voll drauf halten, Tunnelblick, Sozialautist, völlig losgelöst. Sollte das so weiter gehen, wovon auszugehen ist, möchte ich nicht mit mir befreundet sein. Sing alone please. Andererseits merke ich, wie das Thema langsam „meines“ wird, zu mir gehört, als hätte es nur auf mich gewartet. Major Tom denkt sich, wenn die wüssten. Mich führt hier ein Licht durch das All. Das kennt Ihr noch nicht. Ich komme bald.

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4 comments so far

  1. ngruenberger on

    Oh an vielen Stellen sprichst du mir aus der Seele!
    Danke für den Beitrag!
    Insbesondere der Aspekt, dass man ab und an jemanden bräuchte, mit dem man auf einen schnellen Kaffeetratsch gehen kann um die Argumente einfach mal locker vom Hocker hinzuknallen und abprüfen zu lassen als sie stunden- und tagelang vor sich selbst hin und her zu drehen um sie dann doch ins Diss-Dokument zu schreiben und drauf zu kommen, dass es im Grunde ja nur 3 Sätze waren, an denen man da rum gedacht hat 😉
    Ich glaube… so nach einem Jahr volle Konzentration auf die Diss: Man nimmt die Sache oftmals viel zu ernst 😉
    ALLES GUTE!

  2. Kristina Lucius on

    Seltsam. Als Mitarbeiter*in an einer Hochschule gibt es da vielleicht mehr Möglichkeiten, sich spontan mit jemandem auszutauschen. Das habe ich zumindest bisher gedacht. 🙂

  3. ngruenberger on

    Im Grunde hast du recht 😉 Nur bin ich gerade als Mitarbeiterin freigestelt um die Dissertation zu finalisieren und das heißt viele Stunden „alleine“ auf der Bibliothek oder am Schreibtisch daheim. Daher…. 🙂

  4. Kristina Lucius on

    Okay, dann ist mein Weg ja schon wie ein Training für die letzte Phase. 😉


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