Strauss/Corbin: Grounded Theory

Dieses Wochenende war ursprünglich für die Teilnahme an einem Seminar zur Grounded Theory reserviert. Weil ich jedoch bei diesem Treffen nicht anwesend sein konnte, schreibe ich hier ein paar Gedanken auf zu dem Buch „Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung“ von Anselm Strauss und Juliet Corbin (1996). Es wird keine übliche Inhaltsangabe, nur das, was mir mit und durch den Text passiert ist.
Lange habe ich geglaubt, dass sich Experteninterviews am besten mit der Qualitativen Inhaltsanalyse von Philipp Mayring (hier) auswerten lassen. Ich habe das Verfahren tatsächlich mit dem Material von ein, zwei oder drei Interviews ausprobiert und dabei gemerkt, dass irgendetwas nicht rund läuft. Zunächst nahm ich an, dass ich noch zu wenig Erfahrung mit dieser Methode hätte und einfach nur mehr üben müsste. Es wurde jedoch nicht besser. Im Gegenteil: Es gab wunderbare Interviewpersonen, eindeutige Kategorien und die eine oder andere Forschungsfrage ließ sich mit den Ergebnissen auch beantworten. Doch, es fehlte etwas! Zu diesem Zeitpunkt, im Mai diesen Jahres, wurde ich gefragt, ob ich das Buch von Strauss und Corbin kenne. Noja, kennen ist übertrieben, hab ich mir gedacht. Es war eher ein Überblickswissen vorhanden und ich teilte damals die Meinung einiger ehemaligen Mitstudierenden, dass die Auswertung von Interviews mit der Grounded Theory (GT) – ich sag’s mal so – ziemlich kompliziert sei. Also habe ich mir das Buch zunächst ausgeliehen und nach dem Lesen des ersten Kapitels gekauft. Seit Monaten lese ich nun darin, immer wieder. Weil ich manche Sätze einfach nicht glauben konnte. Inzwischen habe ich mehrere Interviews nach dieser Methode ausgewertet und es ist immer noch so unglaublich für mich, was da steht. Die Autoren schreiben z. B. dass Forscher fähig sind zu „sehen“ (S. 56) bzw. Antworten in Interviews zu „hören“ (S. 60). Am Anfang klang das für mich so unwissenschaftlich und eher mystisch oder esoterisch. Auch, dass man „sich beim Warten wohlfühlt, bis etwas passiert oder jemand etwas Interessantes sagt“ (S. 153) finde ich ungewöhnlich formuliert. Vielleicht war ich auch nur zu ungeduldig? Es ist inzwischen nämlich so, dass eine Menge dieser Sätze auf meiner Suche nach Antworten wirklich zutreffen! Wenn ich beispielsweise „als Anfänger lieber alle Interviews“ transkribiere (S. 14) oder zwischenzeitlich ‚mal sämtliche Literatur weglege, weil es „den Fortschritt behindern und die Kreativität ersticken“ würde (S. 35). Den Hinweis auf „kontinuierliche Übung“ (S. 10) fand ich zunächst überflüssig und die ständige Anweisung, immer wieder zu den tatsächlichen Daten zurückzugehen (z. B. S. 54, 86ff., 106), ging mir beim Lesen sogar mächtig auf den Keks – bis ich merkte, dass ich das inzwischen automatisch mache. Es ist ein Buch für Anfänger (Vorwort, S. X), aber ob wirklich jeder forschen kann (S. 10), wird sich erst noch zeigen müssen.
Worin liegt nun der Unterschied zu Mayrings Inhaltsanalyse? Aus meiner Sicht geht der Ansatz der GT über eine bloße Analyse hinaus. Die Entscheidung zum Methodenwechsel fiel letztlich durch einen Hinweis von Mayring selbst, wonach „z. B. in stärker explorativen Untersuchungen […] andere Verfahren gewählt werden“ müssen (S. 124) – grad noch rechtzeitig die Kurve gekriegt! Ich will ja nicht nur wissen, was ist, sondern auch warum das so ist. Eine Erklärung für eine Antwort, eine Einstellung, ein Verhalten zu finden, wäre ein schönes Ziel. Die eigentliche Zielsetzung dieses Verfahrens, eine Theorie zu entwickeln, erscheint mir einerseits im Moment noch zu hoch gegriffen. Andererseits haben sich ja schon mehrere Ansagen aus diesem Buch bestätigt.
Da wäre z. B. das Kapitel 13 zum Thema „Vortragen von Forschungsergebnissen“ (S. 193ff.). Vor noch nicht allzu langer Zeit konnte allein das Wort „Vortrag“ bei mir Albträume auslösen. Ich wollte nur wissen, wie man forscht und dabei so weit wie möglich in Ruhe gelassen werden. Denkste! Viele Forscher halten Vorträge „zu einem sehr frühen Zeitpunkt in ihrem Forschungsprojekt“ (S. 195). Und warum? Ein paar Gründe werden dafür aufgezählt, aber nur einer leuchtet mir wirklich ein: Die „oberste Verpflichtung, sich mit Kollegen auseinanderzusetzen“ (S. 194). Noja, denke ich mir, erst mal „Kollege“ werden. Was ich dabei jedoch sehr gut beschrieben finde, ist „Das Thema Selbstvertrauen“ (S. 201f.) und wie Vorträge bzw. Artikel mit Hilfe der GT vorbereitet werden können (S. 210). Aus Angst wird langsam Neugier auf die Reaktionen der richtigen Wissenschaftler. Was meinen sie zu den Ergebnissen? Welche Argumente oder Erfahrungen sprechen aus ihrer Sicht für oder gegen Spiele im Hörsaal? Wie rege ich mit den vorläufigen Ergebnissen zum Nachdenken an oder löse ich damit Diskussionen aus? Hmm, das könnte noch spannend werden. Aufregend ist es jedenfalls jetzt schon, deshalb schnell zurück zu den Daten!

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