Probleme sind zum Lösen da*

Das Problem bahnte sich seit einiger Zeit und von mehreren Seiten an: Meine erste Interviewperson nannte es einen „zweigeteilten Hörsaal“ und in vielen Spielen wird eine Teilung in Gruppe A und B vorgenommen (hier). Ebenso entdeckte ich während der Auswertung der Ergebnisse aus dem aktuellen Fragenbogen, dass Studierende einerseits schreiben: „Man muss nichts sagen“ bzw. dass es weniger auffällt, „wenn man noch gar nichts […] gesagt hat“. Andererseits bemängelten sie, dass an einem Hörsaalspiel „nicht alle gleichermaßen beteiligt“ waren. Das ganze Ausmaß dieser Schwierigkeit wurde mir allerdings erst durch den Videobeitrag „Flipped Classroom, MOOCs & Co.: Chronologie eines Aktionsforschungsprojektes“ (hier) bewusst. Christian Spannagel benennt es dort als „Problem der Mitte“, wenn Studierende, die in der Mitte des Hörsaals sitzen, praktisch nicht „erreichbar“ sind. Das ist wiederum ein Hindernis, welches in meinem Unterricht nicht bzw. nur umgekehrt auftritt: SchülerInnen, die am Rand sitzen, werden von mir eher „übersehen“ als diejenigen in der Mitte. Allerdings habe ich den Vorteil, dass mir sehr schnell Rückmeldung darüber gegeben wird, wenn sich jemand benachteiligt fühlt („NIE fragst Du mich!“, „NIE darf ich vorspielen!“). Am Anfang hatte ich deshalb oft ein schlechtes Gewissen. Bis ich auf die Idee kam, die Antworthäufigkeiten z. B. im Notenheft oder an der Tafel zu visualisieren und außerdem jeweils zu fragen, wer noch nicht gespielt hat. In größeren Gruppen (Chor, Orchester) lässt sich der Überblick durch Stimmgruppeneinteilung erhalten: Der Bass hat noch nicht gesungen? Na dann: Los!

Wie lassen sich nun aber die Studierenden in der Mitte des Hörsaals (besser) aktivieren? Dafür habe ich im Moment zwei Lösungsvorschläge. Erstens können Antworthäufigkeiten ebenfalls leicht visualisiert werden. Man teilt dafür den Hörsaal in z. B. fünf statt zwei Gruppen ein (Abb. 1 und 2).

Abb. 1 Problem der Mitte

Abb. 1 Problem der Mitte

Abb. 2 Gruppeneinteilung

Abb. 2 Gruppeneinteilung

Abb. 3: Tafelskizze

Abb. 3: Tafelskizze

 

Die Antworten können a) in einem Schema (Abb. 3) schnell und unauffällig von den Dozierenden auf einem Zettel skizziert werden oder b) das Schema wird für alle sichtbar in Form einer Strichliste als kleines Tafelbild im Verlauf der Vorlesung ergänzt. Die Möglichkeit a) gibt Dozierenden einen Überblick über das tatsächliche Antwortverhalten im Hörsaal und eignet sich auch als Vorstufe für den Einsatz von Spielen, wenn beispielsweise noch wenig Erfahrungen mit Hörsaalspielen vorliegen. Die Variante b) kann als Anreiz für die Studierenden genutzt werden, sich aktiver an der Vorlesung zu beteiligen und damit gleichzeitig einen Beitrag für die Gruppe zu leisten, wie es in einer Antwort aus dem Fragebogen beschrieben wurde: „Ich entwickelte einen gewissen Ehrgeiz, meiner Gruppe Punkte zu sammeln“. Natürlich muss die Punktevergabe nicht im Vordergrund stehen. Vermutlich wirkt bereits die Visualisierung an der Tafel positiv auf das eigene Antwortverhalten – wie in der Schule.
Der zweite Vorschlag ist der vermehrte Einsatz von ARS (z. B. hier) bzw. mobiler Geräte wie Handies oder Laptops der Studierenden. Damit habe ich allerdings noch gar keine Erfahrung. Ich vermute jedoch, dass sich damit zusätzlich ein weiteres Problem lösen lässt, welches ebenfalls sowohl im Video angesprochen wurde als auch in den Antworten des Fragebogens auftaucht: Es geht um den Mut einzelner Studierender, vor allen anderen etwas zu sagen („ … nicht getraut, etwas zu sagen“ oder „nicht getraut, aufzustehen“). Aber, das ist schon wieder eine andere Baustelle.

*Original „Rätsel sind zum Lösen da“ von Zimmermann, M., Hilbert, J. (1998): Nora und Poco 1. Eine Geschichte für Sopranblockflöten zum Spielen und Singen. Regensburg: Con Brio.

Advertisements

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: