Auffällig unauffällig

Der letzte Beitrag galt der Beschreibung, wie ich Interviewpersonen gefunden habe (hier). Die Reise hatte sich mit dem Ergebnis schon gelohnt, doch mir reichte das bereits bei der Planung nicht. Nach dem Motto „Wenn ich schon mal da bin, kann ich auch gleich Vorlesungen beobachten“, bereitete ich zwei Beobachtungsbogen vor. In den ersten Beobachtungen ging es darum, so viel wie möglich von der Stimmung und den Aktivitäten im Hörsaal festzuhalten, z. B.: Wie viele Studierende betreten und verlassen den Raum während der Lehrveranstaltung? Wird in der Vorlesung gelacht und wenn ja, wie oft? Ist es noch üblich, sich nach der Vorlesung durch Klopfen auf den Tischen bei den Dozierenden zu bedanken? Wie viele Smartphones und Laptops sind in der Lehrveranstaltung zu sehen und wie viele davon werden tatsächlich verwendet?

Inzwischen sind die Mitschriebe abgetippt und beim Speichern überfällt mich der Gedanke, dass ein erster vergleichender Blick auf die Protokolle nicht schaden könnte. Prompt trifft mich die Keule! Aus den Daten (Beispiel hier) lassen sich keine Zusammenhänge erklären. Egal, wie viele Studierende um welche Uhrzeit bei welchen Dozierenden zuhören und unabhängig davon, ob in der Vorlesung ein Spiel durchgeführt wurde oder nicht: Auffällig ist, dass ich keine Auffälligkeiten finde. Vielleicht manchmal etwas mehr „Gerenne“. Vorsichtig formuliert: Morgens um acht Uhr ist am Anfang des Semesters in Vorlesungen mit den wenigsten Störungen durch verspätet ankommende oder früher gehende Studierende zu rechnen. Eine bahnbrechende Erkenntnis, die noch nicht ‚mal annähernd zu meinen Forschungsfragen passt. Oder nehmen wir die Zeile „Lachen“. Damit ist lautes Lachen von der Mehrheit der Studierenden gemeint. Fröhliche Momente gab es durchaus, diese fallen jedoch in eine andere Kategorie. Waghalsig kann man sagen: Je später die Vorlesung beginnt, desto mehr Lacher. Oder: Ohne Spiel mehr Lacher. Bevor mir das Lachen komplett vergeht, stelle ich eine kleine Fehleranalyse an:

Mögliche Fehlerquellen wären:

  • Ein Beobachter reicht nicht → kein Mensch kann alle Ereignisse während einer Vorlesung im Hörsaal erfassen. Daraus folgt:
  • Die Beobachtungen sind unvollständig. Vielleicht wurde sogar die Form der Beobachtung falsch gewählt. Mit Videos von den Lehrveranstaltungen könnten z. B. mehr Details erfasst und intersubjektiv beurteilt werden. Andererseits erscheint mir derzeit der Aufwand dafür nicht angemessen.
  • Die Ziele der Beobachtungen sind zu umfangreich und/oder falsch ausgewählt → ja, hier müssen Einschränkungen vorgenommen werden. Für den Anfang war eine offene Beobachtungssituation sinnvoll, aber jetzt brauche ich Akzente.
  • Der Beobachter ist abgelenkt vom Inhalt der Vorlesung → das war leider in sehr vielen Lehrveranstaltungen ein großes Problem, für das ich noch keine Lösung habe.
  • Die Beobachtungen wurden falsch interpretiert → das könnte generell auch zutreffen. Viel Spielraum für Interpretationen aller Art scheint es allerdings bei den vorliegenden Daten nicht zu geben.

Kurz vor’m Koller habe ich das Bedürfnis, die Protokolle erst ‚mal wegzulegen und in Ruhe nachzudenken. Wie ist das eigentlich in meinem Unterricht? Wird dort beim Spielen oft gelacht? Mehr oder weniger als in Stundenabschnitten ohne Spiel? Äußert sich Freude beim Spiel nur durch lautes Lachen? Zählt das Lachen aus Schadenfreude auch dazu? Ist Lachen überhaupt eine sinnvolle Kategorie? Was würde Maslow dazu sagen? Eignen sich Protokolle für einen zu(ver)lässigen Vergleich oder dienen sie nicht eher der Ergänzung von Daten, die auf anderen Wegen erhoben wurden?
Da zeigt sich tatsächlich ein kleiner Lichtblick: „Keine Auffälligkeiten“ kann auch bedeuten, dass das Spiel als Methode geschickt (?), unauffällig (?) von den Dozierenden in den Ablauf der Lehrveranstaltung integriert und dadurch von den Studierenden akzeptiert (?) wurde. Oder, wenn ich nochmals das Beispiel „Lachen“ bemühen darf: Das Spiel erforderte so viel Konzentration, dass lautes Lachen hinderlich (?), gar nicht möglich (?) gewesen wäre? Das sind mir noch zu viele Fragezeichen und inzwischen halte ich den Vergleich der Beobachtungsprotokolle vor der Auswertung der anderen Daten für einen Irrweg. Ich muss erst die Antworten aus den Fragebogen und Interviews unter die Lupe nehmen, um sie später mit den Beobachtungen zu vergleichen oder zu ergänzen. Wäre doch gelacht, wenn wirklich nichts zu finden ist, oder?

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1 comment so far

  1. […] Analyse ganz anders lesen, als wenn man nur so landläufig darüber berichtet (hier oder hier). Der Rahmen der Vorlesung bleibt zwar gleich (Fach, organisatorische Besonderheiten, kleine […]


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