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Das Gespräch mit der vierten Interviewperson (IP) hatte ich seit einiger Zeit mit viel Spannung erwartet. Von der IP wusste ich, dass sie dem Thema Hörsaalspiele nicht sehr zugeneigt ist, was sich am Anfang des Gesprächs bestätigte. Doch plötzlich kam es zu einer überraschenden Wende…
Die IP hält seit 30 Jahren Vorlesungen, wobei „ich mach da sowieso nie richtig Vorlesung. Das ist immer ein Gemisch aus Übung, Vorlesung, Gruppenarbeit, Frontalunterricht, alles mögliche.“ Hä?
Privat spielt sie gern Karten-, Gesellschafts- und Sportspiele. Ranglisten interessieren sie nicht und in Sportspielen legt sie Wert auf Wettbewerbssituationen. „Ansonsten dienen mir die Spiele zur Entspannung“. Die Interaktion zwischen den Mitspielenden hat für die IP keine Bedeutung („Ich spiele für mich.“), doch an der Funktionsweise von Spielen ist sie sehr interessiert („ … könnte ich das selber bauen? […] was steckt an Mathematik dahinter …?“).

Vorteile von Hörsaalspielen sind für die IP nicht erkennbar. Im Gegenteil: „ … ich würde mich verarscht fühlen, wenn man mir so etwas andrehen wollte in der Vorlesung. […] das finde ich albern“. Die IP hat bereits Spiele in der Vorlesung per Video angesehen und äußert die Vermutung, dass

„sowieso nur die mitspielen, die wirklich rechnen können […] und der Rest kann es nicht. Und die fühlen sich nicht wohl bei solchen Geschichten. Und die möchte ich natürlich genauso haben, die blenden aber den ganzen Spaß aus. Die sind mit dieser Wettbewerbssituation völlig überfordert.“

Was für ein Menschenbild!

Und dann erzählt die IP, dass sie in der Lehrveranstaltung Begriffe erklären lässt, ohne bestimmte Wörter zu verwenden … Um sicher zu sein, mich nicht verhört zu haben, frage ich nach, welchem Spiel man dieses Verfahren zuordnen könnte: „Das ist Tabu“. Wahrscheinlich gucke ich in dem Moment ziemlich blöde, denn die IP erklärt weiter: „Ich mach dann auch Wettbewerbe in dem Sinne, dass ich jeweils einen Preis auslobe. Wer bringt den besten Beweis …? Das macht man aber nicht in so einer Zeitdrucksituation, sondern das macht man in Ruhe zu Hause“. Umsonst erschrocken.

Zu den Nachteilen von Hörsaalspielen befragt antwortet die IP, dass sie grundsätzlich nicht hinter dieser Methode steht, „ … dann kann ich das nicht einsetzen. Dann wird das nichts, dann kommt da nichts bei raus. Man muss schon authentisch dahinter stehen“. So sehe ich das allerdings auch!
Für die IP

„kommt diese Gamifizierungsgeschichte […] aus einer Ecke, die mir absolut missfällt. […] man tut so, als wenn man ein Spiel macht, erzeugt aber eigentlich Druck. […] ich empfinde manches da als Anbiederung bei den Studenten. […] Dann kommt dazu, dass man unter der Wettbewerbssituation selber häufig gar nicht richtig nachdenkt“.

Beispiele von Gamifizierung im Berufsalltag scheinen hier also eine Ursache für die ablehnende Haltung gegenüber Spielen in der Vorlesung zu sein.
Im weiteren Gespräch erfahre ich noch viel über die Methoden der IP zur Aktivierung von Studierenden in der Vorlesung und zum Abbau von Prüfungsängsten. Ich bin beeindruckt, als die IP z. B. von Selbstverteidigungskursen, mentalem Training, Radtouren mit Konsultationen und einem Grillfest „direkt nach der Klasur“ erzählt.
Und dann kommt’s. Die IP hält Seminare,

„in denen wir Spiele entwickeln […] und dort bauen wir Spiele zusammen. […] auch solche Rechenspiele. […] so was, was für Schüler eine schöne Sache ist. Und … okay, was ich mal machen würde gegebenenfalls als Spiel, aber das muss man länger organisieren. Der Alan Turing hat so etwas gemacht. […] Der hat mit seinen Gegner Schach gespielt und einer hat ’n Zug gemacht. Dann ist er los gerannt, einmal ums Haus, wieder rein und in der Zeit musste der andere den Zug gesetzt haben. Vielleicht könnte man so etwas mal machen? […] Irgendwas einfallen lassen, ’ne sportliche Aktivität und dann geht s weiter im Zusammenhang, weil ich diese Geschichten dann auch sehr wichtig finde. Man ist mental anders dran. Man kriegt ’n andern Bezug, wenn man den Körper einsetzt bei der ganzen Geschichte.“

Holla, da geht noch mehr:

„Da muss man sich schon etwas Sinnvolles überlegen. Einmal um die Hütte rennen oder so. […] Vielleicht ist da ja was machbar, wenn man irgendwie mit digitalen Medien da noch mehr Zauber machen kann, der so ’n bisschen beeindruckt. […] Gut, wenn man es dann ab und zu mal einsetzt […] Wenn es Spaß macht oder so. … Vielleicht probieren wir es einfach. … hab schon mit [Name] darüber geredet, ob wir das nicht mal zusammen organisieren. […] Schaun wir mal, was so rum gekommen ist am Ende des Semesters.“

Ich bedauere nicht zum ersten Mal, dass ich räumlich so relativ weit weg bin von diesem schönen Spielplatz …

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