Apel: Die Vorlesung

Für die Entwicklung von Spielen im Hörsaal ist es meiner Ansicht nach notwendig, neben den Merkmalen von Spielen auch die Ziele von Lehrvorträgen im Blick zu haben. Nachdem ich seit einiger Zeit darüber nachdenke, welche Ziele die Vorlesung hat (z. B. hier), fand ich nun das, schon etwas ältere, Buch „Die Vorlesung. Einführung in eine akademische Lehrform“ von Hans Jürgen Apel (1999). Es scheint, als wäre ich mit den bisherigen Hörsaalspielen schon in die richtige Richtung gegangen.

Ziel der Vorlesung ist nach Apel, „wissenschaftliche Kenntnisse und Methoden des Forschens zu vermitteln, Problembewusstsein und kritisches Denken, Interesse und zusammenhängendes Wissen bei den Studierenden zu fördern“ (S. 12). Der Autor verweist auf die Notwendigkeit klarer Zielsetzungen in Vorlesungen (S. 60) und stellt fest, dass in der Literatur gar keine Einigkeit über den Zweck akademischer Lehrvorträge herrscht (S. 69f.). Seiner Meinung nach werden mit Vorlesungen die Ziele verfolgt,

  • „Wissen zugänglich zu machen […],

  • Nachdenken sowie Interesse […] anzustoßen und dadurch

  • das Selbststudium anzuregen“ (ebd.).

Ein paar Seiten später nennt Apel als Ziele der Vorlesung außerdem Autonomie, Kompetenz und soziale Einbindung, die von den Lehrenden erreicht werden können, indem sie mittels Fragen die Zuhörenden „in den Vortrag einzubinden“ versuchen“ (S. 105, 116). Er ist der Ansicht, dass Vorlesungen „diese Ziele auf besondere Art“ fördern (S. 105).

Neben den direkt genannten Zielen sind mir im Text noch einige indirekte Ziele aufgefallen, aus denen sich Spiele ableiten lassen.

Vorlesung allgemein. Aus der Kritik an der Vorlesung wurden Modifikationen der ursprünglichen Form entwickelt, wie z. B. die interaktive Vorlesung (S. 13). Apel beobachtete in seinen Untersuchungen zur Vorlesung, dass es in allen Fächern ein „Grundmuster“ gibt und die Methodik des Vortrages zielabhängig ist (S. 14). Das haut jetzt wohl keinen Didaktiker vom Hocker, ebenso wenig, dass die Vorlesung zu „Diskussionen anregen“ soll (S. 14). Die Kritik am Lehrstil wiederholt sich „zu allen Zeiten […]. Auch die Vorschläge zur Abhilfe ähneln sich: Der Lehrvortrag sollte durch entsprechende Konversation, durch dialogische Lehrformen, durch stärkere Beteiligung der Studierenden, ergänzt werden“ (S. 28). Hier fände ich Vorschläge des Autors gut, wie die Ziele erreicht werden könnten.

Der „traditionelle Typus der Vorlesung“ ist nach Ansicht von Apel „recht verbreitet“ und „angemessen für höhere Semester“ (S. 50). „Anfänger und auch Studierende mittlerer Semester benötigen einen anderen Modus, durch den schrittweise erläutert und auch durcharbeitend vertieft wird“ (ebd.). Professoren, die „gar keine Zeit zum Nachdenken“ lassen, hat Abels in seiner Studie ebenso beobachten können wie andere, die „Fragen mit Ironie, Provokation und gewissem Spott“ verbanden (S. 52). Daraus folgert er:

„Dialogik kann für die Studierenden auch unangenehm sein, zumal sie in der Vorlesung eigentlich erwarten, nicht vor allen anderen geprüft oder (negativ) heraus-, also bloßgestellt zu werden. […] Bei den Nicht-Betroffenen löst [dieser Stil] zudem unterschiedliche Empfindungen aus: Mitgefühl mit dem Opfer ebenso wie die Freude darüber, nicht erwischt worden zu sein, gelegentlich auch Schadenfreude“ (ebd.).

Apels Aussage: „Die Vorlesung ist kein Ort des Gesprächs“ widerspricht hingegen genauso dem o. g. Ziel, mit Vorträgen Diskussionen anregen zu wollen (S. 59) wie den Formen „Dialog-Vorlesung“ (S. 117) und Diskussions-Vorlesung (S. 118).

Lehrvorträge […] können allerdings nur dann etwas bewirken, wenn die Zuhörenden selbst tätig werden“ (S. 80). Diese „Selbsttätigkeit“ beschreibt Apel anhand einer Vorlesung, die unter den Begriffen „Flipped Classroom“ bzw. „Inverted Classroom“ eingeordnet werden kann (S. 75f.). Rezeption wird hier im Sinne des Konstruktivismus‘ durch „aktives Lernverhalten“ ersetzt (S. 77).

Sehr gut finde ich den Hinweis auf den positiven Zusammenhang zwischen Freude, Begeisterung und Behalten (S. 66f.). Apel schreibt dazu: „In angelsächsische Forschungen zur ‚Lecture‘ gilt die Vorlesung als gelungen, wenn sie z. B. „Humor, also Freude, und geistige Anregung zusammenbringt“ (S. 68f.).

Studierende. Apel stellt fest, dass „Vorlesungen bei Studierenden in erstaunlichem Ausmaß beliebt“ sind (S. 16). Der angegebene Link zu den Daten der Studie funktioniert bei mir allerdings nicht (S. 16/Fußnote 13). Für Studierende würde jedoch in der Vorlesung die Regel „Friss oder stirb!“ herrschen (S. 30f.).

Der Autor bemängelt „das Verhalten einiger Studenten im Hörsaal“ und weist darauf hin, dass die Situation im Hörsaal „immer von zwei Seiten gestaltet“ wird (S. 56). Was mir hier fehlt, ist die Suche nach den Ursachen für Unpünktlichkeit, essen, zu frühes Verlassen der Veranstaltung und „Geschwätzigkeit“ (ebd.). So stellt Apel zwar fest, dass Studierende z. B. das Bedürfnis nach „Dialogmöglichkeiten“ haben, wälzt aber das Problem auf die Studierenden und die „einschüchternde Hörsaalsituation“ ab: „Die meisten Zuhörenden trauen sich vor dem Lehrenden ebensowenig zu wie vor den Mithörenden“ (S. 59).

Studierende erhoffen „sich von der Vorlesung einen erheblichen Lerneffekt“ sowie „klare Antworten“ auf Zwischenfragen (S. 65). Die Auswertung von Lehrveranstaltungen ergab außerdem, dass Studierende Abwechslung in der Vorlesung und „eine präzise und knappe Zusammenfassung des Stundenthemas“ bevorzugen (S. 68)

Obwohl die Lehrform „Vorlesung“ bei Studierenden beliebt ist (s. o.), „akzeptieren nicht alle Studierende diese Veranstaltungsart (S. 131). Nun kann man dagegen halten, dass man es nie allen (Zuhörenden) recht machen kann. Man könnte aber auch überlegen, wie Lehrende diese Gruppe trotzdem in der Vorlesung erreichen. Mit Blick auf die Zukunft der Vorlesung resümiert Apel: „Über die Bedeutung des akademischen Lehrvortrages entscheiden in jedem Fall die Zuhörenden“ (S. 133).

Lehrende. Was die Lehrenden betrifft, „finden wir derzeit in den Hörsälen etliche Naturtalente, aber auch viele, die erlernen sollten, die Vorlesung als Lehr-Lern-Situation zu nutzen“ (S. 16). Der Autor legt Klassifikationen der „Typen von schlecht dozierenden Hochschullehrern“ sowie „typische Merkmale einer unzulänglichen Vorlesung“ (S. 60f.) Mir leuchtet an dieser Stelle die Konzentration auf negative Beispiele nicht ein. Die Vermutung Apels, dass die Mängel „auf ein verbreitetes Desinteresse der Dozenten an didaktischer Orientierung und auf Mangel an rhetorischem Können“ zurückzuführen seien, ist schon wieder klar wie Kloßbrühe (S. 65).

Nochmals tritt der oben erwähnte Widerspruch auf, wenn Apel schreibt, dass sich die Studierenden in „dialogischen Vorlesungssituationen dem angestrebten Austausch […] widersetzen, indem sie einfach wegschauen“ (S. 125). Dozenten sollen nämlich nach Ansicht des Autors die Studierenden sowohl regelmäßig zu Fragen auffordern als auch „unterhalten“ (S. 129).

Geschichte der Vorlesung. Spannend finde ich das Kapitel zur Geschichte der Vorlesung. Ich wusste z. B. nicht, dass Professoren „auch private Vorlesungen in ihrer Wohnung gegen gesonderte Bezahlung“ angeboten und dort „neue Lehrmethoden ausprobiert“ haben sollen (S. 20). Außerdem wetterte schon Fichte über Lehrveranstaltungen, in denen Studierende durch reines Vorlesen „zur Passivität gezwungen“ werden (S. 22) und Paulsen benannte immerhin bereits 1919 das „zentrale Problem dieser Lehrform“: Wird diktiert, dann verflacht das Denken, die Studierenden konzentrieren sich aufs Nachschreiben“ (S. 21). Deshalb empfiehlt er, nach der Vorlesung eine Diskussion in Zehnergruppen von ca. 30 Minuten Dauer (ebd.). Die Studierenden sind dabei nach Humboldt zur Kritik des Vortrages verpflichtet (S. 24).

Aufmerksamkeit/Konzentration. Der Autor stellte bei seiner Untersuchung fest,

„dass die Hörsaalsituation immer höchst labil ist […]. Die Aufmerksamkeit der Studierenden ist im zeitlichen Verlauf recht unterschiedlich verteilt. In diesem Fall war sie bei etlichen während der ersten zehn Minuten überhaupt nicht vorhanden. […] Nach etwa einer Stunde ließ die Aufmerksamkeit wieder nach […]. Dabei fiel mir auch auf, dass in den Vorlesung, in denen Studierende vieles mitschreiben müssen, zunächst Ruhe durchgesetzt wurde, dann aber sofort Unruhe aufkam, wenn nichts mehr zu notieren war. Diese Vorlesung erreichte also nicht das Ziel eines akademischen Vortrags vor bereitwillig mitdenkenden Köpfen“ (S. 55f).

Hier könnten Spiele zur Förderung der Konzentration angebracht sein. Interessant ist, dass nicht nur bei bei Studierenden, sondern auch bei Lehrenden bereits nach zehn Minuten die Konzentration „rapide und kontinuierlich ab[nimmt]“ (S. 89).

90-Minuten-Vorlesungen werden „wider jedes Wissens von der Aufnahmekapazität der Zuhörenden, […] aber aus organisatorischen Gründen vielfach als sinnvoll angesehen“ (S. 91). Apel meint dazu, dass sich durch Wiederholungen die Aufmerksamkeit wieder herstellen ließe (ebd.) Hier ist ganz klar auch ein Spielansatz zu sehen. Wenn der Autor schreibt, „dass in vielen Vorlesungen die ersten 10 Minuten durch die Unruhe etlicher Studenten gestört werden“ (ebd.), dann wäre zu überlegen, ob Spiele für den Anfang der Lehrveranstaltung sinnvoll sind. Um das Problem zu beheben, dürfte es jedoch grundsätzlich nützlich sein, nach den Ursachen zu suchen. Nach Gibbes und Habeshaw (1992, S. 27) gibt es folgende Möglichkeiten zur Anregung der Konzentration:

  • „zwei- bis fünfminütige Pause“

  • „Wechsel im Gebrauch der Medien“

  • „Wechsel der Präsentationsmethode (durch Aufforderung zu kurzer Diskussion über ein gestelltes Problem oder zu Notizen aus dem Gedächtnis zu dem Vorlesungsgegenstand)“ (S. 91).

Wenn allerdings bereits Unruhe im Hörsaal herrscht, halte ich eine so kurze Pause für „gefährlich“. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Pause aktiv genutzt wird, z. B. für ein Spiel, um die Aufmerksamkeit zu fördern.

Soziale Situation. Ziele der Hochschulsozialisation. Der Vorteil, „dass man in Vorlesungen Bekannte trifft“, geht angeblich mit dem Nachteil einher, dass „das heutzutage nur langsam verebbende Gerede vor Beginn der Lehre im Hörsaal“ in Kauf genommen werden muss (S. 37). Da Apel es außerdem für notwendig hält, „bei der Darstellung auch die Empfindungen der Zuhörenden anzusprechen“ (S. 40), wäre es wohl nützlich, Spiele für den (klaren) Anfang der Vorlesung und zur Förderung sozialer Beziehungen zu suchen. Damit würde außerdem neben „Achtung von Autonomie“ und „Unterstützung von Kompetenz“ eine von drei Bedingungen des Lernens in der Hochschule erfüllt (S. 103).

Die Suche nach weiteren Hörsaalspielen richtet sich also weiterhin auf die Aktivierung der Studierenden und die Konzentration der Zuhörenden. Außerdem erscheinen Spiele zur Förderung der sozialen Beziehungen ebenso angebracht wie Spiele, die den Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden ermöglichen.

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1 comment so far

  1. Scharade | Hörsaalspiele on

    […] der Vorlesung u. a., dass der Inhalt des Vortrags „mit einigen Wiederholungen“ dargeboten wird (Apel, 1999, S. 64). Apel vertritt außerdem die Auffassung, dass es durch Wiederholungen möglich werden […]


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