Portmann: Die 50 besten Spiele für mehr Sozialkompetenz

Wie es der Teufel haben will, legt die Bibliothekarin den Bestellschein für dieses Buch mitten in das Spiel Nr. 13 (S. 30f.). Es hat einen ungewöhnlichen Namen („Spießrutenlaufen“) und während ich noch darüber nachdenke, was an dieser Bezeichnung lustig sein soll, entgleisen mir komplett die Gesichtszüge: „Alle, die die Gasse bilden, machen jedes Kind, das durch die Gasse geht, verbal an, sie schimpfen, sie spotten, sie beleidigen, sie schaukeln sich gegenseitig hoch. […] Es darf mit Händen und Fäusten gedroht werden…“. In einem Gespräch soll anschließend über die Gefühle während des Spiels gesprochen werden. „Damit keine Kränkungen zurück bleiben, sollte das Spiel zum Abschluss noch einmal gespielt werden, diesmal aber mit positiven Bemerkungen“. Dazu gibt es folgenden Hinweis: „Auch hier muss wieder sehr darauf geachtet werden, dass das Spiel nicht ‚ausgenutzt‘ wird, um Außenseiter oder schüchterne/schwächere Kinder niederzumachen“ (a. a. O.).

Die Autorin ist nach Auskunft des Verlages Dipl.-Psychologin, arbeitet(e) bei einem Schulpsychologischen Dienst und bildet(e) u. a. Lehrkräfte fort. Das klingt für mich nach einer Menge Erfahrung bei der Lösung von Problemen im schulischen Umfeld. Vielleicht könnte man das Spiel noch in die Nähe der Konfrontationstherapie rücken, die bei kranken Menschen einen Nutzen haben soll. Dennoch halte ich diese Übung in der beschriebenen Form für ungeeignet. Das ist allerdings eine subjektive Meinung und deshalb ziehe ich die charakteristischen Merkmale des Spielbegriffs heran. Viele Autoren (z. B. Huizinga, Fritz, Thiesen, Oerter) nennen (1) Freiwilligkeit als Kennzeichen von Spiel. Während die Teilnahme an dieser Übung noch als freiwillig gelten kann, so ist mir bis auf den Sonderfall „Schauspieler“ kein Mensch bekannt, der sich freiwillig beschimpfen lassen möchte. Das Spiel ist (2) zeitlich und räumlich begrenzt. Es werden (3) Spielregeln vorgegeben und es lässt sich (4) wiederholen. Die Sache mit dem (5) Selbstzweck ist schon etwas schwieriger. Da die Übung im Buch in die Kategorie „Spiele zur Integration“ eingeordnet wurde, trifft dieser Punkt wohl eher nicht zu. Ebenso wenig dürfte (6) ein Gefühl von Spannung und Spaß oder (7) ein Kontrast zum Alltag auftreten. Lerneffekte (8) hingegen könnten mit gutem Willen zu beobachten sein. Grundsätzlich sind also nur die Kriterien 6 und 7 nicht erfüllt. Aus psychologischer Sicht ist es möglicherweise sinnvoll, dieses Spiel in Gruppen einzusetzen. Als Lehrer würde ich jedoch, wenn überhaupt, mit der positiven Variante beginnen. Letztlich stört mich in diesem Fall wohl am meisten, dass für mich eben kein Kontrast zum Alltag (z. B. in den Pausen auf dem Schulhof) erkennbar ist. Von Spaß rede ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst. Etwas gefällt mir trotzdem an diesem Beispiel: Es zeigt mir, worauf ich bei der Auswahl und Bewertung von Spielen immer wieder achten muss. In diesem Sinne will ich die restlichen 49 „besten Spiele“ unter die Lupe nehmen. Vielleicht finde ich dabei auch ein teuflisch gutes Spiel.

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1 comment so far

  1. Amirabai on

    Suche Ideen für genau diese Situationen auf dem Schulhof, da ich daran glaube, dass ein weitgehend gewaltfreier Schulhof möglich ist. Und das auf der Basis von Einsicht und nicht Strafandrohung, die ja letztlich genau das ist, was ich mir auf dem Schulhof nicht wünsche, eben Gewalt in jeglichen Formen, auch den kleinen, feinen, gemeinen, subtilen. Ich suche auch eher Übungsformen, die positives Verhalten erfahrbar machen, statt das zu bestätigen was sich schon längst etabliert hat.


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