Burow: Positive Pädagogik

Heute mal ein kleiner Kracher aus dem Bücherregal für Freunde der gepflegten Forschung, Lehrende und Eltern. Mit „Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück“ klang der Buchtitel für mich zunächst etwas …hmm…naja…, aber das Thema des ersten Teils „Wie das Glück aus der Schule verschwand“ machte mich neugierig.

In der Einführung erinnert der Autor an Ernst Christian Trapp, der bereits im 18. Jahrhundert die „Bildung zur Glückseligkeit“ als Erziehungsziel im Visier hatte (S. 9). Burow wird sehr deutlich, wenn er von den Schulleistungsvergleichen der Gegenwart schreibt, in der uns die „Diktatur der Zahlen die Gehirne vernebelt“ (S. 10). Ebenso frustrierend klingt seine Feststellung, dass Lehrer/innen und Schüler/innen in der Schule immer neuem Druck unterliegen. Doch Burow bleibt nicht bei der Beschreibung der Misere, er bietet Lösungsmöglichkeiten. Der Autor meint, dass wir Experten „überschätzen“ und das eigene Wissen „unterschätzen“ würden (ebd.). Er will deshalb zeigen, wie Schüler/innen und Lehrer/innen ihren Arbeitsalltag glücklicher gestalten können (S. 12).

Teil 1 „Wie das Glück aus der Schule verschwand“

Nach der Definition des Begriffes „Glück“ von Basedow aus dem Jahr 1880 (S. 15) verschlug es mir erst mal die Sprache, als Hoyer von Burow zitiert wird: „Wilhelm von Humboldt vertrieb das Glück endgültig aus der Pädagogik“, denn Glück zählte für Humboldt offenbar nicht zu den Bildungszielen (S. 17). Das wiederum beißt sich mit Kant, der nach Overhoff (2009) „das mit einem ‚Gefühl der Lust‘ verbundene Lernen als unverzichtbares Mittel zur Bildung […] beschreibt“ (S. 19). Bevor mir der Spaß am Lesen vergeht, beantwortet Burow die Frage, warum sich Erkenntnisse nicht durchsetzen. Als Beispiel führt er den „Klassiker ‚Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung‘ (1974)“ von Karlheinz Ingenkamp an, dessen Studienergebnisse 2006 von Hans Brügelmann bekräftigt wurden. (S. 24). Burows Ansicht nach wird zu viel „Bestätigungsforschung“ betrieben. „Sie bestätigt in vielen Fällen immer wieder nur das, was bereits bekannt ist und was der durchschnittlich informierte Laie auch durch Beobachtung und Nachdenken herausfinden kann“ (S. 24f.). Zack, das hat gesessen! Als einen der Gründe nennt er materielle Anreize, was ich nicht gut finden muss, aber durchaus nachvollziehen kann.

Von der Forschung geht es weiter zur Benotung in der Schule. Ein Satz klingt bitterböse nach und lässt mich nicht mehr los: „Das permanente Messen und Kontrollieren nehme den Menschen die Würde, zwinge sie zu permanenter Rechtfertigung und liefere sie zudem zu oft der Erfahrung des Scheiterns aus“ (S. 27). Burow ergeht sich jedoch nicht nur in Kritik am Nutzen von Forschungsergebnissen, sondern macht einen Vorschlag, wie Lehramtsstudierende damit umgehen könnten. Außerdem hält es der Autor für notwendig, praxisorientierter zu forschen, um den Unterricht zu verbessern (S. 28). Mich beschleicht grade das Gefühl, dass mein Statistikschein für den Eimer ist, was das Thema „Hörsaalspiele“ betrifft. Eine Befragung von Lehrer/innen durch Czerwenka und Terhart aus dem Jahr 1994 bestätigt Burows Beobachtung, dass aus diesem Grund Studierende und Lehrende nicht viel Wert auf Forschungsergebnisse legen, wenn es um ihren schulischen Alltag geht. Eine Studie von Tino Bargel (2010) mit 15 000 befragten Studierenden ist für mich das Stichwort zum Thema „Spiele in der Vorlesung“. „Demnach ist aus dem Studium eine kühle, stressige, spaßfreie Veranstaltung geworden“ (S. 34). Wenn sich diese Einschätzung durch den Einsatz von Spielen nur ein mü ändern ließe das würde mir für den Anfang schon reichen. Der erste Teil des Buches schließt mit einem recht merkwürdigen Satz, der sich auf den Lernprozess bezieht. Burow meint, dass Eltern, Lehrer und Schüler mehr damit vertraut sind, als einige Forschende (S. 35). Eigentlich logisch, oder? Bevor ich aber meinen Glauben an Schule und Forschung verlieren kann, bin ich schon beim zweiten Teil des Buches.

Teil 2 „Wie das Glück wieder in die Schule hineinkommt“

Für Burow stehen Freude am Lernen und das Glück der Schüler und Lehrer im Zentrum der Schule (S. 38f.). Er meint, besserer Unterricht sei mit der Methode „Zukunftswerkstatt“ von Robert Jungk und vor allem der Erinnerung von Lehrenden an die eigene Schulzeit zu erreichen (S. 42f.). Als wichtigste Aufgabe der Schule gibt er übrigens den Aufbau von Beziehungen im Sinne sozialer Netze an. Hmm, irgendwie klingt das schon wieder… ach, ich weiß ja auch nicht! Sofort zustimmen kann ich aber seiner Meinung, dass der Zusammenarbeit eine maßgebliche Bedeutung zukommt (S. 51). Der Autor nennt als Beispiele für sein „Modell synergetischer Kreativität“: Goethe und Schiller, Gates und Allen, Lennon und McCartner, Jobs und Wozniak sowie Hewlett und Packard (S. 50 – 58). Deren Gemeinsamkeit beschreibt er so: „Am Anfang steht ein ‚positives Gefühl’“ (S. 58). Jedes Kind in der ersten Klasse dürfte sich noch an die Freude auf die Schule erinnern.

Burow lobt das Internet als ausgleichendes Moment für ungleiche (regionale) Voraussetzungen und Motor neuer Ideen zum Nutzen aller, die Bildung und Vernetzung vorantreiben wollen (S. 62f.). Als aktuelles Beispiel fällt mir dazu der #EdChatDe auf Twitter ein. Dieser Treffpunkt für „Bildungsmenschen“ wurde erst vor wenigen Wochen von den Lehrern Torsten Larbig und André J. Spang ins Leben gerufen.

Und dann kommt, was im Zusammenhang mit Glück einfach kommen muss: Csikszentmihalyi und Lernen im Flow (S. 63f.). Freude teilt man am besten mit anderen Menschen und warum es so wichtig ist, soziale Netzwerke in der Bildungslandschaft zu schaffen, beschreibt Burow sehr bildhaft mit dem Ausbruch einer Epidemie („Glücksgefühle stecken an“, S. 68ff.)!

Interessant ist für mich die Erklärung, wie sich neue Ideen durchsetzen. Dafür benötigt man nämlich nur wenige, aber sehr aktive Menschen, die ihre Einfälle gut verkaufen können. Burow nennt es das „Phänomen des Tipping Point“ bzw. das „Gesetz der Wenigen“ (S. 72ff.). Innerhalb dieser Gruppe bräuchte es demnach „Kenner, Vernetzer und Verkäufer“ für eine gute Idee (S. 74).

Burow führt den Bogen nun zum Zusammenhang von Leistung und Spaß. Nach Manfred Lautenschläger ist Spaß die Voraussetzung für Meisterwerke (S. 88). Solche Ergebnisse dürfte sich jeder Dozent wünschen.

Noch einmal erteilt Burow der Benotung von Leistung eine Abfuhr: Zensurengebung als „äußeres Belohnungssystem“ verhindert Glück in der Schule und setzt sich in der Hochschule fort bei der Jagd nach Credit Points (S. 89). Es tritt der „Crowding-out-Effekt“ ein, der sich dadurch äußert, dass die intrinsische Motivation durch extrinsische Belohnung vernichtet wird (S. 93). Burow stuft diese sog. „Eselspädagogik“ als nicht funktionierend ein (S. 95). Allerdings erwähnt er mit dem Hinweis auf Untersuchungen von Frey, dass Menschen verschiedenster Einkommensstufen auf Belohnungen, wie sie bei Wettbewerben üblich sind, positiv reagieren:

„Wer eine Auszeichnung erhält, der arbeitet hinterher besser. Wer leer ausgeht, der arbeitet nicht schlechter. […] Der wichtigste Faktor, um Höchstleistungen zu fördern, ist Wertschätzung […], denn wer Anerkennung für seine Leistung durch die Gemeinschaft erhält, ist zufrieden und motiviert. Mehr noch, auch wir, die wir nur Zuschauer sind, profitieren davon…“ (S. 97f.).

Der Bezug zum Spiel wird hier sehr deutlich, aber fehlende Anerkennung ist für Burow ein schwerwiegendes Problem in der Schule (S. 98). Ein weiterer Mangel liegt seiner Ansicht nach in der Form der Wissensvermittlung, genauer gesagt: Klassische Vorträge verfehlen ihr Ziel (S. 116).

Wenn der Autor von erfolgreichen Lehrern schreibt, klingt das stark nach Liebe („von Herz zu Herz“, S. 122). Er verweist außerdem auf eine Form des Lernens, die ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Es soll demnach besonders effektiv sein, wenn Lehrer von Lehrern bzw. Schüler von Schülern lernen (S. 125).

Ein weiteres Mal wird der Bezug zum Spiel deutlich, wenn es um den Wandel der Schule geht. Die Teilnahme an Fortbildungen in seinem Beispiel war freiwillig, wurde jedoch gewürdigt (S. 126).

So richtig schlecht wird mir nun aber bei der Feststellung des Autors, dass sich Experten oft enorm täuschen (S. 127). Wer will da schon Forscher sein oder werden?

Teil 3 „Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück“

Gegen den Einwand, sein Konzept sei „eine typische Professorenidee“ stellt der Autor eigene Erfahrungen aus der Schul- und Arbeitszeit (S. 140). Wandel erfordert demnach solche Personen, wie sie nach dem o. g. „Gesetz der Wenigen“ beschrieben wurden (S. 141). Burow schlägt kleine Schritte zur Veränderung vor wie z. B. die Gestaltung eines Pädagogischen Tages. Anstatt einer Schulung einfach mal gucken, welche verborgenen Schätze, Fähigkeiten und Gemeinsamkeiten im Kollegium vorhanden sind (S. 142).

Witzig finde ich, dass Burow für Ganztagesschulen „Spielotheken“ empfiehlt (S. 149). Das passt einfach genau so gut zum Thema wie die Idee vom „Denk- und Spielplatz“ für den erwähnten Pädagogischen Tag (S. 154).

Dass Burow die Mitarbeit der Eltern als wesentlich ansieht, ist schon wieder ein anderes wichtiges Kapitel (S. 155). Auch dabei bildet gegenseitige Wertschätzung die Grundlage der Zusammenarbeit. Nicht vergessen werden sollte seiner Ansicht nach, dass positive Beispiele aus der Praxis maximaler Verbreitung bedürfen (S. 159). Spannend liest sich, was Burow über Kontrolle, Druck und Überforderung durch „verdeckte Systemlogiken“ in der Schule schreibt (S. 160) und wie er sich die Entlastung der Beteiligten vorstellt (S. 173). Das Lernen und Lehren zu erleichtern, ist mir seit dem Text von Winteler ein weiterer Motor für die Spielidee. Am Beispiel der Einbahnstraße veranschaulicht Burow z. B. das „Mehr-desselben-Prinzip“ – einschließlich Fehleranalyse und Ausweg (S. 177f.). Die Liste der Hauptbelastungspunkte in der Schule sieht allerdings gar nicht gut aus (S. 183).

Die „Anleitung“, wie man Mitarbeiter dazu motiviert, leidenschaftlich bei der Arbeit zu bleiben, ist schon wieder ein Hit für mich. Ich sage nur: Freiwilligkeit! „Dahinter steht die Einsicht, dass es wenig bringt, Umsetzungsziele zu verordnen. Personen setzen nur das um, was für sie persönlich bedeutsam, verstehbar und handhabbar ist“ (S. 191).

Einen weiteren Grund für den langsamen Wandel der Schule sieht Burow darin, dass zwar viel Wissen, jedoch zu wenig Handlungskompetenz vermittelt wird. Als Lösung schlägt er einen Perspektivwechsel vor: Raus aus der „Mehr-desselben-Falle“ (S. 198).

Sein Bericht über einen Versuch an einem Gymnasium in Zürich („Schule ohne Unterricht“) führt zur Hochschullehre („Mottenkiste der Pädagogik“, S. 200f.) und in das 19. Jahrhundert zurück (S. 200f.). Burows Argumentation gegen die Wiederholung von Schuljahren und für „längeres gemeinsames Lernen“ muss ich mir mal merken (S. 206f.). Es folgt ein Gebiet, in dem ich mich so gar nicht mehr auskenne. Der Autor erklärt den Unterschied zwischen Integrations- und Inklusionspädagogik, bei der alle Kinder gefördert werden (S. 208f.).

Der nächste Abschnitt erinnert mich unweigerlich an viele Beiträge im Blog von Jean-Pol Martin. „Wertschätzung, Wohlfühlen und bedingungslose Zugehörigkeit zu einer unterstützenden Gemeinschaft sind […] Grundbedürfnisse“ (S. 212). Ein aktueller Beitrag aus dem Halbtagsblog von Jan-Martin Klinge und Nils Steinbrück zeigt mir, dass dieser Gedanke in deren Schule längst gegenwärtig ist. Letztlich finden sich in diesem Kapitel viele Anregungen zur Gestaltung des Alltags in der (Hoch-)Schule durch „Art-Coaching“ bzw. die bereits erwähnten Peercoaching-Verfahren (Buddy-Programm, S. 227). Burow bereichert die Hinweise mit der Beschreibung von eigenen Erfahrungen mit Lehrkräften und Studierenden. Genau das macht dieses Buch für mich lesenswert und verständlich. Immer wieder werde ich an meine Schulzeit erinnert, wenn der Autor Beispiele nennt oder es um die Prinzipien Positiver Pädagogik geht (S. 234f.). Das Buch schließt mit drei Fragen für den „Zugang zu Ihrem ‚pädagogischen Tiefenwissen’“ (S. 236) und natürlich einem Literaturverzeichnis für alle, die sich noch mehr mit diesem Thema auseinandersetzen wollen.

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2 comments so far

  1. Amirabai on

    Danke für die Zusammenfassung.

  2. Herr Rau on

    „Die Entdeckung unseres pädagogischen Tiefenwissens durch die Freisetzung der ‚Weisheit der Vielen‘.“

    Nicht die Art Duktus, der ich vertraue, aber ich schaue bei Gelegnheit mal rein. (Habe mir das Buch gebraucht besorgt.)


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