Gruber: Gruppenarbeit

Kann man wissenschaftliche Texte, die über Objektivität verfügen sollen, ohne Vorurteile lesen? Die Formulierung „plötzlich und unerwartet“ kannte ich bisher nur aus Todesanzeigen, aber heute hat es mich kalt erwischt. Der Beitrag von Hans Gruber (2007) fing harmlos an. Der Autor hält Gruppenarbeit zur Lösung einiger Aufgaben für besser geeignet als Einzelarbeit, „weil sie mehr Adaptivität, Produktivität und Kreativität“ ermöglicht (S. 59). Mit Gruppenarbeit wird ein „größerer Lernerfolg“ sowie ein „Zuwachs an kommunikativen Kompetenzen“ erwartet (ebd.). Weil ich wissen will, wer so kompetent über Kompetenzen schreibt, sehe ich in den Literaturangaben nach und schlage fast vorn über: Dort steht P10 – und ich bin ab diesem Moment mächtig voreingenommen, ratlos und immer noch enttäuscht über die, von mir so empfundenen, fehlenden kommunikativen Kompetenzen (kK) dieser Person. Mir wurde damals eingeschenkt, bevor ich austeilen konnte. Was soll ich jetzt machen? Kann jemand, dessen kK aus meiner Sicht entwicklungsbedürfig erscheinen, wirklich über das Thema forschen und schreiben? Es ist die gleiche Frage, die mich zuletzt hier gequält hat: Kann ich als Student über Hochschullehre forschen?

Eine für mich neue Formulierung („Matthäus-Effekt“, S. 63) und deren Beschreibung („Wer schon viel weiß und kann, lernt viel“, ebd.) macht mich jetzt auch nicht fröhlicher. Ganz zu schweigen davon, dass „kompetente Lehrkräfte“ die Schwierigkeiten beim kooperativen Lernen verringern können (ebd.). Es hilft mir ebenso wenig, dass das universitäre „Lehrpersonal noch heute in der Regel kein gutes Beispiel für gelungene Kooperation darstellt“, aber der Autor ist wenigstens ehrlich (S. 65). Wenn ich bedenke, welche Wirkung diese negative Erfahrung auf mich hat, dann müssen auch die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden in eine Arbeit aufgenommen werden. Aber, wer wird das untersuchen? Ich bin für heute gefühlsmäßig am Anschlag – und außerdem habe ich keine Erfahrung als Hochschullehrer! Wer hilft mir aus der Subjektivitätsfalle?

PS: @Jean-Pol Wie soll ich denn nun in diesem Fall (und ja, es gibt noch reihenweise solcher Beispiele) daran glauben, dass sich die wissenschaftliche Leistung von der Person des Wissenschaftlers trennen ließe?

Advertisements

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: