Zwischenspiel 4

Zurück auf Null und das ganze Spiel beginnt von vorn! Während mir beim Text von Reinert und Thiele (hier) noch die Frage durch den Kopf geisterte, warum die Umsetzung der Erkenntnisse so lange dauert, fliegt mir schon wieder mein Plan um die Ohren. Ausgelöst wurde der Sturm durch zwei Artikel.

Adi Winteler und Peter Forster schreiben in dem Beitrag „Wer sagt, was gute Lehre ist? Evidenzbasiertes Lehren und Lernen“ (2007, hier) den entscheidenden Satz: „Vielleicht tragen diese Erkenntnisse auch dazu bei, den zum Teil erheblichen Aufwand und die Ver(sch)wendung von Ressourcen für Untersuchungen zur Effektivität von Unterrichtsvariablen zu verringern, die keine neuen Erkenntnisse liefern, da deren Effektstärken bereits hinreichend bekannt sind“ (S. 108). Interaktion, Feedback, Kommunikation adé.

Der zweite Beitrag „Dialog mit 200 Studierenden – geht das?“ (hier) von Zimmermann, Hurtado, Berther und Winter (2008) bezieht sich direkt auf die Situation in einer Vorlesung. Mittels blended Learning wurde das Ziel verfolgt, „den Austausch unter den Studierenden und zwischen den Studierenden und dem Dozenten, aber auch generell die Verarbeitungstiefe des studentischen Lernens zu erhöhen“ (S. 179). Was natürlich gelang. Allerdings habe ich nicht verstanden, warum zunächst mit Bestrafung statt mit Lob gearbeitet wurde (S. 182). Lehrer müssen loben statt toben! – wer das als Lehrender nicht verinnerlicht, hat aus meiner Sicht ein Problem. Mir ist unklar, wie Fachleute auf die Idee kommen, dass Strafe ein sinnvolles Mittel zur Motivation sein soll? Haben sie ihre eigene Schul- und Studienzeit vergessen? (Ich schreibe jetzt ‚mal sicherheitshalber nicht, wie oft ich im zarten Kindergartenalter die Strafecke besuchen durfte. Es gab ja auch Erzieherinnen, die solche Maßnahmen nicht anwendeten.)

Der nächste Haken liegt in der Mehrarbeit für die Studierenden und Dozenten, den die Autoren für gerechtfertigt halten (S. 184). Während die Tätigkeit aus Dozentensicht „höchst spannend“ und mit wachsender Lust daran verbunden war (S. 181), stießen die zusätzlichen Aufgaben bei einigen (?) Studierenden auf Widerstand (S. 182). Ist das denn ein Wunder? Welchen Sinn hat es, Studierende im eigenen Fach mit Aufgaben vollzustopfen, die sie nicht erfüllen können, weil sie in anderen Fächern ebenfalls mit Aufträgen überflutet werden? An welcher Stelle bzw. ab welchem Zeitpunkt geht das Verständnis der Dozenten für die Situation der Lernenden verloren?

Kein Nachteil (Effizienz wurde untersucht) ohne Vorteil (neue Fragen): Regina H. Mulder und Stephanie Laubenbacher (2007) stellen in ihrem Beitrag „Studierendenzentrierte Gestaltung von Hochschullehre“ (hier) „hohe Anforderungen an die Dozierenden“ fest (S. 80). Sollten bei aller Konzentration auf die Studierenden nicht die Gemeinsamkeiten in der Beziehung zwischen Studenten und Dozenten im Sinne von Zusammenarbeit hervorgehoben werden? Das erfordert neue Fragen, z. B.:

  1. Führt der Einsatz von Spielen in der Vorlesung zur Arbeitserleichterung von Studierenden und Dozierenden? Kann ein unzufriedener Dozent wirklich mit Begeisterung eine Vorlesung halten und seine Hörer mitreißen?

  2. Welchen Einfluss haben Spiele im Hörsaal auf den Spaß an der Arbeit für alle Beteiligten? Steigt durch den Einsatz von Spielen die gegenseitige Wertschätzung? Können damit auch Sicherheits- und Zugehörigkeitsbedürfnisse befriedigt werden? Ja, ich mag den Maslow, genauer gesagt seinen Text (hier), z. B. S. 79 – 87.

  3. Welchen Beitrag leisten Spiele zur Verbesserung der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden? Nach Watzlawick bekommt man ja zur Sachebene die Beziehungsebene praktisch gratis dazu geliefert. Und, wenn diese so überaus bestimmend ist, müsste man doch bei einer Untersuchung genau damit anfangen, oder nicht? In welchem Verhältnis steht eigentlich die Zufriedenheit der Lehrenden mit der Lernendenzufriedenheit?

  4. Wenn der Vorteil von Spielen in der Vorlesung für die Dozenten klar erkennbar wäre, würden sich dann Veränderungen schneller durchsetzen? Sind das eigentlich noch bildungswissenschaftliche Fragen oder geht’s jetzt mehr in Richtung Kommunikationswissenschaft und Psychologie?

Advertisements

1 comment so far

  1. […] von Routineaufgaben durch den Einsatz von E-Learning, also Online-Lehre (S. 152). Meine Vermutung (hier), dass neben den Studenten auch die Lehrenden entlastet werden müssten, ist also nicht völlig […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: