Groos III: Das Spiel als Katharsis

Nachdem ich mehrmals darauf hingewiesen wurde, im Blog keine Textlawinen zu produzieren, stelle ich für eilige Leser dem Vortrag von Karl Groos (1922a) einen Versuch der Zusammenfassung voran. Die Idee finde ich inzwischen selber gut – als fröhliche Übung – , denn auch das bedeutet der Begriff „Spiel“ (hier). Danke für die Kritik! Falls irgendwann also irgendjemand fragen sollte, was ich hier eigentlich mache, kann ich das dann hoffentlich in einem Satz erzählen. (Obwohl, bei knappen vier Seiten handelt es sich ja noch nicht einmal um ein Lawinchen…)

Warum ich nochmals einen Vortrag von Groos gelesen habe? Es war der Klang! Ka-thar-sis. Am Anfang explosive Klarheit, zum Schluss das scharfe Zischen einer falschen Schlange. Ohne Schnörkel, nur harte Ecken und Kanten auf dem Weg zum Ziel. Wer kann da noch widerstehen? Ich nicht!

Bei manchen Formulierungen hatte ich den Eindruck, dass der Text als Vorlage für spätere Definitionsversuche des Begriffs „Spiel“ diente. Interessant fand ich die Erklärungen des Unterschiedes von „müssen“ und „wollen“. Darüber habe ich im Zusammenhang mit der Frage, ob Forschung Spaß machen muss, erst kürzlich ebenfalls nachgedacht. Groos schreibt auch über den Schnellkochtopf, „die köstliche Arznei“ des Fluchens, die Schule als Spiel, gemäß der Überschrift natürlich über die Katharsis-Theorie, Spielgesetze und Spielverderber. Er lässt diesmal nichts aus: (Winter-)Sport, Gentleman, Kampf um das Weib sowie deren Pflegetrieb, Gedankenspiel (!), Lektüre und Phantasie sind ebenso Themen für die Begründung seiner Theorie wie Tanz, Lachen aus Verlegenheit, der pädagogische Wert des harmlosen Neckens und die „leidensvolle Arbeit“ des Künstlers. Ich bin immerhin erst ausgestiegen, als sich Groos der Hypothese von Freud verweigert, „daß die obszöne Rede ursprünglich an das Weib gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen sei“ (S. 36/Fußnote). Zwei Psychologen auf einmal schaffe ich nun doch noch nicht. Zum Original:

Vermutlich haben sich verschiedene spätere Autoren bei ihren Versuchen, den Begriff „Spiel“ zu definieren, von Groos inspirieren lassen: „Wenn wir bemerken, daß uns irgendeine Betätigung durch ihre eigenen Inhalte Freude bereitet, so entsteht in uns die Neigung, diese lustvollen Erfahrungen in freiwilliger Wiederholung erneut auszukosten. Unser Verhalten nimmt dann den Charakter einer ‚Vergnügung‘, eines ‚Spiels‘ an“ (S. 20). Der Autor weist auf die Besonderheit dieser „Erlebnis-Sphäre“ hin und den Unterschied zur „auf draußenliegende Zwecke gerichtete“ Arbeit (ebd.). „In die Spielsphäre treten wir dagegen mit der geistigen Haltung des Nichtmüssens, […] des Lust-Erwartens und Gernewollens ein; diese Art des Eintretens breitet sich nachwirkend über das ganze Erleben aus und verleiht ihm selbst da, wo sich die Unlust regen will, jene Freiheit und Heiterkeit, die dem Spiele eigen ist“ (ebd.).

Mit einem Wink an die Pädagogik und einer möglichen Begründung, warum Spiele nicht im Hörsaal eingesetzt werden, heißt es weiter:

„Da so das reine Spiel von dem Spielenden nur um seiner eigenen Reize willen ausgeführt wird, ist es erklärlich, daß seine subjektive Freiheit von draußenliegenden Zwecken manchen Theoretikern als eine objektive Zwecklosigkeit erscheinen konnte und daß in der Praxis rigoristische Pädagogen eben darum die Spiele des Kindes zu unterdrücken oder doch durch nützliche ‚Beschäftigungen‘ zu ersetzen suchten“ (S. 20).

Groos erkennt darin zwei Fehlschlüsse. Erstens handelt es aus seiner Sicht um eine einseitige Betonung der Übung als „ein bloßes Mittel zur Erreichung von Zwecken, die ihr selbst nicht mehr angehören“ (S. 21) und verweist auf die Gedanken von Schleiermacher zum Thema Kindheit. Zweitens handelt es sich bei der „Unterdrückung der Spielfreude“ um einen „Irrtum, […] wenn die Jugendzeit nur als Schule anzusehen wäre. Denn das Spiel ist selbst Schule. Ja, die Zweckmäßigkeit des Spiels ist so groß, daß die teleologische Betrachtung, seit sie hierauf aufmerksam geworden ist, immer neue sinnvolle Zusammenhänge entdeckt“ (ebd.).

In seinem Text versucht Groos, „die alte Katharsis-Theorie, die ursprünglich dem Genuß des Tragischen galt, auf das Spiel auszudehnen“ (S. 21). Er bezieht sich auf Hall und Gulick, die im Spiel „die ontogenetische Wiederholung der phylogenetischen Entwicklung“ erkennen und meinen, damit „niedrige Instinkte […] abschwächen“ zu können (S. 21f). Wenn der Autor ihnen widerspricht: „ … der Pflegetrieb des Weibes wird durch das Jugendspiel mit der Puppe gewiß nicht zum Erlöschen gebracht“ (S. 22), bin ich nicht zum ersten Mal froh darüber, im 21. Jahrhundert zu leben. Er rückt allerdings auch das „Soldatenspiel“ der Kinder in diese Richtung.

Groos erkennt im Zusammenhang mit der Katharsis-Theorie die „Zweckmäßigkeit des Spiels“ darin, „dem instinktiven Drang eine vorübergehende, harmlose Entladung zu verschaffen und so gefährlichere Äußerungen der ungeschwächt weiterbestehenden Triebe zu vermeiden. Die Entladung im Spiel gliche dann (solange die Katharsis wirklich harmlos ist) dem Entweichen des Dampfes durch ein Sicherheitsventil, das an die Stelle ernstlicher Explosionen tritt und doch die Leistungsfähigkeit der Maschine nicht mindert“ (S. 22).

Der „selbständige Lebenswert des Spiels“ ist hier im Vergleich zur „Bedeutung der Selbstausübung“ beschränkt. „Wenn der Gedanke der Selbstausübung das Spiel mit der eigentlichen Erziehung in Parallele setzt, so rückt es hier in die Nähe dessen, was Herbart unter „Regierung“ verstanden hat“ (S. 23). Groos zitiert Vischer: „Wißt ihr denn nichts von der Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen liegt?“ (ebd.).

Der Autor sieht die „Aufgabe der Volkserziehung“ darin, „für solche Hemmungen und Ablenkungen zu sorgen. […] Die Erziehung hat außerdem […] darauf bedacht zu sein, daß die für das Individuum befreiende Reaktion für das soziale Ganze nicht nur unschädlich verläuft, sondern womöglich positiven Nutzen bringt“ (S. 24).

Die „Katharsis-Theorie des Spiels bezieht sich als teleologische Deutung vor allem auf die beiden Gruppen der Kampftriebe und der sexuellen Instinkte“ (S. 25). In diesem Zusammenhang unterscheidet Groos endlich sehr genau zwischen Kinder- und Jugendzeit.

Die folgenden Überlegungen haben mich einigermaßen überrascht, denn daß ich hier etwas über Spielregeln und Spielverderber finden würde, hatte ich nicht erwartet:

„Der spielende Kampf mit realen Gegnern […] wird […] leicht die Grenzen des Ungefährlichen überschreiten. Die hemmende Gegenwirkung geht von den Mächten aus, die mit den sozialen Trieben zusammenhängen“ (S. 25f). „Fürs erste ist der Spielgegner nicht nur Gegner, er ist auch Kamerad. Je stärker die soziale Zuneigung ist, die die kämpfenden verbindet, desto sicherer wird der Kampf in den Schranken einer Scheintätigkeit zurückgehalten. Aber diese von innen kommende Hemmung wird in vielen Fällen nicht genügen. Auch Freunde können ernstlich in Streit geraten […]. Dazu kommt vom Alter der Reife an die leichtere Erregbarkeit des Kampftriebes. Wenn dann vollends die Spielgegner entgegengesetzten Gruppen von Kämpfern angehören, so wird das Kampfspiel leicht seine Harmlosigkeit verlieren. Daher bedarf es von außen kommender sozialer Gegenwirkungen. Diese bestehen zunächst in den aus der Spielgenossenschaft selbst hervorgegangenen Spielgesetzen. Wenn sie ein einzelner verletzt, so gilt er als Spielverderber, seine Handlung wird als nicht anständig, als nicht ‚fair‘ angesehen. Aber auch diese Sicherung pflegt zu versagen, wenn die ganze Spielgenossenschaft allmählich in gefährlichere Bahnen gedrängt wird. Dann ist es Zeit, daß die Angehörigen der weiteren sozialen Kreise eingreifen, in denen die Spielgenossenschaft eine Sondersphäre darstellt“ (S. 26).

Auch im letzten Jahrhundert gab es Probleme bei der Einhaltung von Spielregeln: „Trotz aller einschränkenden Spielgesetze ist z. B. das Fußballspiel oder die studentische Mensur schon häufig in eine Entwicklung eingetreten, die ernste Schädigungen im Gefolge hatte […] Hier fällt der Journalistik eine wichtige Aufgabe zu“ (S. 26). Groos wurde lt. Wikipedia während seiner Studentenzeit in Heidelberg Mitglied einer Burschenschaft.

Zu den Wettkampfspielen:

„Neben den ‚direkten‘ Kämpfen, in denen der Spielende einen Gegner angreift, stehen die Wettkämpfe, die in der Einstellung auf ein gemeinsames Ziel die Bemühungen der Teilnehmer nicht gegeneinander richten, sondern sozusagen parallel laufen lassen. […] Wären die Wettkämpfe, die bei allen Völkern […] in so großem Ansehen stehen, durch zielbewußte Überlegung entstanden, so müßte man sie von unserem Prinzip aus als eine geniale Erfindung bezeichnen. Denn indem sie durch die Aussicht auf einen Sieg locken, der die allgemeine Bewunderung hervorruft, entwinden sie dem Naturtrieb dennoch das Mittel, ohne das der Sieg über Gegner auf den ersten Blick unmöglich erscheint: den unmittelbaren Angriff auf diese“ (S. 26f).

Über die Gefahren bei Wettkampfspielen und das Ideal des Gentleman:

„Trotzdem fehlt es auch dem Wettkampfspiel nicht an Gefahren. So drängt der Stachel der Rivalität zur Bewältigung immer schwerer Aufgaben, wie das in dem bedenklichen Streben nach sich überbietenden ‚Rekorden‘ in allen Zweigen des Sports zu bemerken ist. Einer anderen Gefahr, nämlich der zur Schau getragenen, aufreizenden Überhebung des Siegers im Wettkampf über die geschlagenen Mitbewerber, wirkt die Gesellschaft durch die Vorschriften der guten Sitte nicht ohne Erfolg entgegen“ (S. 27). „Hier macht sich das in sozialer Hinsicht so außerordentlich wichtige Ideal des Gentleman geltend. Der Gentleman wird nie in verletzender Form über den schwächeren Mitbewerber triumphieren, weder im Spiel noch im ernsten Daseinskampfe. Der Gentleman wird ferner, um ganz sicher zu sein, daß Gerechtigkeit waltet, dem Gegner gern etwas ‚vorgeben‚ …“ (S. 27/Fußnote 1). „Aber die Äußerung einer solchen Freude […] ist sehr gefährlich, da sie sich als Hohn über die fremde Minderwertigkeit zu einem erneuten (geistigen) Angriff auf die schon Unterlegenen gestaltet. Das Bewußtsein, anderen einen solchen Triumph zu verschaffen, kann zur Erregung eines tödlichen Hasses führen. […] auch wo der Mensch gar nicht durch eigene Taten einen Sieg erfochten hat, ist jenes Bedürfnis vorhanden. Der bloße Anblick fremder Unbehilflichkeit, Dummheit, Zerstreutheit, Häßlichkeit, kurz irgendeiner Minderwertigkeit im Kampfe ums Dasein (und um das Weib!) ist geeignet, das triumphierende Phärisäergefühl der eigenen Überlegenheit und zugleich den lebhaftesten Drang zu erwecken, diesem Gefühl Ausdruck zu geben“ (S. 27).

Groos zählt das Necken „zu den spielerischen Entladungen des Kampftriebes“ (S. 28).

„Die Necklust […] erschließt eine der ursprünglichen Quellen des Komischen. Sie sucht durch Taten oder durch Worte den Genuß fremder Minderwertigkeiten zu erreichen. Die nicht nur harmlose, sondern auch erzieherische Wirkung des spielenden (scherzenden) Neckens kommt am besten in einer von dem Geist ‚guter Kameradschaft‘ erfüllten sozialen Gruppe zur Geltung: auch hier liefern also die sozialen Tendenzen das notwendige Gegengewicht. Der pädagogische Wert des harmlosen Neckens tritt besonders in den gesellschaftlichen Gruppenbildungen der Jugend deutlich vor Augen. So liegt der Nutzen studentischer Verbindungen […] darin, daß hier der in gegenseitigen Foppereien zur Entladung gelangende Kampftrieb seine erzieherischen Einflüsse ohne schädliche Begleiterscheinungen zur Geltung bringen kann, weil ihm das Bewußtsein der sozialen Zusammengehörigkeit den Charakter des Feindseligen und Verachtungsvollen abstreift. […] Das Sprichwort sagt: Was sich liebt, das neckt sich. Man kann hinzufügen: Nur was sich liebt, sollte sich necken dürfen“ (S. 28).

Erziehung durch Lesen? Lektüre und Wachträume („Phantasiespiele“) können nach Groos „ausgesprochenen Spielcharakter besitzen“ (S. 29).

„Das Spiel der jugendlichen Phantasie […] kann von der größten Bedeutung für das künftige Leben werden; aus dieser verborgenen Werkstatt gehen Helden und – Verbrecher hervor. Man vergißt das manchmal, weil es auch ‚bloße‘ Träumer gibt, die über den inneren Kreis des Gedankenspiels nicht hinausgehen. Das wache Träumen kann sich aber ebensogut in äußere Handlungen umsetzen; es ist dann die Geburtsstätte entscheidender Taten. […] in einem bloßen ideellen Erleben kann sich die Jugend die Größe erträumen, die ihr die Wirklichkeit versagt. […] Da aber seine Eigenart […] in der Regel durch die Inhalte der Lieblings-Lektüre bestimmt wird, so kann die Erziehung unmittelbar Einfluß gewinnen, indem sie für die Verbreitung eines gesunden Lesestoffes sorgt, eine Aufgabe, deren Wichtigkeit ja immer mehr anerkannt wird. […] die spielende Entladung der Emotionen kann entweder im Verkehr mit realen Personen stattfinden, ober es kann sich um ein bloß ideelles Erleben […] in der Phantasie handeln“ (S. 30).

„Indem sich die Beziehungen der Geschlechter im Tanz, im Gesellschaftsspiel und in den Tändeleien junger Leute vor den Augen der Vereinigung entfalten, wirkt diese bloße Tatsache einer die bestehende Sitte überschreitenden Annäherung mit Erfolg entgegen. Sobald diese einschränkende Wirkung fehlt, die von der Öffentlichkeit des Spiels ausgeht, wird die Gefahr größer, daß der Instinkt die Hemmungen durchbricht“ (S. 31). „Ein zweites Mittel, das zu der Vermeidung gefährlicher Entwicklungen beitragen mag, ist die Ableitung der Erregung in andere Kanäle. So wird der Tanz trotz seiner unverkennbaren Beziehung auf die Sexualität von der unverdorbenen Jugend überwiegend als Bewegungsspiel genossen. Ja, er kann den Tanzenden selbst den Eindruck eines reinen Bewegungsspiels machen, weil die sexuelle Unterströmung in ihrem Bewußtsein nicht deutlich zur Geltung kommt. […] Selbst wenn man annimmt, daß die Berührung den Tanzenden völlig gleichgültig ist, so ist doch die Nähe des anderen Geschlechts und die Selbstdarstellung vor ihm mit Reizen verbunden, die in unsere Sphäre gehören. – Eine vielleicht noch wichtigere Ableitung ist die Verschiebung der sexuellen Tändelei in ein Kampfspiel“ (S. 32).

Groos erinnert an das Sprichwort: „Was sich liebt, das neckt sich“ und mich damit unwillkürlich an eine aktuelle Diskussion:

„Der neckende Ton in der Beziehung der Geschlechter ist wohl ein besonders geeignetes Mittel, um die Annäherung in den Schranken eines harmlosen Spiels zu halten. Hierbei wirkt das aus dem Konflikt der Scheu mit dem Annäherungs- und Selbstdarstellungbedürfnis entspringende „Kokettieren“ des weiblichen Geschlechts in entscheidender Weise mit. Es ist von Interesse, daß die in solchen Tändeleien so stark hervortretende Lachlust durch das Gefühl der eigenen Überlegenheit über fremde Inferiorität kaum in befriedigender Weise erklärt werden kann, obwohl dieses früher von uns berührte Hauptmotiv des Komischen auch nicht fehlt. Besonders das Lachen des scherzend geneckten und zugleich umworbenen Mädchens hat häufig eine unverkennbare Verwandtschaft mit dem Lachen des Verlegenen. Das erinnert an ein zweites Urphänomen des Komischen, […] an das spielende Erleben und Überwinden eines ‚Chocs‘ oder einer Verwirrung, das als ein ‚defensives‘ Kampfspiel bezeichnet werden kann“ (S. 32).

Wieder was gelernt: Inferiorität bedeutet „Unterlegenheit“, „Minderwertigkeit“ (Quelle). Für die Männerwelt hat Groos einen Rat auf Lager:

„Dazu kommt noch der Übungswert des Spiels, der auf den ersten Blick […] zu fehlen scheint. Es ist aber doch kaum zu bezweifeln, daß der spielende Verkehr der Geschlechter eine größere Sicherheit in der ernsten Bewerbung verleiht und auf der anderen Seite wichtige Erfahrungen verschafft, die die Prüfung dessen, an den man sich ‚ewig bindet‘, erleichtern. Es ist bekannt, daß junge Männer, die den geselligen Verkehr in der eigenen sozialen Schicht meiden, am leichtesten töricht heiraten“ (S. 33).

Jetzt noch etwas für die Künstler unter den Bloggern:

„Ich erwähne ferner das Gebiet der Poesie. […] Dabei kann man nicht nur auf den genießenden Hörer oder Leser, sondern auch auf den produzierenden Künstler den Katharsisgedanken anwenden. Da aber das künstlerische Produzieren als Ganzes genommen kaum eine Spieltätigkeit ist, so beschränke ich mich auf wenige Andeutungen. Soweit sich in der dichterischen Tätigkeit das wichtige Prinzip der ‚Selbstdarstellung‘ geltend macht, ist sie eine befreiende Entladung von Emotionen, denen ja die leicht erregbare Seele des Poeten besonders stark ausgesetzt ist. […] Der wirkliche Künstler begnügt sich aber keineswegs mit der einfachen Äußerung dessen, was sein Innerstes erregt; es kommt dabei vielmehr auch zu einer Art ‚Ableitung‘ oder ‚Umsetzung‘. […] Dieser Umsetzung dienen die beiden anderen Hauptmotive der Kunst, das Prinzip der Nachahmung und das Prinzip der Schöngestaltung. Zum Dionysischen kommt das Apollinische. Dabei mag zwischen den Extremen des impulsiven ‚Hinwühlens‘ und der zielbewußten, oft leidensvollen Arbeit des Gestaltens auch die Spielstimmung auftreten“ (S. 34): „’weil’s mich freut‘. Aber der ganze Prozeß kann sicher nicht als Spiel bezeichnet werden“ (S. 35).

Hmm, das sehe ich anders, aber, ich bin ja auch kein Künstler. Aber, Rezipient:

„Anders verhält es sich bei dem ästhetischen Genießen des Kunstwerks. Auch hier kann man freilich die Meinung vertreten, daß der wahrhaft ‚ästhetische‘ Zustand über die Sphäre eines bloßen Spiels hinauswachse. Jedenfalls ist aber die naive, auf das Miterleben des Stofflichen eingestellte Form des Genießens […] eine ‚Vergnügung‘ oder ein Spiel. […] das große Publikum nimmt […] Kunstwerke nicht nur ihrer künstlerischen Form nach auf, sondern vor allem zu dem Zweck eines spielenden Erlebens“ (S. 35).

Noch einmal setzt sich Groos mit Freud auseinander und abschließend geht es um „das Spiel des Witzes mit dem Unanständigen, speziell mit dem sexuell Anstößigen“ (S. 36), Naturvölker, „bei denen […] die einengenden Schranken […] nicht in Betracht kommen“ (ebd.) sowie „die Seele des Jünglings“, dessen „wohltätige Scheu vor den unbekannten Mächten“ geschützt werden soll (S. 37). Ich verlasse die beiden Psychologen unauffällig…

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1 comment so far

  1. […] weitere Ähnlichkeit zeigt sich, wenn die Einübungstheorie von Groos (hier und auch hier) oder die „Psychologie des Spiels“ von Oerter (hier) berücksichtigt wird: „ … habe ich bei […]


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