Groos II: Der Lebenswert des Spiels

Dies ist eine zweite Chance für Karl, nachdem mich seine Sprache in diesem Beitrag mächtig verwunderte. Groos (1922b) beginnt seinen Vortrag mit der Gegenüberstellung von Arbeit und Spiel sowie der Frage nach der Bedeutung des Spiels. „Das Dasein des Kulturmenschen erhält sich nur durch ernste, mühevolle, zweckbewußte Tätigkeit […] Und das Spiel, diese bloße „Belustigung“? […] Und doch muß das scheinbar so zwecklose Spiel eine tiefere Bedeutung haben“ (S. 1). Weil das Kind „noch keine Arbeit kennt“, erscheint es dem Autor angemessen, die Bedeutung des Spiels an der kindlichen Entwicklung zu erklären und festzustellen: „So lange nicht der Zwang der Erziehung eingreift, ist das kindliche Dasein ganz überwiegend von Spieltätigkeiten ausgefüllt […] Die Zeit der Kindheit ist die Zeit des Spiels“ (ebd.). Ausgehend von der biologischen Entwicklung fragt Groos danach, welchen Zweck, genauer welchen „Lebenswert“ das Spiel für die menschliche Natur erfüllt. Der Autor betrachtet das Spiel „als Einübung, als Ergänzung und als Erholung“ und erkennt im Spiel einen „ästhetischen Genuss […], den man als die höchste und feinste Form des Spiels bezeichnen kann“ (S. 1f.).

Von der Tierpsychologie leitet Groos zur menschlichen Entwicklung über. „Die Jugendperiode der höchsten Lebewesen ist eine Lehrzeit, eine Periode der Ausübung, des eignen Erwerbs von Kenntnissen und Fertigkeiten. […] Aber die äußeren Handlungen sind nicht mehr so fest voraus bestimmt. Das Gängelband der Instinkte ist gelockert. Sie sind da und wirken, aber sie sind unvollkommen und ergänzungsbedürftig“ (S. 3). „Das Kind ist hilflos, damit es lerne, sich selbst zu helfen. Wie kann es […] lernen? […] Und selbst beim menschlichen Kinde greift Erziehung und Unterricht erst spät und langsam ein, nachdem das Kind schon eine unermeßliche Fülle von Kenntnissen und Fertigkeiten durch selbständiges Tun erworben hat. Also aus eigener Initiative wird das junge Wesen das ihm Angeborene durch Erfahrung und Übung ergänzen müssen. […] Die Selbstausübung, […], vollzieht sich aber (natürlich ohne bewußte Absicht) vor allem im Spiel. Das ist die erste und ursprünglichste Form, in der uns der gewaltige Lebenswert des Spielens entgegentritt: das Spiel als Einübung, als Selbstausbildung des heranwachsenden höheren Lebewesens“ (S. 4).

„So verhält es sich mit Bewegungsspielen junger Tiere. […] sie sind eine Anpassungserscheinung und bilden eine nützliche Vorübung für das Leben […]. Der Instinkt drängt die Bewegungslust in diese ganz bestimmten Bahnen, um durch die spielende Übung ergänzt zu werden“ (S. 5). Im Vergleich mit Affen: „Nachahmung und […] die Freude am Experimentieren […] braucht nicht notwendigerweise ein Spiel zu sein, hat aber doch häufig Spielcharakter und wird dann wegen der damit verbundenen Freude besonders eifrig betrieben […] Seine biologische Bedeutung liegt in der Nachahmung der eigenen Artgenossen – also in der Selbstausbildung der jungen Tiere für die wichtigsten Lebensgewohnheiten der Art. Es ist leicht einzusehen, wie bedeutsam diese Leistung ist“ (S. 6). Baldwin hat das die soziale Vererbung genannt“ (S. 7).

„Ebenso wichtig sind die Experimentierspiele. Sie sind die erste Schule der Intelligenz“ (S. 7). Groos versteht unter Experimentieren das „’Herumhantieren‘ mit allerlei Objekten“, in dem sich „ein bedeutungsvoller Unterschied vom bloßen Nachahmen“ zeigt und meint, vorwiegend im Beschäftigungsdrang den „Vater des wissenschaftlichen Experiments“ zu erkennen (ebd.).

Als erstes Beispiel für spielerisches Experimentieren bei Kindern nennt Groos die „Entwicklung der Gehbewegung“ (S. 8). Viele Versuche der „folgerechten und doch nicht zielbewußten Entwicklung“ führen schließlich zum Erfolg (S. 9). Das zweite Beispiel stellt für ihn das Erlernen der Sprache dar. Nach den sogenannten Lallmonologen „ergreift der Nachahmungstrieb den durch das Experimentieren geübten Apparat“ (ebd.). Die spielerische Art besteht u. a. im „vergnügte[n] Wiederholen neu erlernter Wörter, […] Benennen der Dinge im Bilderbuch, […] Hersagen von Verschen, […] Sprechen mit der Puppe“ bis das Kind die Muttersprache durch Nachahmung „von selbst“ erlernt hat (S. 11).

„Viele unter den Pädagogen habe es als ein Ideal bezeichnet, den Menschen auch die Fremdsprachen in solch spielender Weise erlernen zu lassen“ (S. 11). Hier könnte mal untersucht werden, warum dieses Ideal aus der Schule verschwunden ist… 

Groos bemerkt eine Parallele zwischen Ausübung im Spiel und „Ausbildung durch Erziehung“ (S. 11). Weiterhin bezeichnet er das „Jugendspiel“ als „absichtslose Selbstausübung“ und „die Erziehung in Haus und Schule“ als „absichtliche Fremdausbildung“ (ebd). Seine Schlussfolgerung lautet: „ …. die Erziehung hat die Aufgabe, an jene absichtslose Selbstausübung durch das Spiel anzuknüpfen und von da aus den Zögling zu der bewußten Selbsterziehung hinüberzuführen, deren Forderungen den Menschen bis an sein Ende begleiten. So ist das Jugendspiel mitten in die großen Zusammenhänge hineingestellt, ohne die eine Kultur unmöglich wäre“ (ebd).

Aber jetzt: „Auch für den Erwachsenen bewahrt das Spiel seinen Übungswert“ (S. 11). Was so verheißungsvoll beginnt, mündet in Vergleichen mit „den Spielen der primitiven Stämme“ und den „’ritterlichen Übungen‘ höherstehender Völker“ (S. 11f). Gebt mir einen Übelkübel, sonst wird mir ohne Kübel übel! Der Nächste bitte: „ … bei den Erwachsenen gewinnt das Spiel, und zwar vor allem innerhalb einer höher entwickelten Kultur, einen neuen Lebenswert: es wird Ergänzung des Daseins. Eine berühmte These Schillers lautet: der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ (S. 12). Zwar legt Groos im Zitat von Schiller einerseits großen Wert auf das Wort „ganz“, was aus meiner Sicht völlig korrekt ist. Andererseits bezog sich Schiller mit diesem Satz meines Wissens ausschließlich auf das Theater(spiel). Wer spielt mit und widerlegt meine Erinnerung?

Aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung leitet Groos Einseitigkeit ab und sieht im Bewegungsspiel („Kegelabend“, „Bergsport“) „für den ‚Stubenhocker‘, den Bureaumenschen, den Pfarrer, den Lehrer […] ohne Zweifel eine willkommene körperliche ‚Ergänzung‘ seines einseitig gewordenen Berufslebens“ (S. 12). Dem Kegelspiel schreibt der Autor zusätzlich eine „geistige Betätigung“ zu: „Als solche stellt es ein von dem realen Leben abgelöstes Kampfspiel dar, in dem sich die Gefühle der Spannung, des Wetteiferns, der triumphalen Freude des Könnens, des Zusammenhaltens mit der Partei, des harmlosen Lachens über Zufall und Ungeschicklichkeit rein und gleichsam reibungslos ‚entladen‘ können; es gewährt also wie alle Kampfspiele bis hinauf zum Skat oder Schach ein spielendes Durchstoßen von Lebensmöglichkeiten, die im Alltag nicht genug zur Verwirklichung kommen, oder besser: die zwar auch im Ernstleben auftreten, aber […] in dieser Reinheit, in dieser Freiheit von allen ‚Konsequenzen‘ nur in der Scheinwelt des Spiels ihren Ausdruck finden“ (S. 13).

Das „ästhetische Genießen“ in der Kunst ist für Groos das „gefühlsreiche, ‚innere Miterleben‘ […] als Bestandteil des ästhetischen Verhaltens […]. Auch das ist (soweit es sich dabei um ein Miterleben des Inhaltlichen handelt) ein spielendes Durchstoßen von Lebensmöglichkeiten mit Hilfe der ästhetischen Illusion“ (S. 13). Er sieht darin „eine ideale Bereicherung unseres Daseins […], so daß auch hier die ‚Ergänzungstheorie‘ ihre Anwendung findet“ (S. 14).

Groos schreibt von der „Erlebnis-Sphäre des Spiels“ und meint damit die „auf Illusionen beruhende seelische Gemeinschaft“, die dem Menschen „eine Ergänzung des Lebens bedeutet“ (S. 15). „Wir vermenschlichen das Tier, damit es uns zum Freunde werde“ (ebd.). Für das Kinderspiel mit Puppen zieht er die gleiche Schlussfolgerung.

Schließlich nennt Groos als weiteren „Lebenswert des Spiels“ die Erholung und merkt an, dass dies nicht auf das kleine Kind zutrifft: es „findet […] seinen Beruf im Spiel […] und erholt sich […] im Schlaf“ (S. 15f). Ab Beginn der Schulzeit spricht der Autor von einer „Lebenssphäre der Arbeit“ (S. 16). „Von da an tritt die Erholungstheorie des Spiels in ihre Rechte ein und behält sie für das ganze Leben des Kulturmenschen. Wir alle erholen uns im Spiel […] von dem Zwang der Arbeit. In der Befreiung von dem Druck und Zwang des Ernstlebens gewinnt die Erholungstheorie erst ihre tiefere Bedeutung“ (ebd.).

Groos beschreibt sehr anschaulich die „Spaltung des Bewusstseins“ durch Trennung von Arbeit und „häuslichem Leben“ (S. 16). Aus meiner Sicht erscheint dieses „andere Leben“ allerdings nur möglich, wenn die jeweilige Arbeit, egal ob zu Hause oder im Beruf, mit großer Intensität erfüllt ist. Dass im erwähnten Beispiel die Gedanken von Eltern an ihre kranken Kinder während der Arbeitszeit „fast völlig ausgeschaltet“ sein sollen, halte ich für ebenso unrealistisch wie die Aussage, dass die „ganze Vorstellungsmasse des Berufslebens verschwindet wie in einer Versenkung“, wenn Berufstätige nach Hause kommen (S. 17). Konsequent teilt Groos demnach das Spiel als „abgesonderten Erlebniszusammenhang“ und „sorglose Sphäre […] mit feinen Illusionen“ von den „Sphären des Ernstlebens mit ihrer Beziehung zur Wirklichkeit“ (ebd.). „ … je vollständiger wir dabei die Erinnerung an das Ernstleben von uns abstreifen können, […] desto reiner und mächtiger wird sich der Erholungswert des Spiels offenbaren können. Nun ist es nicht nur eine Ergänzung, sondern zugleich eine Befreiung geworden. […] Die Spären des Ernstlebens stehen ja dauernd unter dem Druck der realen Zwecke. Alles, was wir vollbringen, ist stets nur das Mittel zu solchen uns vorschwebenden Zielen […]. Im Spiele aber befreien wir uns von dem harten Zwange des Müssens. Mit einer Stimmung des ‚Nichtgezwungenseins‘ und ‚Gernewollens‘ öffnen wir die Türe zu einer Scheinwelt […]. Diese Stimmung breitet sich nachwirkend […] über die ganze Spielsphäre aus“ (S. 17). „Was wäre das Leben ohne diese Zuflucht!“ (S. 18). Über die Frage nach der Bedeutung des Wortes „müssen“ im Zusammenhang mit Spiel und Spaß, lohnt es sich ebenfalls nachzudenken. 😉

Vom „Mißbrauch der Erholung“ über die Kunst als „Welt der Schönheit“ führt Groos den Leser „in ein Reich idealer Vollendung […] und nun steigert sich die Erholung zu einer Erlösung aus aller Unvollkommenheit des Wirklichen; in diesem Erlösungswert des höchsten Spieles liegt seine schon manchmal betonte Beziehung zum religiösen Leben“ (S. 18).

Abschließend verweist Groos nochmals auf die Gegenüberstellung der beiden Sphären Ernstleben und Spiel, schreibt aber auch: „Beide sind uns nötig; sie ergänzen sich wechselseitig“ (S. 18).

(Der Vortrag erschien erstmalig im Jahr 1910.)

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1 comment so far

  1. […] weitere Ähnlichkeit zeigt sich, wenn die Einübungstheorie von Groos (hier und auch hier) oder die „Psychologie des Spiels“ von Oerter (hier) berücksichtigt wird: „ […]


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