Groos I: Wesen und Sinn des Spiels

Karl Groos (1934) bezieht sich in seinem Artikel auf eine Schrift des Physiologen F. J. J. Buytendijk – mit gleichnamigem Titel (1933). Das Buch erscheint Groos „durch seinen Gedankenreichtum geeignet, die Erkenntnis einer der wichtigsten Lebenserscheinungen in vielfältiger Weise zu fördern“ (S. 358). Der Autor meint, „daß das Jugendspiel den biologisch wichtigsten, wenn auch nicht den einzigen Gegenstand einer Spieltheorie darstellt“ (ebd.). Als „Merkmale des Jugendlichen“ werden u. a. „Ungerichtetheit“, im Sinne von „Fehlen einer Steuerung, einer festen Führung, eines Gerichtetseins nach einem Ziel“, und „Bewegungsdrang“ angeführt (ebd.). Daraus leitet er eine „pathische Einstellung […], d. h. ein mehr gefühlsmäßiges Ergriffenwerden vom Erlebten“ ab und überträgt die genannten „Eigentümlichkeiten der jugendlichen Dynamik“ auf das Spiel (S. 358f). „Wir finden auch im Spiel ‚die Ungerichtetheit, die Zielfreiheit, die Fülle und Maßlosigkeit, den Bewegungsdrang und das pathetische Ergriffenwerden‘ wieder“ (S. 359). Da der Begriff des „Jugendlichen“ nicht weiter definiert wird, einige Beispiele (Kreisel, Murmel) und die Beschreibung der Merkmale für mich nicht zweifelsfrei auf Jugendliche anwendbar ist, kann ich nur vermuten, dass es sich im Text nicht um Jugendliche („Billardspieler“) allein, sondern auch bzw. insbesondere um Kinder handelt.

Der Begriff der „Ungerichtetheit“ erinnert mich an die Frage, was es in der Definition von Huizinga zu bedeuten hat, wenn das Spiel sein „Ziel in sich selber hat“ (hier). Groos beschreibt es so: „Der Begriff der Ungerichtetheit, der ziemlich vieldeutig ist, darf nach meiner Ansicht für das allgemeine Wesen des Spiels nur dann Geltung beanspruchen, wenn dabei die Negierung der Zielgerichtetheit mit dem unentbehrlichen Zusatz verbunden wird: auf ein außerhalb der Spielsphäre gelegenes Ziel. […] Innerhalb der Spielsphäre kann man nämlich nicht allgemein von dem ‚Fehlen einer Steuerung‘ sprechen“ (ebd.). Beispielhaft bezieht er sich auf Buytendijk, für den „der Übergang zum ‚Sport‘ schon da beginn[t], wo der Ball ‚auf ein Ziel geworfen‘ wird […] und er nennt es eine ‚Entartung‘ des reinen Spiels, wenn sich das Hantieren mit Reif, Kreisel oder Murmel zu einem Wettkampf gestaltet“ (ebd.). Geht es hier immer noch um das Spiel? Die Sprache ist verräterisch.

Zu den Spielregeln bemerkt Groos, dass sie in ihrer einfachen Grundform „positive Verhaltensregeln“ beinhalten, „die man nur in erzwungener Weise negativ ausdrücken könnte“ und Belohnungen nach sich ziehen, wenn zum Beispiel der Gewinner „drei Schritte vorwärts springen darf“ (S. 360).

Was den „Bewegungsdrang […] als allgemeines Hauptmerkmal“ betrifft, so fallen nach Groos auch „manche[…] in äußerer Ruhelage ausgeführte[…] Spiele“ unter den Spielbegriff (ebd.). Der Autor schreibt von „’virtuellen‘ Bewegungen […]: bloße Bewegungsintensionen, die nur zu einem Bewegungsgefühl führen […]. Auf solchen Bewegungen beruht auch das Miterleben der Bewegungen, die der Spielgenosse oder der Spielgegenstand ausführt“ (ebd).

„Mit dem Bewegungsdrang hängt ferner die Rhythmik der Wiederholung zusammen […], die mit Erwartungs- und Erfüllungsgefühlen verbunden ist und dadurch unabhängig von der Qualität des Reizes Lust erregt“ (ebd).

Die „Einübungstheorie des Spiels“ führt Groos bis auf Platon zurück und verweist auf verschiedene Möglichkeiten des „Lebenswert[es] (survival value) des Spiels […]. Diejenige Nutzwirkung, die besonders für die Anfänge der Jugendentwicklung Geltung beansprucht, ist allerdings die Einübung oder unbeabsichtigte Selbstausbildung“ (S. 362). In diesem Sinne zitiert er Buytendijk zum „Einübungswert der Spieltätigkeiten“ […]. ‚Diese führen das Jugendliche zur Selbständigkeit und Bekanntheit mit der Umwelt, mit Dingen und Geschehnissen’“ (S. 363). Als Zusammenfassung der Einübungstheorie bemüht er ein Zitat von Thurnwald: „Das Kind wächst spielend in die nötigen Fertigkeiten hinein“ (ebd.).

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3 comments so far

  1. cspannagel on

    Was ich nicht verstehe: Weshalb sind Spielregeln in ihrer Grundhaltung „positiv“? Es gibt doch auch immer irgendwelche negativ formulierten Regeln, also etwas, das man „nicht darf“:
    * Du darfst den Ball aber nicht in die Hand nehmen. (Fußball)
    * Du darfst aber kein Wörterbuch benutzen (scrabble)
    * Eigennamen sind nicht erlaubt (Scrabble).
    * …

  2. […] ist eine zweite Chance für Karl, nachdem mich seine Sprache in diesem Beitrag mächtig verwunderte. Groos (1922) beginnt seinen Vortrag mit der Gegenüberstellung von […]

  3. Kristina Lucius on

    „Wer zuerst im Ziel ist, hat gewonnen.“, „Wer die meisten Wörter findet, hat gewonnen.“, „Wer mehr Tore schießt, hat gewonnen.“ – das sind alles positive Formulierungen.
    Die zusätzlichen Einschränkungen haben sich vermutlich Erwachsene (oder Verlierer) ausgedacht. Das könnte man aber überprüfen, indem man zum Beispiel Kindern ab Mitte/Ende der ersten Klasse ein Scrabble mit dem o. g. Ziel gibt. Denkst Du, dass sie 1. freiwillig in einem Wörterbuch suchen und 2. damit gewinnen würden? (#Spielforschungsidee).
    Andere Beispiele gibt es, wenn man Kinder beim Spielen auf dem Spielplatz beobachtet: Sie stellen selber Regeln auf im Sinne von „Wer kann am höchsten schaukeln? Wer springt am weitesten von der Rutsche? Wer baut den tiefsten Tunnel in den Sand?“ – und freuen sich königlich darüber. Erst, und wirklich erst dann, wenn Erwachsene dabei sind, heißt es sofort: „Du darfst nicht … so hoch, so weit, so tief!“ – aus den verschiedensten Gründen. Kinder nehmen Einschränkungen vermutlich selber anders vor: „Jetzt die Strecke rückwärts laufen, auf einem Bein hüpfen, mit geschlossenen Augen usw.“. Das stellt für mich einen höheren Schwierigkeitsgrad dar, aber keine negative Einschränkung.


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