Baumert: Auch Hochschullehrende sind nur Menschen

Bevor es zum Text von Baumert geht: Hörsäle habe ich bisher nur aus studentischer Sicht kennengelernt. Klar ist, dass verschiedene Dozenten mit unterschiedlicher Qualität Vorlesungen halten. Solche Unterschiede sind ja auch außerhalb der Universität nicht ungewöhnlich, wenn man an die verschiedenen Lehrer- und Schülerpersönlichkeiten in den Schulen denkt. Inzwischen bin ich etwas verunsichert, was die Richtung „Hochschuldidaktik“ betrifft. Im folgenden Artikel von Britta Baumert wird auf „Dinge“ verwiesen, die im Lehreralltag als selbstverständlich erscheinen. Dass es verschiedene Lehrer- und Schüler“typen“ gibt, erfährt jeder Schüler mehrmals im Schulalltag. Für diese Erkenntnis muss man also nicht einmal Lehrer sein. Meine Fragen: Warum ist das ein Thema für die Hochschuldidaktik? Über welche (didaktische, pädagogische) Ausbildung (?) verfügen Hochschullehrer? Herausgefunden habe ich bisher, dass Privatdozenten neben der (fachlichen?) Lehrbefähigung, die sie durch Promotion und Habilitation erreichen, auch eine Lehrbefugnis erhalten (Tenorth & Tippelt, 2012, S. 575). Müssen sie neben dieser Lehrberechtigung keine weiteren Kenntnisse, z. B. in Pädagogik, Psychologie oder Didaktik nachweisen, um an der Hochschule zu lehren? Und, was ist mit den Lehrbeauftragten oder Lehrenden, die noch keine Qualifikationen nachweisen können? Die Antworten könnten den „Spielansatz“ noch in eine völlig andere Richtung lenken, oder? – Zum Text von Baumert:

Unterschiede. Baumert unterscheidet zunächst zwischen intro- und extrovertierten Lehrenden sowie zwischen „Studierende[n], die kreativen Lehr-/Lernmethoden grundsätzlich aufgeschlossen sind“ und „Studierende[n], für die didaktische Methoden im späteren Beruf keine Rolle spielen. Deshalb gilt: „Schon bei der Planung von Veranstaltungen sollte nicht nur die Diversität der Studierenden(gruppe) berücksichtigt werden, sondern auch die eigene Person“ (S. 19). Wie die Umsetzung gelingen kann, stellt sich die Autoren folgendermaßen vor.

Vorlesung als Unterhaltung? – Authentiziät der Lehrenden.

„Nicht jede/r Lehrende ist ein begnadeter Entertainer (vgl. Leicht-Scholten 2011) und nicht jedes Seminarthema ist spannend und bewegend zu gestalten. Es kann nicht allein darum gehen, die Studierenden 90 Minuten zu unterhalten. Viel wichtiger als Entertainer-Qualitäten ist im Umgang mit den Studierenden das Bewahren der eigenen Authentizität…“ (S. 19).

Lehrende – Lernerfolg – gute Lehre.  Baumert hält

„die Lehrperson eine der wichtigsten Einflussgrößen für den Lernerfolg der Studierenden. Und so hängt der Lernerfolg der Studierenden auch vom persönlichen Engagement des/der Dozenten/in ab (vgl. Wintermantel 2011, S. 7). Der/die Lehrende sollte von dem, was er/sie lehrt, begeistert sein und motiviert sein, diese Begeisterung auf die Studierenden zuübertragen. Wenn es ihm/ihr in seiner/ihrer Lehre gelingt, die Studierenden dazu zu bringen, den Stoff begreifen zu wollen, ist er/sie auf dem Weg zu guter Lehre (vgl. Tremp 2011, S. 15). Das kann wiederum nur gelingen, wenn er/sie sich als Person ernst nimmt und die eigene Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen konstruktiv in die Lehre einbringt“ (S. 20).

Studierendenzentrierung.

„Zentral für den Erfolg war neben der größtmöglichen Freiheit bei der Umsetzung von Bologna auch die klare Studierendenzentrierung. Studierende und Lehrende konzipierten gemeinsam Studiengänge, die auf die jeweilige Fachkultur zugeschnitten wurden […]  So können auch die laufenden Studiengänge überarbeitet und an die Bedürfnisse der Studierenden und Lehrenden angepasst werden (vgl. Kirchgeßner 2012, S. 54)“ (S. 20).

Flexibilität. Der Wechsel von „Veranstaltungsformaten […] bewirkt zum einen die Einbeziehung der Interessen, Kompetenzen und Voraussetzungen der Lehrenden, zum anderen ermöglicht sie darüber hinaus eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Studierenden“ (S. 20).

Perspektivwechsel.

„Die Studierendenzentrierung gilt als Schlüsselkriterium für gute Lehre. [… Sie ist] eine Haltung, die Lehrende einnehmen sollten. Es gilt die Perspektive zu wechseln:… (S. 20) „…vom Lehren zum Lernen. […] Es ist wichtig, dass Lehrende die Lernprozesse von Studierenden verstehen und eigene Konzepte zur Förderung dieser Lernprozesse entwickeln (vgl. Wissenschaftsrat 2008, S. 66). Wie das konkret geschehen kann, liegt nun wieder in der Verantwortung der Lehrenden. Denn Studierendenzentrierung kann nicht nur auf eine Art und Weise geschehen“ (S. 20f).

Studierende – Frontalunterricht – Moderatoren/Begleiter – Möglichkeiten – gute Lehre.

„So verschieden die Studierenden sind, so verschieden kann auch gute Lehre aussehen […] Einige Lehrende können in klassischer frontaler Lehre mitreißend von ihrem eigenen Forschungsverständnis erzählen und so den Studierenden wiederum einen eigenen Zugang zur Forschung eröffnen.  Andere Lehrende verstehen sich eher als Moderator/in. Sie begleiten die Studierenden durch die Lernprozesse und fungieren als Berater/in und Unterstützer/in. Eine weitere Möglichkeit ist die direkte  Kontaktaufnahme zu den Studierenden. Wer den/die einzelne(n) Studierende(n) direkt mit Namen anspricht und nach seiner/ihrer Motivation, seinem/ihrem Zugang zum Thema, seinen/ihren Schwierigkeiten und seiner/ihrer Kritik fragt, involviert den/die Lernende(n) in den Lehr-Lernprozess, ohne eine bestimmte Methode oder ein konkretes Konzept anwenden zu müssen“ (S. 21).

Über die Vorlesung hinaus.

„Studierendenzentrierung bedeutet also nicht zwangsläufig das Mitwirken von Studierenden an Prozessen, sondern die Lehre vom Lernen aus zu denken (Wildt 2011, S. 9). Ein solcher Perspektivwechsel vom Lehren zum Lernen beinhaltet aber nicht nur die konkreten 90 Minuten Lehrveranstaltung, sondern bedeutet eine tatsächliche Veränderung meiner Haltung als  Lehrende/r. Der deutsche Wissenschaftsrat fordert daher von den Lehrenden sowohl ein hohes Engagement bezüglich der Vorbereitung, Durchführung und Weiterentwicklung der Lehrveranstaltungen als auch in den dazugehörigen Bereichen Beratung, Feedback und Betreuung (Wissenschaftsrat 2008, S. 63f)“ (S. 21).

Vorschlag. 

„Als Lehrende/r ist es wichtig, die eigene Identität mit unserem fachwissenschaftlichen und didaktischen Potential zu wahren, sie aber gleichzeitig nicht als statisch, sondern sondern als einen Prozess zu sehen. Es ist wichtig, die eigene Persönlichkeit ernst zu nehmen, sich aber gleichzeitig zuzugestehen, sie permanent weiterzuentwickeln: ‚Je weniger wir an einem eingeübten Verhalten, an einmal vorgefassten Überzeugungen festzuhalten genötigt sind, je flexibler wir auf uns Begegnendes zu reagieren vermögen, umso mehr wirken wir authentisch – und somit als Lehrperson überzeugend.‘ (Rentschler 2010, S. 7)“ (S. 21).

Ziel: Gute Lehre – Wechselwirkung zwischen Dozenten  und Studenten.

„Denn ein Ziel von guter Lehre sollte auch immer das konstruktive Miteinander von Studierenden und Lehrenden sein. Dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass nicht nur wir Lehrenden die Studierenden beeinflussen, sondern auch die Studierenden Einfluss auf unsere Identität und Persönlichkeitsentwicklung nehmen (vgl. Rentschler 2010,S. 6)“ (S. 21).

Grenzen.

„Es gibt nicht die ideale Kommunikation im Seminar, nicht die ideale Lehrform, nicht den/die ideale/n Lehrende/n. Jede/r Lehrende muss versuchen, die Aufgabe der Lehre mit dem ihm/ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten bestmöglich zu erfüllen (vgl. Sommer 2012, S. 27). Es ist nicht möglich, mit jedem Inhalt alle Studierenden zu erreichen – das Lernen liegt in der Verantwortung der Studierenden, die Selektion von Bildungsofferten liegt nicht in unserer Hand. Zudem ist es nicht möglich, alle Studierenden gleichermaßen zu begeistern. So wie Lehrende verschieden sind, sind auch Studierende eigenständige Individuen, die sich durch unterschiedliche Aspekte angesprochen fühlen: ‚Es ist weder möglich noch nötig, von allen gleichermaßen geschätzt zu sein, denn es ist nicht meine Intellektualität, die im Rahmen studentischer Lehrevaluationen bewertet wird; es ist vielmehr meine gesamte (sichtbare und unsichtbare) Individualität – also eine überaus facettenreiche Entität, die selbstverständlich nicht mit allen anderen Entitäten meiner Umgebung harmonieren kann.‘ (Rentschler 2010, S. 16)“ (S. 21f).

Möglichkeiten – gute Lehre.

„Zunächst ist festzuhalten, dass neben didaktischen Prinzipien und Methodenvielfalt auch die Einstellung des/der Lehrenden den Studierenden und sich selbst gegenüber von großer Bedeutung ist. Wenn ich als Lehrende/r die Studierenden als heterogene individuelle Lernende ernst nehme, mich engagiere und bereit bin, meine Lehre aus Lernendenperspektive zu entwickeln, bin ich in jedem Fall auf dem richtigen Weg in Richtung guter Lehre. Wenn ich dann noch meine Individualität und Diversität zu anderen Lehrenden ernst nehme und bereit bin, meine Persönlichkeit und meine Kompetenzen zu reflektieren und in hochschuldidaktischen Schulungen, durch kollegiale Beratung oder durch Supervision weiterzuentwickeln (s. Abb. 2), um mir einen eigenen Stil anzueignen, stehen die Chancen auf ein konstruktives Miteinander von Lehrenden und Lernenden im universitären Alltag ziemlich gut (vgl. Sommer 2012, S. 27) […] Meinen eigenen Stil zu entwickeln bedeutet aber auch, mir zuzugestehen, anders zu sein als andere Lehrende […] Denn verschiedene Lehrende erreichen mit verschiedenen Ansätzen, Methoden und – nicht zu vergessen – mit ihrer individuellen Persönlichkeit unterschiedliche Studierende. So ist die Diversität der Lehrenden in jedem Fall als große Bereicherung zu sehen, die von der Hochschule und den Fächern gefördert werden muss und nicht durch zu enge Vorgaben und Angleichungen überdeckt werden darf“ (S. 22).

Die Literaturangaben aus dem obigen Beitrag (s. Tremp!):

„Deutscher Wissenschaftsrat (2008): Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium. Köln.

Kirchgeßner, Kilian (2010): Ein Lob der Vielfalt. In: Kreative Vielfalt. Wie deutsche Hochschulen den Bologna-Prozess nutzen. Bonn: Hochschulrektorenkonferenz.

Leicht-Scholten, Carmen (2011): Hochschule öffne dich, oder: Wie Vielfalt und Chancengerechtigkeit Hochschulen stärken. Aachen. http://www.migration-boell.de/web/integration/47_2781.asp [Stand 14.06.2012]

Rentschler, Michael (2010): Die didaktische Brezel. In: Behrendt, Brigitte / Tremp, Peter / Voss, Hans-Peter / Wildt, Johannes (Hrsg.): Neues Handbuch Hochschullehre. Berlin: Raabe, Griffmarke A 2.4.

Sommer, Angela (2010): Beiträge der Hamburger Kommunikationspsychologie zur Seminargestaltung: Praxisbeispiele und Empfehlungen. In: Behrendt, Brigitte / Tremp, Peter / Voss, Hans-Peter / Wildt, Johannes (Hrsg.): Neues Handbuch Hochschullehre. Berlin: Raabe, Griffmarke A 2.3.

Tremp, Peter (2011): Standardsituationen – Ein Zuspiel. In: Behrendt, Brigitte / Tremp, Peter / Voss, Hans-Peter / Wildt, Johannes (Hrsg.): Neues Handbuch Hochschullehre. Berlin: Raabe, Griffmarke A 1.4.

Wildt, Johannes (Interview, 2011): „Die Hochschuldidaktik muss Teil des strategischen Managements sein“. In: Gute Lehre. Frischer Wind an deutschen Hochschulen. Bonn: Hochschulrektorenkonferenz.

Wintermantel, Margret (Interview, 2011): “Freiraum lassen für Persönlichkeit”. In: Gute Lehre. Frischer Wind an deutschen Hochschulen. Bonn: Hochschulrektorenkonferenz.“ (S. 22)

Tipp:

„Hochschuldidaktik für Einsteiger:
Rummler, Monika (Hrsg.): Crashkurs Hochschuldidaktik. Grundlagen und Methoden guter Lehre. Weinheim, Basel: Beltz, 2011. ISBN: 978-3-407-36501-9
Die Autoren Monika Rummler, Petra Jordan, Peter Lyszczan, Thomas Nehls, Stefan Fricke, Silvio Kürschner und Günter Heitmann legen mit ihren Beiträgen den Grundstein für die hochschuldidaktischeQualifikation der Lehrenden. Viele Beispiele und Strategien erleichtern die Umsetzung in die Praxis, damit die Lehrveranstaltungen gelingen“ (S. 22)

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2 comments so far

  1. […] diesem Beitrag wurden einige Fragen zur Hochschuldidaktik an den Anfang gestellt. Wer sich ebenfalls für […]

  2. Zwischenspiel « Gedankenspiele on

    […] Mit dem nachfolgenden Text konnte meine Verunsicherung einigermaßen aufgehoben werden. Denn offensichtlich gibt es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen dem Unterricht in Schulen und Hochschulen (hier): […]


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