Horvath: Was tun mit den „digital natives“?

Wie lernen Studenten, die mit den sog. Neuen Medien aufgewachsen sind? Welche dieser Medien nutzen sie im Studium und wie bzw. wofür? Welche Funktion(en) soll eine Vorlesung erfüllen? Wie können Spiele im Hörsaal diese Funktion(en) unterstützen? Welche (methodischen) Anforderungen an (alle/nur ältere?) Dozenten entstehen durch die Veränderungen? Im Folgenden einige Zitate aus dem Artikel von Horvath (2007), die bei den Vorüberlegungen helfen können:

In seinem Beitrag verweist Horvath auf den Unterschied zwischen „digital natives“ und „digital immigrants“ und bezieht sich dabei auf Thesen von Prensky.

„Das Denken der Jungen, der „digital natives“, ist anders, aber nicht schlechter. Sie denken nach Ansicht Prenskys vernetzter, d.h. interdisziplinärer, interaktiver, verspielter, sprunghafter, weniger systematisch, aber dafür vielfach kreativer“ (S. 1).

Horvath nennt als Beispiel „die Plattform ‚Lunarstorm'“ aus Schweden: „80 Prozent aller schwedischen Teenager zwischen 12 und 20 Jahren sind dort Mitglied, sogar bei den 25-Jährigen ist jeder Zweite ein ‚Lunie'“ (S. 1).

Problem oder Potenzial?

„Es deutet vieles darauf hin, dass hier noch viele Potenziale bestehen, die noch gar nicht angedacht, geschweige denn ausgeschöpft sind. Die virtuelle Welt beeinflusst so die „eigentliche“ Realität, weil sie viele Menschen mobilisiert. Gerade die „digital natives“ sind eine nicht mehr zu ignorierende wirtschaftliche Macht. Sie erzwingen durch ihr Nutzungsverhalten auch einen Wandel in der Medienwelt“ (S. 1).

Studenten im Mittelpunkt der Vorlesung/lernerzentriert

„Doch es scheint wenig zielführend, die „digital natives“ und ihre Welt generell nur als Kulturverfall abzulehnen. Der unterstützenswerte Vorschlag Marc Prenskys lautet, dass die „digital natives“ zunächst einmal in ihrer Eigenart respektiert werden sollten. Wir sprechen von jungen Menschen, die über ein ungeheures kreatives Potenzial verfügen, die über Interaktionsmöglichkeiten im Internet ihren Gestaltungswillen ausdrücken, die kommunizieren und „netzwerken“, ohne sich sonderlich um nationale Engen zu kümmern – allein Letzteres ist ein gewaltiger Fortschritt nach einem Jahrhundert des Fanatismus und der Kriege! Das Wohl der jungen Auszubildenden soll im Mittelpunkt jedes Bildungssystems stehen; und ihnen ist sicherlich mehr geholfen, wenn überholte und unzeitgemäße Denk- und Bildungsstrukturen an ihre Lebensrealität angepasst werden, anstatt dass eine umgekehrte Anpassung (ohne wirkliche Chance auf Erfolg) erzwungen wird“ (S. 2).

Unterschiede in der Sprache

„Ausdrucksformen: Durch Doppelpunkt und Klammer werden in SMS oder E-Mails Smilies angedeutet wie dieser :), dazu gibt es orthographisch falsche, aber sehr gebräuchliche Abkürzungen (auf Englisch zum Beispiel „4“ statt „for“ oder „sum 1“ statt „someone“). Ein zwischen zwei Sternchen gesetztes Wort (zum Beispiel *freu* oder *grins*) kann nunmehr plötzlich ein Gefühl, eine Mimik oder Gestik des vor dem Bildschirm Sitzenden und für sein Gegenüber ansonsten Unsichtbaren ausdrücken. Dies alles ist zwar für Ältere ungewohnt, stellt aber noch nicht unbedingt den „Untergang des Abendlandes“ dar, sondern ist einerseits pragmatisch betrachtet einfach eine Erleichterung beim Tippen, andererseits, philosophisch betrachtet, der Beweis für eine lebendige Entwicklung von neuartigen sprachlichen Ausdrucksformen durch eine von bestimmten Medien geprägte Jugendkultur“ (S. 2).

„Warum eigentlich nicht?“

„Allein der Umstand, dass lebendige Entwicklungen in ihr möglich sind, sollte uns Respekt vor dem menschlichen Instrument der Sprache abnötigen. Und wenn jemand findet, dass eine solche Sprache im Alltag zwar üblich sein mag, aber auf keinen Fall Platz haben darf in „seriösen“ Arbeiten, etwa philosophischen Traktaten oder literarischen Werken, dem sei entgegnet: „Warum eigentlich nicht?“ Seneca und Plinius drückten ihre philosophischen und künstlerischen Gedanken auch in jenem Medium ihrer Zeit aus, das sie zutiefst innerlich faszinierte, nämlich dem Brief. Ist es da wirklich völlig „undenkbar, dass späteren Generationen eines Tages Klassiker der Weltliteratur begegnen, die Sammlungen von bedeutenden Gedanken in SMS- und Mailform enthalten? Gedanken einer Zeit bedienten sich bisher immer der Medien ihrer Zeit, und warum sollte sich dies grundsätzlich ändern“ (S. 2f).

Begründung anhand der Bedürfnisse

„Bewahrpädagogik ist fehl am Platz und führt nur zu jener Entfremdung zwischen Lehrenden und Lernenden, wie sie Marc Prensky befürchtet. Vorschläge zu einer Pädagogik, die den Bedürfnissen der „digital natives“ gerecht und die bereits von vielen engagierten Pädagoginnen und Pädagogen praktiziert wird, sollten stattdessen eher folgende Punkte besonders berücksichtigen“ (S. 3):

Vorschläge:

„➣ Stärkere Nutzung von Neuen Medien wie Internet, CD-ROM oder DVDs in allen Fächern, auch jenseits der Informatik.
➣ Stärkere Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern im Bereich Neue Medien.
➣ Ausbau von Interdisziplinarität bei der Konzipierung von Schulschwerpunkten, Wahlpflichtfächern, Maturaordnungen etc.
➣ Anregung der Schülerinnen und Schüler zu eigenem kritischen Nachdenken über etablierte Medienstrukturen und die eigene Mediennutzung in allen Fächern; Thematisierung von aktuellen Problemen im Zusammenhang mit der eigenen Lebens- und Medienrealität; Unterstützung von „Medienschwerpunkten“ an Schulen.
➣ Weitere Forschung zur Mediennutzung von jungen Menschen in Österreich und international und darauf aufbauende Entwicklung von Strategien für den Bildungsbereich; auch das Thema „digital natives“ bedarf einer eingehenderen wissenschaftlichen Bearbeitung in Österreich – international geschieht hier viel.11
➣ Aktives statt passives Lernen, d.h. Aneignung von Inhalten durch Projektarbeiten, Recherchieren, kreatives Gestalten. Gerade diese wichtige Forderung Karl Poppers ist im Zeitalter der „digital natives“ aktueller denn je, weil sie, wenn die Thesen Prenskys stimmen, ihrem Denken und ihrer Sozialisation deutlich entgegenkommt“ (S. 3).

Das Weblog als Zettelkasten – nichts anderes soll diese Zitatsammlung für mich sein. Die anfangs gestellten Fragen geben eine Richtung für die weitere Suche vor.

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2 comments so far

  1. […] diesem Beitrag tauchte die Frage nach Funktion(en) einer Vorlesung auf. Solche Veranstaltungen finden […]

  2. Zwischenspiel « Gedankenspiele on

    […] Studenten der heutigen Generation wachsen jedoch, im teilweisen Gegensatz zu ihren Dozenten, mit anderen, neuen Medien auf. Diese Mediennutzung könnte auch Auswirkungen auf das Lernen haben (hier). […]


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