Student gesucht – Lust gefunden

Es ist – wie so oft – eine Frage der Definition: Die Erwachsenenbildung gehört nach Giesecke (1990, S. 138) zum pädagogischen Freizeitangebot des sog. Tertiärbereiches. Ein Studium zählt nach dieser Auffassung zur Ausbildung. Burkhard und Weiß (2008, S. 142) hingegen ordnen sowohl die Hochschulausbildung als auch die Erwachsenenbildung dem Tertiärbereich zu. Damit stellte sich hier die nächste Frage: Wer oder was ist ein Student?

Relativ einfach lassen sich Informationen zum Alter von Studenten finden. Nach Keller und Novak (1993, S. 68) liegt das Alter der Studenten zwischen ca. 18 und 23 Jahren. Burkhardt und Weiß (2008, S. 142) setzen den Beginn etwa ein Jahr später an und lassen die obere Altersgrenze offen.

Schwieriger ist das mit dem Begriff „Student“. Wahrscheinlich ist jedem klar, was das Wort bedeutet. Ich weiß es nur „so ungefähr“ und schaue deshalb lieber noch einmal nach. Gefunden habe ich bei Wermke et al. (2007, S. 825) Erstaunliches: Das Verb „studieren“ wird übersetzt mit „lernen, [er]forschen; die Hochschule besuchen“. Vom lateinischen Verb studere ausgehend, lässt es sich auch mit „etwas eifrig betreiben, sich wissenschaftlich betätigen“ vergleichen. Ein Student ist demnach ein Lernender bzw. Schüler und das Fremdwort „Studium“ wird mit „wissenschaftliche [Er]forschung, intensive Beschäftigung mit einer Sache, Hochschulausbildung“ übersetzt. Alles bekannt und langweilig? Im Gegenteil! Aber, langsam, um es zu genießen: Die Pluralform von „Studium“ ist „Studien“ und zurück zum Singular kommt man auf – die „Studie“, was u. a. „Übung[sstück]“ bedeutet. Zwei Übersetzungen aus diesem Absatz sollen noch einmal hervorgehoben werden: „etwas eifrig betreiben“ und „Übung„.  Ist es weit hergeholt, wenn ich die Formulierungen mit den Begriffen „Flow“ und „Spiel“ in einen Zusammenhang bringe?

Weil ich nicht glauben kann, dass mich mein Ungefährwissen so getäuscht hat, suche ich nach weiteren Quellen und werde wieder überrascht. In einem Lehrbuch für Latein (Bayer, 1984, S. 228) wird studere übersetzt mit „sich bemühen, sich den Wissenschaften widmen. Für das Wort „Studium“ findet sich dort „Vorliebe, Bemühung, Eifer, wissenschaftliche Betätigung“. Ähnliches liest sich in einer weiteren, jedoch aktuelleren Schulbuchausgabe von Utz et al. (2011, S. 252): Das Substantiv Studium wird dort übersetzt mit „Beschäftigung, Engagement, Interesse“. –  Ein älteres Wörterbuch (Menge, 1972, S. 497) enthält jedoch für „Studium“ noch weitere Bedeutungen, nämlich „eifriges Streben, Lust, Begierde, […] Lieblingsbeschäftigung“. Welchen Grund mag es wohl haben, dass die Wörter „Lust“, „Begierde“ und „Lieblingsbeschäftigung“ heute sprachlich im Zusammenhang mit dem Studium weniger oder gar nicht mehr gebräuchlich sind?

Der vermutete Aufenthaltsort von Studenten ist die Universität. Deren (Vor-)Geschichte beginnt in der Antike. Dort gilt die Uni als höchste Form des Unterrichts, der lehrerzentriert ist und bis zu fünf Jahren dauert. Dafür bezahlen die Schüler ein sog. „Hörergeld“. „Der Unterricht beruht auf den drei Säulen Unterweisung in der Technik, Nachahmung, Einübung“ (Burkhard & Weiß, 2008, S. 35). – Mittelalter: Der Begriff „Student“ taucht im Zusammenhang mit der Gründung der ersten (unabhängigen) Universitäten im 11. Jahrhundert auf. „Die Lehrveranstaltungen bestehen aus Vorlesung, […], Disputationen und Repetitorien“, wobei die Vorlesungen oft am Vormittag stattfanden und nachmittags „Übungen und Repititionen“ abgehalten wurden (ders., S. 41).  – Über die Hochschulen zur Zeit der Reformation im 16. Jh. unter dem Einfluss der Kirche schreiben die Autoren: „Körperliche Strafen sind verpönt. Dagegen sollen Preisaufgaben, Wettstreit und Ehrenämter die Leistungsbereitschaft motivieren“ (ders., S. 55).  Burkhard und Weiß merken außerdem eine „Verschulung des Unterrichts“ an (ebd.). – Im 17. Jh. versanken die Universitäten in kurzzeitiger Bedeutungslosigkeit, „da ihre Organisationsstruktur und ihre Lerninhalte sich den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen gegenüber verschließen“ (ders, S. 81), um im 18. Jh. als „Forschungsstätten“ wieder aufzublühen und „ihre charakteristische Aufgabe in der Verbindung von Forschung und Lehre [zu] finden“ (ebd.). – 19. Jh.: „Grundlegend sind […] die Einheit von Forschung und Lehre als gemeinsame Wahrheitssuche von Professoren und Studenten…“ (Gudjons, 2012, S. 95). Die „Professoren und Studenten beschäftigen sich mit offenen Fragen und ungelösten Problemen“ (Burkhard & Weiß, S. 85). Dadurch ändert sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis: „Die Professoren sind nicht für die Lernenden da, sondern beide zusammen für die Wissenschaft“ (ebd.). Unter dem Stichwort „Selbstbildung“ heißt es weiter: „[D]er Student ist frei und eigenverantwortlich. Studienordnungen und Prüfungen sind daher abzulehnen“ (ebd.). – Im 20. Jh. ist eine erneute Verschulung der universitären Ausbildung durch Umstellung von Diplom- auf Bachelor- und Masterabschlüsse zu verzeichnen (ders., S. 143). „Um 1970 wurden dann Studien- und Prüfungsordnungen erlassen, die u. a. zwischenzeitliche Leistungsnachweise vorsehen“ (Tenorth & Tippelt, 2012, S. 322).

Respekt vor denjenigen, die all‘ das schon verinnerlicht haben! Einübung in der Antike, Übung im Mittelalter, Preisaufgaben und Wettstreit als Motivation im 16. Jh., ein verändertes Lehrer-Schüler-Verhältnis durch gemeinsames Forschen im 19. Jh. sowie Lust, Begierde und Lieblingsbeschäftigung im 20. Jh. – aus diesen Begriffen im Zusammenhang mit dem Wort „Studium“ ergibt sich doch ein völlig neuer Blick auf die Richtung „Hörsaalspiele“! Ich erliege der Versuchung und lasse mich zu der vorläufigen Vermutung hinreißen, dass Studenten begierig auf Spiele im Hörsaal sind.

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3 comments so far

  1. […] die Universitäten aus der vorübergehenden Versenkung auftauchten (zur kleinen Geschichte siehe hier). “Hörsaal” führt also sprachlich zum Begriff “Vorlesung”. Die Vorlesung […]

  2. Zwischenspiel « Gedankenspiele on

    […] Das Studium könnte also zwischen Schulbildung und Erwachsenenbildung eingeordnet werden.  Was aber bedeutet “studieren” bzw. “Studium” (hier)? […]

  3. Spielplan II | GedanKenspieLe on

    […] für das Studium entschieden haben? Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte der Universität (hier). Schon im 16. Jahrhundert sollen Preisaufgaben sowie Wettstreit zur Motivation und […]


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