Serious Games

Im Text von Schrader und Niegemann (2007, siehe auch hier) stolperte ich ‚mal wieder über den Begriff „Serious Games“, mit dem in der Erwachsenenbildung Computerspiele bezeichnet werden (S. 18). „Serious“ klingt für mich nach „seriös“. Weil ich den Eindruck hatte, dass hier irgend etwas unstimmig ist, suchte ich im Wörterbuch und fand dort die Übersetzungen „ernst, ernsthaft, ernst gemeint und schwer“. Sie stimmen also mit der deutschen Bezeichnung des Wortes „seriös“ (aus der französischen Sprache) überein (Wermke et al., 2007, S. 928). Falls sich zufällig jemand fragt, warum ich hier so kleinlich bin: Mich haut dieser Widerspruch förmlich aus den Socken! „Serious Games“ scheint inzwischen ein Fachbegriff zu sein. Was hat sich die Fachwelt dabei gedacht, als sie sich für die Wortkombination „ernsthafte Spiele“ entschied? Ein Spiel ist ein Spiel. Warum muss im Zusammenhang mit Wissensvermittlung, vornehmlich in der Erwachsenenbildung, unbedingt die Ernsthaftigkeit erwähnt oder sogar hervorgehoben werden? Reicht der „Ernst des Lebens“ noch nicht aus? Warum soll überhaupt Ernst in das Spiel gebracht werden? Ist Lachen plötzlich ungesund? Würde von den Lernenden die Wissensvermittlung nicht ernst genommen, wenn sie als Spiel daher käme? Wer kommt überhaupt auf solche sprachlichen Ideen? Ein Spiel bleibt ein Spiel.

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9 comments so far

  1. Oliver Tacke on

    Mag den Gedankengang.

  2. Kristina Lucius on

    Ernsthaft? 😉

  3. Beobachter der Moderne on

    „Ein Spiel bleibt ein Spiel.“

    Machst Du es dir damit nicht ein bisschen zu einfach? Denn dieser Satz setzt voraus, dass Du bereits weißt was ein Spiel IST. Ist der Sinn und Zweck dieses Blogs nicht u. a. die verschiedenen Begriffsdefinitionen zusammenzutragen? Und zeigen nicht die unterschiedlichen Definitionen, dass man Spiele sehr unterschiedlich definieren kann? Je nachdem welche Begriffe – ich würde genauer sagen Unterscheidungen – man für die Definition benutzt, kann man mit der Bezeichnung „Spiel“ sehr unterschiedliche Sachen beobachten (unterscheiden). Mit „Serious Games“ haben wir jetzt den Fall, dass bei einer möglichen Form der Unterscheidung – nämlich Spiel/Ernst – eine Seite der Unterscheidung (Ernst) auf der anderen Seite (Spiel) wieder eintritt und wir plötzlich ernste Spiele beobachten können. George Spencer Brown bezeichnet das auch als re-entry.

    Was nun? Es gibt zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Zum einen kann man mit einer minimalen Begriffsdefinition arbeiten. Damit bekommt man einen sehr weiten Blick und kann sehr viele Phänomene mit dem Begriff beobachten. Die Möglichkeit des re-entries ist aber sehr groß. Zum anderen kann man eine komplexe Begriffsdefinitionen verwenden. Dafür reichert man die Definition mit immer mehr Begriffen an bzw. macht die Definition immer komplexer. Dadurch werden die Beobachtungsmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt. Entsprechend wenig kann man dann mit dem Begriff beobachten. Das reduziert zwar die Gefahr eines re-entries. Je nachdem wie geschickt man sich bei der Definition anstellt, schließt aber auch das einen re-entry nicht aus. Anstatt diesen logischen Widerspruch zu vermeiden, sollte man sich heute lieber auf diesen Fall einstellen. Schon Niklas Luhmann wies darauf hin, dass Paradoxien die Kreativität anregen.

    Vergleicht man nun verschiedene Begriffsdefinitionen stellt man sehr schnell fest, dass man in Grunde alles und nichts z.B. eben als Spiel beobachten kann. Damit am Ende nicht nur die Erkenntnis steht, dass es sehr viele verschiedene Arten der Beobachtung von Spielen gibt, sondern man auch über Spiele etwas sinnvolles sagen kann, muss man sich für eine Art der Beobachtung (Definition) entscheiden und damit beobachten. Beide Wege – ob enge oder weite Definition – haben ihre Vor- und Nachteile. Aber die Tautologie „Ein Spiel ist ein Spiel“ muss in eine Paradoxie verwandelt werden a la „Ein Spiel ist etwas anderes“. Aber was…? An der Stelle wärst Du dann gefragt.

    Wenn wir schon mal beim Thema ernste Spiele sind, empfehle ich Dir von Erving Goffman den Text „Wo was los ist – wo es action gibt“ (in ders: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation). Bei Poker(spiel)-Übertragungen wird heute wie selbstverständlich von ‚action‘ gesprochen. Mit diesem Text versteht man erst, was damit gemeint ist. Ich glaub selbst die ‚action‘ in ‚Action-Film‘ bezieht sich darauf. Mit dem Begriff „action“ zeigt Goffman, dass auch im (ernsten) Leben gespielt wird. Er bezeichnet das bloß als Charakterwettkämpfe. Das könnte vielleicht auch für Dich ganz interessant sein. Eine extrem verkürzte Darstellung findest Du in Abschnitt VI meines Troll-Textes. Gerade bei der Lektüre von Goffman sieht man, wie dehnbar das Verständnis von Spielen sein kann. Das kulminiert schließlich im deutschen Titel seines bekanntesten Buches „Wir alle spielen Theater“. Man beachte, wir alle SPIELEN uns selbst.

    Ich hoffe das kam jetzt nicht zu belehrend rüber. Ich wollte nur auf eine Tücke des Beobachtens – im Sinne von unterscheidendem Bezeichnen – aufmerksam machen.

  4. Thomas Franz on

    Hallo,
    Ich finde den Begriff auch nicht soo gelungen. Bei mir im Hinterkopf ist mit Serious Games auch immer noch mit ein etwas verschultes Business E-Learning verknüpft.
    Den Begriff Serious würde ich aber trotzdem nicht allzu „ernst“ nehmen. Nicht das Spiel ist meiner Meinung dann ernst, sondern vielmehr der Zweck. Wenn ich ein „Ballerspiel“ spielen würde, so könnte ich nicht wirklich viel ernstes damit anfangen. Wohingegen ein, benutzen wir mal ein anderes Wort, Lernspiel zu etwas befähigen soll. Man kann, soll, im Ernst des Lebens etwas damit anfangen. Wieviel, hängt natürlich von Spiel und Thema ab 😉

  5. Kristina Lucius on

    @ Beobachter: Nein, Deinen Kommentar habe ich nicht als belehrend empfunden. Im Gegenteil: Ich freue mich immer wieder über neue Gedanken und lasse ich mich gerne belehren .
    Ob ich das Phänomen Spiel jemals in Worten zu fassen bekomme, weiß ich natürlich nicht. Die Suche hat ja erst begonnen. Wenn ich jedoch merke, dass ich mit einer Sache nicht weiter komme, mache ich zwischenzeitlich – wie ein Musiker – mit einem anderen Stück weiter. Dieser Zeitpunkt war nun erreicht und ich habe mich mächtig geärgert: Über meine Ahnungslosigkeit und den Drang, das Wortspiel „Serious Games“ (vielleicht ist gar nichts anderes damit gemeint?) selbst zu ernst zu nehmen.
    Deinen Blogbeitrag habe ich eben noch einmal gelesen. Was willst Du mir mit diesem Hinweis sagen? Ich verstehe den Zusammenhang nicht.

  6. Kristina Lucius on

    Hallo Thomas, die Frage nach der Funktion oder Aufgabe von Spielen habe ich mir auch schon gestellt. Ich vermute, dass der Grad der Ernsthaftigkeit damit zu tun haben könnte. In der Kirche wird schließlich auch mit heiligem Ernst und Ritualen gespielt, wenn ich das richtig verstehe…

  7. Beobachter der Moderne on

    Für Dein Thema wollte ich Dich nur darauf hinweisen, dass Goffmans Verständnis dessen, was er als action beschreibt auch für Spiele relevant sein kann. Denn es ist häufig nicht der Spaß sondern die action, die Spiele interessant machen – z. B. beim Pokern. Ich sehe den action-Begriff in der Linie Spaß – Flow – action. Es wäre ja mal eine spannende Frage, ob man action-lastige Hörsaalspiele entwerfen kann? Man könnte zum Beispiel aus der Zensurenjagd einen Charakterwettkampf machen. So könnten Studenten lernen spielerisch mit Leistungsdruck umzugehen. Das auf diese Weise angestachelte Engagement könnte bei den Studenten vielleicht auch zu Flow-Erlebnissen führen. Das ist jetzt einfach mal wild drauflos gesponnen. Ich bin aber kein Pädagoge oder Erziehungswissenschaftler. Ab hier wären dann die Profis gefragt. Es würde mich nicht überraschen, wenn die schon wesentlich weiter sind.

  8. Kristina Lucius on

    Gut, dass ich gefragt habe! 😉 Die Begriffe „Wettkampf“, „Gewinn“ und „Verlust“ von Image sowie Unter-/Überordnung verwirrten mich zu sehr… Aber, die Idee, über ein Spiel zum Flow zu kommen, gefällt mir sehr gut! Das ist ein schönes Ziel. Danke Dir für Deine Mühe!

  9. Zwischenspiel « Gedankenspiele on

    […] Neben “Trigger”, “looping” und “comm” fiel mir im o. g. Text ein weiterer Begriff auf, dessen Widerspruch mich einigermaßen irritierte (hier): […]


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