Lazarus über Tanz als Spiel

Vor fast fünf Jahren waren sowohl eine Interviewperson als auch ich uns im Augenblick des Gespräches nicht ganz sicher, ob Tanzen ein Spiel sei. Diese Frage geisterte mir, umgeben von weiteren Themen, seitdem durch den Kopf. Inzwischen habe ich im Text „Über die Reize des Spiels“ von Moritz Lazarus (1883; feinstes Sütterlin) eine vorläufige Antwort gefunden.

Lazarus klassifiziert Spiele in drei Kategorien: Zufalls- und Verstandesspiele als älteste Spielarten, Übungsspiele und Idealspiele. Die Übungsspiele unterteilt er in Tätigkeiten zur Entwicklung von kognitiven und motorischen Fertigkeiten, die dazu dienen sollen, geistige und körperliche Anstrengungen zu überwinden, um die jeweilige Arbeit spielerisch i. S. v. leicht ausführen zu können. Lazarus wählt als Erklärung folgenden Vergleich: Während stundenlanges Gehen langweilig und mühsam sein kann, erscheint mehrstündiges Tanzen oft angenehm und leicht. Gehen bezeichnet der Autor zudem als eine zielgerichtete Tätigkeit auf einer geraden Linie, Tanzen hingegen als eine kreisförmige Bewegung, die immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt und nur auf eben diese Bewegung gerichtet ist.

„Somit ist das Tanzen nicht bloß ein allegorisches Abbild des Spiels, daß auf keinen bestimmten Zweck hinzielt, vielmehr in der Thätigkeit selbst den Zweck, nämlich das Vergnügen enthält, sondern eine verkörperte Form des selben“ (S. 128f.).

Mit dieser Begründung ordnet Lazarus den Tanz in die Kategorie Übungsspiele ein und nennt zugleich zwei Merkmale von Spiel, die im Tanz enthalten sind: Selbstzweck und Freude. Es lassen sich aber noch weitere Kennzeichen von Spiel erkennen: Tänze zu Lazarus‘ Zeiten und aktuell Gesellschaftstänze unterliegen bestimmten Regeln, werden freiwillig ausgeführt, bilden einen Kontrast zum Alltag, führen zu Lerneffekten, sind wiederholbar sowie begrenzt in Zeit und Raum. Sogar das Merkmal Scheinhaftigkeit liegt beim Tanz nach der Erklärung von Lazarus vor. Offenkundig wird die Scheinhaftigkeit des Tanzes z. B. beim sogenannten Moonwalk, einem Tanzschritt, der in den 1980er Jahren durch Michael Jackson populär wurde und eine Vorwärtsbewegung durch Rückwärtslaufen vortäuscht. Der Schwan ist im Ballett kein Schwan und stirbt natürlich auch nicht usw. Leider habe ich all‘ das vor einigen Jahren noch nicht miteinander in Verbindung bringen können. Andererseits beeinflußt dieses Wissen die Analyse des Interviews nicht. Die Frage nach dem Tanz als Spiel spielt für das Thema Hörsaalspiele erst einmal keine große Rolle. Für mich war das Suchen und Finden einer Antwort einfach nur schön. Und wer bringt Schönheit mit Spiel in Verbindung? Friedrich Schiller. Aber, das ist schon wieder ein anderes, schönes Thema.

Literatur: Lazarus, M. (1883). Über die Reize des Spiels. Berlin: Dümmler.

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